23.06.1965

VIETNAM / US-EINSATZOperation Tintenklecks

Nach zehn Jahren Bürgerkrieg herrscht die Regierung Südvietnams (die zehnte in 20 Monaten) fast nur noch über eine Fiktion: Zwei Drittel des Landes und zehn der fünfzehn Millionen Einwohner sind fest in der Hand der Vietcong. Die Macht Saigons endet an den Grenzen der Städte und den Perimetern der Militärstützpunkte.
Das war die Lage, als Washington in der letzten Woche den US-Landstreitkräften in Vietnam befahl, sich zur offenen Feldschlacht gegen die Kommunisten bereit zu machen.
Der erste Einsatzbefehl erging an ein Bataillon der 173. Luftlandedivision. 800 Soldaten wurden letzte Woche in das hart umkämpfte Gebiet von Dong Xoai, 100 Kilometer nördlich Saigons, eingeflogen. Der amerikanische Verteidigungsminister McNamara gab zur gleichen Zeit Order, die US-Truppen in Vietnam um 20 000 auf 73 000 Mann zu verstärken. Und letzten Freitag griff erstmals ein Pulk von 28 strategischen B-52-Bombern vom 4000 Kilometer entfernten US-Stützpunkt Guam aus Vietcong-Stellungen nördlich Saigons an.
Damit haben die Amerikaner erstmals ihr jahrelang gültiges Prinzip der Defensivstrategie (Beratung der Südvietnamesen und Sicherung der Stützpunkte) durchbrochen und die "Escalation" - den stufenweise gesteigerten Einsatz militärischer Machtmittel - um eine entscheidende Windung hinaufgeschraubt.
Der Entschluß Washingtons, den teuren Bürgerkrieg - er hat die USA bisher 500 Tote und (neben zehn Milliarden Mark Wirtschaftshilfe) 8,5 Milliarden Mark gekostet - weiter zu amerikanisieren, fiel mit dem Beginn der Regenzeit zusammen.
Das war kein Zufall. Denn aus Spionageberichten kennt das US-Oberkommando die Pläne des Gegners: Im Schutz der Regenfluten des Monsun, die das Land für drei Monate in unwegsamen Morast verwandeln und den Einsatz der US-Luftwaffe erschweren, wollen die Vietcong-Rebellen zur Offensive gegen die noch von den Südvietnamesen gehaltenen Kreis- und Bezirkshauptstädte im Landesinnern antreten.
Nach der Partisanen-Devise Mao Tsetungs "Die Dörfer belagern die Städte" sieht die erste Angriffs-Phase die Eroberung der Städte Quinhon, Kontum und Pleiku im mittleren Südvietnam vor, um das Land in zwei Hälften zu teilen; ferner planen die Vietcong die Besetzung des strategisch wichtigen Gebietes um Phuoc Hoa, knapp siebzig Kilometer nördlich Saigons. Im Zuge dieser Operationen sollen die ohnehin zermürbte südvietnamesische Armee weiter demoralisiert und die Amerikaner in ihren Stützpunkten festgenagelt werden.
Das politische Ziel heißt: Gründung einer Gegenregierung in Südvietnam, die sich Saigon und den Amerikanern dann als Partner für Friedensverhandlungen repräsentiert.
Die viertägige Schlacht um die Kreisstadt Dong Xoai zu Anfang letzter Woche bewies, daß die Aufständischen auf die Regenschlacht gut vorbereitet sind: Sie griffen in Regiments-Formation an, schossen die Ortschaft mit Granatwerfern sturmreif und räucherten die Saigon-Soldaten mit Flammenwerfern aus.
Die in zehn Kriegsjahren zerschlissene Kampfmoral der Regierungstruppen reichte nicht mehr aus, erfolgreich Widerstand zu leisten. Ein südvietnamesischer General erklärte das Versagen: "Niemand kann sich vorstellen, wie müde ein Mann nach einem so langen Krieg ist. Die Müdigkeit frißt sich in deine Knochen und läßt dir keine Hoffnung."
900 Südvietnamesen und 18 amerikanische Soldaten fielen. Erst nach einer verlustreichen Entsatzoperation wichen die Rebellen, gleichfalls angeschlagen, in den Dschungel zurück.
Einige US-Militärberater entgingen dem Massaker nur durch die Flucht: Army-Hubschrauber pickten sie aus den kämpfenden Einheiten heraus und brachten sie in Sicherheit.
Amerikanische Offensiv-Operationen sollen ein zweites Dong Xoai und die Preisgabe der Reste vietcongfreien Territoriums verhindern. Mehr noch: Das US-Oberkommando will den Erfolg eines neuen Pentagon-Plans - der Operation Tintenklecks - durch den Einsatz regulärer US-Truppen sichern.
Wie Tintenspritzer auf dem Löschblatt aus- und ineinanderfließen, so wollen die amerikanischen Einheiten
ihre Stützpunkte an der Küste immer mehr ausweiten, bis die von den US -Truppen beherrschten Gebiete schließlich zu immer größeren, fest kontrollierten Regionen ineinanderfließen.
So soll für die Zeit nach der Monsun -Offensive eine bessere Position für neue militärische Großaktionen oder aber für Verhandlungen geschaffen werden.
Washingtons Absicht, die US-Streitkräfte in Vietnam weiter zu verstärken und bis zum Jahresende auf 100 000 Mann zu bringen, macht jedoch deutlich, daß die USA eher mit einer Verlängerung des Krieges rechnen - eines Krieges, der sich zu einer Auseinandersetzung à la Korea und, bei einem Eingreifen Chinas, sogar zum Atomkrieg ausweiten könnte. Um Zweifel an der amerikanischen Entschlossenheit auszuschalten, ließ Präsident Johnson die Chinesen durch den Warschauer US-Botschafter John Moors Cabot wissen, daß ein chinesischer Flankenangriff auf Südkorea zu einem atomaren Gegenschlag der USA führen würde. 200 Raketen der Typen Polaris und Minuteman II seien auf chinesische Ziele justiert. Allerdings wächst in Washington, obwohl die amerikanische Öffentlichkeit die Vietnam-Politik Präsident Johnsons weiterhin billigt, unterdessen die Zahl der Politiker, die angesichts der Risiken und Kosten des amerikanischen Engagements in Vietnam auf Frieden drängen.
Zum Sprecher dieser Gruppe machte sich letzte Woche der demokratische Senator William Fulbright, Vorsitzender des außenpolitischen Senatsausschusses. Er forderte, die Luftangriffe auf Nordvietnam auszusetzen und den Krieg "in kürzestmöglicher Zeit" durch ein "Abkommen mit weitgehenden Konzessionen beider Seiten" zu beenden.
Im Unterschied zu Präsident Johnson will Senator Fulbright nicht nur Nordvietnamesen, sondern auch die südvietnamesischen Vietcong an den Friedensverhandlungen beteiligt wissen.
Damit rüttelte Fulbright an einer These, die US-Außenminister Dean Rusk erst kürzlich für die amerikanische Vietnam-Politik als verbindlich erklärt hat.
Rusk: "Wenn Ostdeutschland Zehntausende Eindringlinge in die Bundesrepublik schicken würde, so glaube ich nicht, daß wir mit diesen Leuten über eine Neubildung der westdeutschen Regierung diskutieren würden."
New York Herald Tribune
Ein neuer Schritt ins Ungewisse

DER SPIEGEL 26/1965
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