23.06.1965

MÜNCHENTotale Gaudi

Auf hundert Bundesbahn-Waggons rollte die Attraktion, zerlegt in numerierte Einzelteile, südwärts. Es war ein schwieriger Transport, "da Schiffe", wie das sachkundige "Hamburger Abendblatt" anmerkte, "gemeinhin nicht für Landgänge geeignet sind".
Nun liegt die "Bavaria", ein 8000 -Tonnen-Frachter, vertäut an einem originalgetreuen hamburgischen Hafenkai, in Halle 5 auf Münchens Theresienhöhe. Auf der Kommandobrücke navigiert Kapitän Hartmut Kolle. Der Chefingenieur und seine Mannschaft arbeiten im Maschinenraum, der Funker setzt die Ankunftsmeldungen ab. Radar und Echolot warnen vor Untiefen und Hindernissen. Psychisch gestützt durch (tonbandproduzierte) Möwenschreie, Wasserplätschern sowie Hafenkutter -Tuckern und durch großflächige Photo -Projektionen, erleben die Besucher eine Seefahrt, von der Elbmündung bis zum Hafenkai. Dort demonstrieren sodann original Hamburger Schauerleute "das fachgerechte Stauen von Ladung" (so die Vorankündigung). Die Wassertiefe beträgt zehn Zentimeter.
Das hölzerne Schiffsmodell aus Hamburg (Bau und Transportkosten: rund 1,5 Millionen Mark) ist eines der Renommierstücke auf Münchens diesjährigem Sommer-Festival, der "Internationalen Verkehrsausstellung" (IVA), die am Freitag dieser Woche mit Lübke -Worten, Böllerschüssen, Fanfarenstößen und einem Schwarm aufsteigender Brieftauben eröffnet wird und bis Anfang Oktober dauern soll. Gesamtaufwand für die Schau-Gaudi: rund 250 Millionen Mark.
Einen Hauch von möglichst weiter Welt auf Münchens "Wies'n" zu versammeln, war das erklärte Ziel der Initiatoren. Stolz wurde kundgetan, die IVA sei vom Internationalen Ausstellungsbüro (BIE) in Paris als "Erste Weltausstellung des Verkehrs" anerkannt worden. Und Einladungen ergingen - in einem Anflug bayrischer Selbstüberschätzung - an so weitgereiste Männer wie James McDivitt und Edward White (sie wurden bereits gebeten, als sie noch in der Kapsel kreisten), an Charles Lindbergh und an Amerikas Raketen-Star Wernher von Braun.
Das Gemini-Paar bedauerte, Lindbergh gleichfalls, und Wernher von Braun sagte zwar zu, doch ist, wie beim Braun-Team in Huntsville (Alabama) zu erfahren war, mit seinem Erscheinen nicht zu rechnen. Einzig die französische Nation will möglicherweise, ihrer ersehnten Raumfahrt-Grandeur weit vorgreifend, einen zwar noch nicht flugerprobten, doch immerhin schon designierten Astronauten in Bayerns Hauptstadt entsenden.
So wird die München-Schau vorwiegend erdgebunden bleiben. Das nicht ganz maßstabgetreue Modell einer zukünftigen Raumstation (Durchmesser: 24 Meter; Kosten: 200 000 Mark) hängt an drei etwa 40 Meter hohen Stahlmasten. Die zwei Attrappen amerikanischer Raum-Raketen sind fest im Wiesengrund verankert, die 20 Satellitenmodelle ruhen in Glaskästen. Und auch das Luftkissenfahrzeug ("Hovercraft") des britischen Ingenieurs Christopher Cockerell wird sich nur bei besonderen Vorführgelegenheiten einige Zentimeter über den Hallenboden heben.
Die rund drei Kilometer weit durch das Ausstellungsgelände rundfahrende Einschienenbahn (Kosten: 3,6 Millionen Mark), die ursprünglich den Namen IVA-Blitz" führte, wird neuerdings bescheiden "Tatzelwurm" geheißen, seit sich herausgestellt hat, daß sie maximal 10,8 Stundenkilometer schafft.
Weltläufigkeit bewies die Bundespost, die - neben elektronischer Briefverteilung und Postscheckbuchung - eine Briefmarken-Druckerei zur Schau stellt, in der vor den Augen der Besucher IVA -Sondermarken hergestellt werden. Die postministerielle Begründung dafür, daß die auf den 15-Pfennig-Marken abgebildeten Autobusse versehentlich mit Linksverkehr-Türen ausgestattet sind, lautet: "Damit beweist die Bundespost ihre internationale Gesinnung."
Novitäten wird auch die Bundesbahn in München zeigen: den "stummen Auskunftsbeamten", ein elektronisches Gedächtnis, das sich vermittels einer Wählscheibe 4000 Zugverbindungen nach insgesamt 400 Bahnhöfen abfragen läßt, und den "total bewegten Raum", eine Art Rundkino mit Bahn-Rattergeräuschen und 16 Projektoren, die Filmbilder "auf frei schwebende Flächen" werfen sollen. "Es ist ein großes Experiment", erklärte der Erfinder, Architekt Paolo Nestler, "ganz ausschließen kann man es nicht, daß einigen Besuchern dabei schlecht wird."
Insgesamt 36 Nationen hatten ihre Teilnahme zugesagt. Da "außer Australien", so erläuterte IVA-Präsident Stadtrat a. D. Helmut Fischer, alle Kontinente vertreten seien, könne der Ausstellung "den weltweiten Rahmen ... niemand absprechen".
Aus Spanien wurde, mit drei Zwischenlandungen und einer Reisegeschwindigkeit von 180 Stundenkilometern, ein letztes Exemplar der legendären Ju 52" angeflogen - museumswürdiges Überbleibsel aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Auch ist die Republik Elfenbeinküste mit eigenem Stand vertreten - sie wirbt mit Filmen für die Freuden afrikanischer Touristik. Doch ob, wann und wieviel Flug- oder Fahrgerät aus Sowjet-Rußland in München gezeigt wird, war eine Woche vor dem Eröffnungstermin noch unentschieden. Sowjet-Botschaftsrat Mamontow in Bonn: "Kann sein, sehr viel, kann sein, sehr wenig."
So scheinen die IVA-Oberen entschlossen, zumindest für heimische Gaudi reichlich vorzusorgen. Ein Ausstellungstag gilt dem "Tier im Verkehr", an einem anderen soll ein Briefträger -Wettmarsch ausgetragen werden, an einem dritten der "Blumenkorso der Münchner Kleingärtner". "Ausgleichsgymnastik für Autofahrer" wird die einschlägige "Medau"-Schule, Coburg, demonstrieren. Und deutsches Scherzwort soll durch so bedeutende TV -Charmeure wie Peter Frankenfeld und Lou van Burg gepflegt werden.
Außerdem annonciert das Veranstaltungs-Programm: zwei Miss-Wahlen, 38 Bunte Abende, mindestens 63 Modenschauen sowie 223 Platzkonzerte.
IVA-Seeschiff-Attrappe "Bavaria": Für 250 Millionen Mark...
IVA-Weltraumstation
...ein Hauch von Welt noch Bayern

DER SPIEGEL 26/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MÜNCHEN:
Totale Gaudi

  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet