23.06.1965

TEUFELS-AUSTREIBUNGEins, zwei, drei

Es geschah im 20. Jahrhundert: Der
Teufel fuhr in den Körper der gläubigen Katholikin ein. Ein Priester wurde gerufen und hielt Zwiesprache mit dem Gast aus der Hölle.
Priester: "Wann fährst du aus?"
Teufel: "Nie, nie, nie!"
Priester: "Du mußt, ich habe die Vollmacht, dich auszutreiben."
Teufel: "Du kannst mich nicht austreiben."
Priester: "Als Mensch nicht, aber wohl im Namen Christi und der Kirche."
Teufel: "Weiß der auch das schon! Oh, ihr miserablen Schweine, wer hat euch das verraten? Aber ich gehe nicht."
Priester: "Du weißt genau, daß du gehen mußt. Wann gehst du also?"
Teufel: "Das geht dich nichts an."
Priester: "Gib mir eine vernünftige Antwort! "
Teufel: "Wenn du mit deiner ganzen Sorte gehängt bist."
Priester: "Du sollst mir sagen, wann du ausfährst." Der Geistliche sprengte Weihwasser.
Teufel: "Geh weg mit deinem Mistwasser, ich sage es doch nicht"
Priester: "Wann?" Er legte Reliquien auf den Körper, in dem der Teufel saß.
Teufel: "Jetzt kommt er auch noch mit denen. Ja, ich gehe ja."
Priester: "Ich will genau wissen, wann."
Teufel: "In ein paar Wochen."
Priester: "An welchem Tage?"
Teufel: "In etwa 14 Tagen."
Priester: "Genauer!"
Hier beendete der Gottseibeiuns ("Mehr sage ich dir nicht") das Gespräch: Er ließ die Katholikin, in der er Unterschlupf gefunden hatte, in Schlaf versinken.
Präzise Auskunft über Tag und Stunde der Teufelsausfahrt erhielt der Priester erst einige Tage später. Zu dem Termin, den ihm sein höllischer Gesprächspartner nannte, vollendete er dann feierlich die Austreibung, den "Exorzismus".
Dieser Dialog ging im Jahre 1963 in die katholische wissenschaftliche Literatur ein. Der Jesuitenpater Adolf Rodewyk (früher Hamburg, heute Frankfurt) veröffentlichte ihn in einem Fachbuch über "Die dämonische Besessenheit", das in dem angesehenen katholischen Pattloch-Verlag (Aschaffenburg) erschienen ist.
Das Imprimatur, die kirchliche Druckerlaubnis, brauchte und bekam der Pater zweimal: von der Kirche und von seinem Orden. Es wurde erteilt vom Würzburger Generalvikar Justin Wittig und von dem für Rodewyk zuständigen Oberen des Jesuitenordens Nikolaus Junk, Provinzial in Köln und Professor für Naturphilosophie an der Jesuiten-Hochschule in Frankfurt.
In seinem 1963er Buch verschwieg Rodewyk die Namen des Priesters, der im Kampf gegen den Satan so erfolgreich gewesen war, der Besessenen und des Teufels ("Sie legen sich menschliche Namen bei"). Erst jüngst, im Frühsommer 1965, wurde gelegentlich eines Rodewyk-Vortrages im Ratskeller zu Aschaffenburg publik, daß der Jesuitenpater selbst sich als Teufelsaustreiber bewährt hat. Er befreite in den zwanziger Jahren nach eigenem Zeugnis eine Krankenschwester von der Besessenheit.
Seit diesem Erlebnis hat sich Rodewyk, der heute Oberer ("Superior") des Ignatius-Hauses in Frankfurt ist, auf die Teufel spezialisiert und war mit dem kirchenrechtlich vorgeschriebenen Plazet eines (deutschen) Bischofs auch in den vierziger Jahren noch einschlägig tätig; seit Rodewyk nach Hamburg und dann nach Frankfurt übergesiedelt ist, sind keine neuen Fälle bekanntgeworden.
Nach mehreren Aufsätzen in theologischen Zeitschriften publizierte er 1955 eine Broschüre "Der Teufel - ernst genommen". Und noch bevor sein Besessenheits-Buch erschien, durfte er für das reputierliche Lexikon für Theologie und Kirche" einen Aufsatz über "Die kirchliche Praxis zur Überwindung der Besessenheit" verfassen.
Der jesuitische Dämonen-Experte, der Photographen so scheut Wie der Teufel das Weihwasser und die Bundesrepublik auf Vortragsreisen durchstreift, liefert mit seinen Schriftten und Reden eine Art Knigge für den Umgang mit Höllengeistern.
Die Leibhaftigen haben, so warnt Rodewyk, "Verstand und freien Willen wie die Engel, also auch den scharfen, durchdringenden Verstand und die gewaltige Willenskraft wie die Engel". Wie die himmlischen seien auch die höllischen Heerscharen abhängig "von einer besonderen Zulassung Gottes. Er muß erst dem Teufel die Erlaubnis geben einzufahren".
Jeder geistliche Exorzist habe "durch Fragen zu ermitteln, ob ein oder mehrere Teufel anwesend sind, wie ihre Namen heißen, warum es zu dieser Besessenheit kam, was der von Gott gewollte Zweck derselben ist und an welchem Tag und zu welcher Stunde sie beendet sein wird".
Stets empfehle es sich, den Teufel zu frommen Worten - etwa "Gegrüßet seist du, Maria" - zu zwingen und ihn sich so untertan zu machen. Rodewyk: "Mit Zähneknirschen und mit in ohnmächtiger Wut geballten Fäusten wird er dann diesen Befehl annehmen und nachher auch ausführen."
Wichtigste Kennzeichen dafür, daß "der Teufel vom Körper eines Menschen Besitz ergreift", seien: "Das Verstehen fremder Sprachen, das Wissen um geheime und verborgene Dinge, das Verfügen über außergewöhnliche Kräfte, die Reaktion auf den Exorzismus sowie auf heilige und geweihte Dinge".
Aus eigener Praxis berichtet der Pater, daß er sich mit der besessenen Krankenschwester, einer Volksschul -Absolventin, griechisch, lateinisch, englisch und französisch unterhalten habe.
Weitere Belege lieferte dem Pater vor allem ein Kaffernmädchen namens Klara Germana Cele, das als Sechs- oder Siebenjährige von einer heidnischen Zauberin sexuell mißbraucht und zehn Jahre später (1906) vom Satan überwältigt wurde. Ausführlich zitiert Rodewyk aus dem Report des zuständigen Exorzisten.
Es begann relativ harmlos: Klara tobte, "riß ihr Oberkleid in Stücke, rüttelte krachend an der Säule Ihrer Bettstelle, knirschte mit den Zähnen, knurrte und bellte wie ein Hund, grunzte wie ein Schwein und rief um Hilfe".
Der Teufel in der Zulukafferin, deren Hausgenossin ebenfalls heimgesucht wurde, richtete aber noch mehr Unheil an. Er
- ließ das Mädchen "oft drei, vier bis fünf Fuß hoch frei in der Luft schweben";
- zwang die Besessene, wenn ihr Weihwasser zum Trunk angeboten wurde, zu dem Ruf "Laß ab! Es brennt!";
- gab Laute von sich, "als ob eine ganze
Menge wilder Bestien, vom Satan dirigiert, ein Höllenkonzert gaben: Brüllen, Sausen, Brausen, Bellen, Heulen wie von Schakalen, Pfeifen, Zischen, Trompeten, Uhurufe, Winseln und Stöhnen, zornentbranntes Donnerreden, Fluchen und Verwünschen usw. hörte man in solchen Tönen, wie sie rein menschliche Stimmen unmöglich hervorrufen können";
- sagte "vielen Jungen und Mädchen ihre verborgenen Sünden".
Die katholische Kirche ist laut Rodewyk "der Überzeugung, daß man mit den Antworten, die der Teufel auf Befehl unter der Einwirkung des Exorzismus gegeben hat, etwas anfangen kann"; schon vor rund 1770 Jahren habe Tertullian festgestellt, daß die Teufel "nicht wagen, einen Christen zu belügen".
Aber Vorsicht sei trotzdem geboten. "Mit dem Teufel kann man nicht eigentlich experimentieren. Es gibt keine Absieht, die er nicht durchschaut, und dann ist es fraglich, ob er darauf eingeht." Beispiel: "Bei der Probe auf das Verstehen fremder Sprachen kann er sich dumm stellen."
Besondere Umsicht ist, wie Rodewyk hervorkehrt, immer dann notwendig, wenn mehrere Teufel in einen einzigen Körper eingefahren sind. Der Jesuit des 20. Jahrhunderts zitiert einen Konfrater des 16. Jahrhunderts namens Scherer, der im Jahre 1583 aus einer einzigen Jungfrau nicht weniger als 12 652 Satane verjagte. Bei dieser Art von Statistik sind einschlägig tätige Priester auf die Zahlen angewiesen, die von den Teufeln selbst genannt werden.
Ein Zeitgenosse Scherers, Pater Lucas, zählte in einer bayrischen Dame 6673 Teufel, weil ihm erst nur sieben und am nächsten Tage weitere 6666 gemeldet worden waren. Vorbereitet hatte die Invasion ein Einzelteufel "Dr. Pisam".
Bei scharenweisem Auftreten müsse - so Rodewyk fast vier Jahrhunderte später - bedacht werden, daß "der Teufel, der sich zunächst meldet, nicht immer auch der Hauptteufel (ist), der diese konkrete Besessenheit leitet". Es empfehle sich deshalb, "jeden einzelnen im Auge zu behalten und sich jeweils darüber klarzuwerden, welcher Teufel spricht, Nummer eins oder zwei oder drei". Und vor allem: "Wenn es sich ums Ausfahren handelt, muß sich jeder einzelne gewissermaßen abmelden."
Auf die Frage, warum Gott überhaupt Teufel in Christenmenschen einfahren lasse, antwortet Rodewyk mit einem Vergleich: "Es ist wie bei einem Bühnenbild: Die Personen stehen auf offener Bühne und sind von allen Seiten gut beleuchtet. Jetzt schaltet der Regisseur noch ein rotes Rampenlicht ein, durch das manche Konturen deutlicher hervortreten, oder er läßt uns die Gestalten vorübergehend einmal nur in dieser Beleuchtung von unten her sehen." Und: "Irgend etwas wird dadurch eindrucksvoller und faßbarer. So auch bei der Beleuchtung der Glaubenswahrheiten im Feuerschein der Hölle."
Über die einzelnen Rotlicht-Szenen darf sich der gläubige Katholik ein ebenso freies Urteil erlauben wie etwa ein Protestant; Rodewyk: "Ob in einem konkreten Fall ... eine Besessenheit vorliegt, ist kein Glaubenssatz." Aber: "Daß es überhaupt eine Besessenheit gibt, gehört zu den Glaubenstatsachen."
Rodewyk verweist vornehmlich auf die Heilige Schrift. Christus selbst habe zwischen organischer Krankheit und Besessenheit strikt unterschieden, Teufel aus Menschen vertrieben und die Gewalt zur Dämonen-Bannung auf seine Jünger übertragen.
Nichtkatholische Theologen sehen in diesen biblischen Berichten "nur Ausdruck des mythischen Denkens, bei dem das Böse personifiziert wird", wie der katholische Bibelgelehrte Rudolf Schnackenburg (Universität Würzburg) feststellt. Aber gleich Rodewyk hält Schnackenburg daran fest: "Solche Phänomene (sind) bis in die neueste Zeit nachgewiesen und bestätigen die biblische Darstellung."
Gänzlich unwidersprochen blieben radikale Teufelsthesen, wie sie Rodewyk ausstreut, allerdings auch in seiner Kirche und in seinem Orden nicht, zumal sie insgeheim auch von zahlreichen Klerikern belächelt werden.
Passiven Widerstand leisten die meisten Autoren von Lehrbüchern der Dogmatik; sie behandeln das Thema, wie Forscher Rodewyk moniert, "recht kurz und mit einem liebevollen Unterstreichen des Satzes: 'Man soll nicht leicht annehmen, daß jemand besessen sei'".
Im "Lexikon für Theologie und Kirche" ließ dessen Herausgeber Karl Rahner, Jesuit wie Rodewyk und bedeutendster katholischer Theologe der Gegenwart, zwar seinen Konfrater referieren, fügte aber ein Nachwort hinzu.
In Spalte 298 erklärt Jesuit Rodewyk, Besessenheit sei "eine Strafe für eine Schuld" des Betroffenen oder "Auswirkung eines Fluches" oder die "Prüfung (passive Reinigung)" eines Menschen; in Spalte 299 aber setzt Jesuit Rahner "Strafe" in Anführungsstriche und warnt, die Besessenheit dürfe nicht "nach Art eines Wunders mit negativem Vorzeichen ... zu anthropomorphistisch" gesehen werden.
Auch ist es, laut Rahner, "weder möglich noch sonderlich belangvoll, eine genaue Grenze zwischen Besessenheit und natürlicher Krankheit zu ziehen". Hingegen Rodewyk in der Vorspalte: "Bei genauer Untersuchung" könne die Besessenheit gegen "krankhafte Zustände" wie Fremdsuggestion und Hysterie abgegrenzt werden.
Auch Rodewyks Ordensobere haben an dessen Teufelsgeschichten wenig Freude. Sie lassen den Pater aus Frankfurt nur dann in bundesdeutsche Vortragssäle ausfahren, wenn er von gleichgesinnten Gläubigen eingeladen und gegen die Öffentlichkeit hinreichend abgeschirmt ist. Daß sich im Aschaffenburger Ratskeller jüngst ein Reporter unter die Mitglieder der "Marianischen Männersodalität" mischen konnte (Schlagzeile im "Main-Echo": "Ich stand mit dem Teufel auf Du und Du"), widersprach der jesuitischen Taktik gegenüber Teufelskennern unter den eigenen Patres.
Sie ist so alt wie der Orden: Weder Ignatius von Loyola, Gründer und erster General, noch spätere Generäle hielten die Teufelsaustreibung für ein Arbeitsfeld des Ordens. Spezialisten unter den Jesuiten ließ man gewähren, solange sie nicht unliebsames Aufsehen erregten. Dann aber wurden sie häufig mit Mahnbriefen, Schreibverboten und Strafversetzungen bedacht.
Besessen von der Aufgabe, Besessene zu heilen, ließen sich allerdings etliche Jesuiten nicht von der Jagd auf Teufel abschrecken.
Aktenkundig wurde so der Fall eines Paters Willibald Starckh, der 1664 aus einer Dame in Straubing den Teufel austrieb, dem Jesuitengeneral nach Rom einen 100-Seiten-Erfolgsbericht schickte und weitere Aktionen in Straubing avisierte. Der General verbot die Veröffentlichung des Reports und befahl die Versetzung Starckhs nach München.
Einige Zeit später signalisierte Pater Starckh, es gebe auch in München Teufel, er habe gerade aus einer Dame drei ausfahren lassen.
Daß heutzutage Teufel seltener ein- und ausfahren als zu Starckhs Zeiten, leugnen auch der Frankfurter Pater Rodewyk und der Würzburger Professor Schnackenburg nicht. Laut Schnackenburg ist "dies kein Beweis für ihren subjektiven Ursprung, muß aber vor Leichtgläubigkeit warnen".
Rodewyk urteilt über den geänderten Höllen-Fahrplan mystischer. Er zitiert einen Franziskanerpater, der schon 1883 feststellte, "daß einerseits Unglaube und Sünde gewachsen sind und andererseits die leibliche Besessenheit, wenigstens die offenkundige, abgenommen hat".
Die Antwort ist eine Frage: "Sollte es vielleicht eine furchtbare Strafe ... sein, daß Gott dem Teufel die Taktik erlaubt hat, inkognito sein Geschäft zu treiben und so die blinden Seelen um so sicherer in den Abgrund zu jagen?"
Teufelsaustreibung (sechstes Jahrhundert*: "Brüllen, Brausen, Pfeifen, Bellen"
Jesuit Rohner
Arbeitet der Teufel inkognito?
* Tafelbild in der Kapelle St. Leonhard
(Bad Aussee).

DER SPIEGEL 26/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TEUFELS-AUSTREIBUNG:
Eins, zwei, drei

  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung