23.06.1965

TURMGEWÄCHSHÄUSERPrimeln im Paternoster

Der Gärtner sitzt im Lehnstuhl. Ohne sich zu erheben, düngt, jätet und begießt er das Gemüse: Im Fließbandtempo (1,4 Meter je Minute) kommen Salat- oder Tomaten-, Paprikaschoten - oder Pilzbeete an seinem Kommandostand vorbeigefahren. Mit einer handlichen Stiel-Brause pflegt er das Pflanzengut.
Entspannte Gärtner, denen Rückenschmerzen fremd sind, und eine Menschheit ohne Hunger - solche humanitären Wunschträume soll eine Vorrichtung verwirklichen, die ein österreichischer Maschinenbau-Ingenieur ersonnen hat und die Anfang dieses Monats im Forschungsgarten der Bayer-Werke, Leverkusen, in Betrieb genommen wurde: das Turmgewächshaus - ein rundum verglaster Turmbau von der Höhe eines vielstöckigen Hauses, in dem Gemüse- oder Blumenbeete nach Art eines Paternosters auf- und niederschweben. Ein Kunstklima im Innern des Glasturms bewirkt Rekordernten.
Die Idee zu dem revolutionären Turm-Anbauverfahren, mit dem die Landwirtschaft in die dritte Dimension und in die Ära der Automation vorstößt, stammt von dem Diplom-Ingenieur Othmar Ruthner, 53, Ehrensenator der Wiener Technischen Hochschule und Chef der "Ruthner Industrieanlagen für Pflanzenbau Gesellschaft m. b. H." in Wien.
Ruthner, dessen 1000-Mann-Fabrik mit dem Bau von Anlagen zur Stahlbereitung und -veredelung befaßt ist, sagte schon bald nach Kriegsende den, wie er meint, noch immer "archaischen Methoden" des Landbaus den Kampf an. Jetzt beginnt seine Paternoster -Idee sich durchzusetzen:
Auftraggeber in insgesamt 30 Staaten wollen sich seiner bis zu 40 Meter hoch aufragenden Chlorophyll-Retorten aus Glas, Stahl und Kunststoff bedienen. Schon ist ein Dutzend seiner Gewächstürme in Betrieb, vier davon in der Bundesrepublik und in West-Berlin.
Die Technische Hochschule Hannover, die Berliner Technische Universität und die Bayer-Pflanzenschutzabteilung züchten darin Versuchspflanzen. Der Großgärtner Robert Mayer in Bamberg entdeckte als erster Westdeutscher den wirtschaftlichen Nutzen - er produziert in einem Ruthner-Turm Primeln und Alpenveilchen.
In der Tat ist das Ruthnersche Glasturm-Verfahren, wie jüngst die "New York Times" formulierte, "der erste Schritt zu einer fabrikmäßigen Herstellung von Blumen und Gemüse". In den Pflanz-Türmen des Wiener Ingenieurs bleibt keine Phase des Wachstums mehr dem Zufall überlassen.
Die hochragenden Gemüsefabriken haben unterschiedliche Größe. In dem kleineren Modell (Höhe: rund 14 Meter) wandern 480 gondelartig aufgehängte Plastikschalen oder 9500 Blumentöpfe in stetem Umlauf auf und nieder. Sie sind mit Spezialerde oder Nährflüssigkeit gefüllt und durchschweben ein automatisch überwachtes Kunstklima, das den Wachstumsprozeß beschleunigt. Sprühdüsen oder Wasserwannen,
in die das Pflanzgut regelmäßig mit den Wurzeln eintaucht, sorgen für Befeuchtung. Rekordernten, in Rekordzeiten gewachsen, können sodann am Fuß des Turmes entnommen werden.
Ein einziger Arbeitsmann genügt, das grüne Uhrwerk in Gang zu halten. Nach dem Ruthner-Motto "Pflanze kommt zum Gärtner" läßt er die Gondeln zu sich heranschweben, stoppt sie für die Zeit der nötigen Handgriffe und setzt dann den Paternoster wieder in Bewegung. An einem Kontrollpult bestimmt er mittels Knopfdrucks die richtige Zusammensetzung der Nährlösung und die erwünschte CO2-Begasung; Meßinstrumente geben ihm Aufschluß über Wurzelfeuchtigkeit, Temperatur und Lüftungsstrom. Bis unmittelbar vor Sonnenuntergang, wenn flache Gewächshäuser längst im Schatten liegen, scheint Sonne in den Turm, bei Nacht oder bei düsterem Wetter kann künstlich bestrahlt werden.
Auf diese Weise sichert der Gemüse -Ingenieur einen "optimalen Vegetationsablauf". Den Zeitgewinn, der sich dadurch gegenüber herkömmlichen Anbaumethoden erzielen läßt, beziffert Ruthner auf "mindestens 50 Prozent". Und er rechnet weiter: "Die Hälfte der gärtnerischen Energie wurde bisher - statistisch erwiesen - für unproduktives Gehen, Tragen und Bücken verpulvert."
Doch neben schlaraffenländischen Arbeitsbedingungen und Rekordernten verheißen die Ruthner-Türme noch eine Reihe weiterer Vorteile:
- Sie könnten bei kopfstarken Völkern
ohne Raum - die Nahrungsprobleme lösen - das etwa 40 Meter hohe Pflanzenhaus, das eine Bodenfläche von nur acht Meter Durchmesser einnimmt, entspricht einer Kulturfläche von rund 1000 Quadratmeter.
- Da die Turmpflanzen während des ganzen Jahres gedeihen, lassen sich sommerliche Überangebote und Preisspitzen im Winter meiden.
- Lange Transportwege entfallen - denn jedes kleine Gemeinwesen wird sich dereinst mit eigenen Glastürmen autark versorgen können.
- Der Landbau überspringt die Klimagrenzen - da die gläserne Wandfläche der Turmbauten (im Gegensatz zu herkömmlichen Treibhäusern) nur einen Bruchteil der Nutzfläche einnimmt, verringern sich die Heizungskosten; mithin sind Gewächstürme auch in kalten Gegenden rentabel.
Frischer Salat auf dem Montblanc, rote Tomaten in der Arktis, Januar -Erdbeeren am Dach eines Wolkenkratzers in Chicago - solche Zukunftsvisionen hält Turm-Bauer Ruthner ("Bald werden wir zwischen Wäldern aus durchsichtigen Pfeilern wandeln") für durchaus realistisch. Doch für manche Gegenden der Erde läßt er die Grünzeug-Türme schon nur mehr als "Zwischenlösung" gelten: als erste Etappe "auf dem Weg zur Seilbahnkultur".
Sie soll noch wirtschaftlicher sein als der gläserne Pfeiler-Wald, zumal in bisher unfruchtbaren Wüsten- und Karstgebieten; denn sie garantiert die bestmögliche Nutzung der Wasserreserven.
Im Mittelpunkt der Seilbahn-Wüstenpflanzung, so erläutert Ruthner, steht ein flacher Zentralbau am Flußufer. Von hier aus schweben, nach Art eines Sessel-Lifts, "Pflanzenkäfige" beliebig weit ins sonnige Land hinaus. Sie enthalten, jeweils in mehreren Etagen, "Gewächsröhren", die mit Nährflüssigkeit gefüllt und durch Spezialhüllen aus Plastik gegen Verdunstung geschützt sind. Auf diesen Röhren wuchert das Pflanzgut, und regelmäßig kurven die Pflanzkäfige wieder zu der Zentralstation am Fluß zurück, wo sodann die Nährlösung von neuem aufgefüllt wird.
So zwangsläufig sieht der Gemüse -Pionier aus Wien die Glassilo- und Seilbahn-Zukunft kommen, daß er die Mistbeet-Gegenwart nur mehr als "wahrhaft vorsintflutliche" Vergangenheit betrachten mag. Ruthner: "In etlichen Dezennien wird niemand mehr begreifen, welch ungeheurer Platz- und Arbeitsverschwendung sich die Landwirtschaft noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts schuldig machte."
Erfinder Ruthner, Turmgewächshaus
Rekordernten auf dem Montblanc ...
... im Fließbandtempo: Gärtner im Ruthner-Turmgewächshaus

DER SPIEGEL 26/1965
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