23.06.1965

STEWARDESSENTarif für Bienen

Die Flight-Stewardeß war vom Flugplatz zur Verabredung geeilt. Etwas atemlos saß sie dem Mann gegenüber, der Antwort auf eine entscheidende Frage begehrte. Nachdenklich blickte sie ihn an und sagte schließlich: "Ja, wir wollen einen Tarifvertrag."
Nachdem sich Patrick Gillibrand, Deutschland-Direktor der britischen. Fluggesellschaft BEA, diese betriebsklimatische Bestätigung eingeholt hatte, erfüllte er den Herzenswunsch seiner 99 fliegenden Damen: Mit der Gewerkschaft ÖTV vereinbarte er jetzt einen Manteltarif für Stewardessen im Berlin-Dienst.
Nicht ohne Grund entpuppten sich die fliegenden Damen als rührige Klassenkämpferinnen. Im modernen Massenluftverkehr und schon gar im Berlin -Verkehr. (Jahreskapazität: 2,7. Millionen Fluggäste) hat sich der Traumberuf zum Knochen-Job gewandelt. ÖTV-Vertreter Kölsch: "Man macht sich falsche Vorstellungen. Das sind keine Luftköniginnen, sondern Arbeitsbienen."
In häufig ausgebuchten Maschinen jonglieren die insgesamt 239 Berlin -Stewardessen von BEA, Pan Am und Air France pro 60-Minuten-Flug mit nahezu 80 Dinner-Tabletts, servieren Drinks, beruhigen alte Damen und trösten schreiende Kinder. Mit dem Glamour -Dasein, das die Stewardessen nach mitunter gehegter Vorstellung führen, hat die Luftkellnerinnen-Existenz von heute kaum noch, etwas gemein.
Die Zahl der monatlichen Flugstunden im Berlin-Verkehr liegt bei 90. Dazu kommen noch mehr als 100 Stunden Bereitschaftsdienst, um notfalls für erkrankte Kolleginnen einspringen zu können. Denn während des Dauereinsatzes im Sommer steigt, die berufsbedingte Krankenrate. Diagnose: schmerzhafte Blutstauungen in den Füßen.
Unter den Stewardessen erscholl daher schon vor Jahren der Ruf, nach sozialer Sicherheit. Doch war im Beginn nur die Air France zu Zugeständnissen bereit: Ihre 30 deutschen Damen sind Beschäftigte der Republik Frankreich und damit automatisch Schützlinge der kampferprobten Pariser Gewerkschaft Force Ouvrière.
Die englische BEA und die amerikanische Pan Am, die in Deutschland autonome Dienste unterhalten, zeigten hingegen kein Interesse an kostensteigernden Kollektiv-Verträgen. Sie erteilten ihren Bittstellerinnen einen Korb. Begründung: Fliegendes Personal sei vom deutschen Arbeitsrecht ausgenommen.
In dieser Situation besannen sich die Berliner Luft-Starlets werktätiger Stärke: Sie wurden Mitglieder der Gewerkschaft ÖTV, die in der Luftfahrtbranche als Protektor der Lufthansa -Beschäftigten Anerkennung fand. Der Berliner ÖTV-Altvorsitzende Fritz Meyke gelobte schon vor Jahren für die ledigen Aero-Damen: "Wir wollen mehr als Mutterschutz.
Mit dem Aufwind einer hundertprozentigen Organisierung ging die ÖTV an den Tarifstart - aber erst nach 13
Jahren klappte die Tarif-Landung: Die Briten, des langen Palavers und wiederholter Streikdrohungen müde, billigten zu Lufthansa-Bedingungen
- einen Gehaltstarif, der Einkommen
zwischen 660 und 945 Mark garantiert;
- einen Manteltarif, der Arbeitszeiten (70 Flugstunden monatlich), Urlaub und soziale Vergütungen festlegt. ÖTV-Kölsch über die späte Kompromißbereitschaft der BEA: "Wie eine Frau. Erst wehrt sie sich lange. Aber wenn sie nachgibt, dann ohne Vorbehalte."
Den Amerikanern, die jeden Tarifschluß beharrlich verweigern, kündigte die Gewerkschaft nunmehr "Deutsch-Unterricht" an: "Schließlich leben wir alle in Deutschland und nicht in Timbuktu oder in Maghrebinien."
Allerdings ist der Anspruch der ÖTV, als Vertreterin der 110 Pan-Am-Damen aufzutreten, schwach. Bisher liegt im Stuttgarter Gewerkschaftshaus nämlich keine neue Vollmacht der Stewardessen vor. Den alten Verhandlungsauftrag hatten die amerikanischen Direktoren 1963 geschickt außer Kurs gesetzt:
Sie luden einige ihrer fliegenden Arbeitnehmerinnen zu Sekt und Steaks in das Hilton-Hotel ein. Während einer Klausurtagung von zwölf Stunden (ÖTV: "Gehirnwäsche") offerierten sie individuelle Arbeitsverträge, verlangten aber als Gegenpreis, der Gewerkschaft den Laufpaß zu geben. Die Damen akzeptierten.
Auf das Ja-Wort von damals kann die Pan Am heute pochen.
BEA-Stewardeß an Bord: "Wir wollen mehr als Mutterschutz"

DER SPIEGEL 26/1965
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