23.06.1965

POLEN / POSENER MESSEGemeinsamer Ton

Mit Tonbändern bester Qualität will Krupps Generalbevollmächtigter Berthold Beitz - seit Jahren Hobby -Botschafter im Osten - die Bande gutnachbarlicher Beziehungen zur Volksrepublik Polen enger knüpfen.
Als der Jet des Krupp-Konzerns, eine schneeweiße Düsenmaschine vom Typ De Havilland HS 125, kürzlich auf dem Posener Flugfeld landete, brachte Beitz zwei westdeutsche Industrie-Prominente mit: den Radio- und Fernsehgeräte -Fabrikanten Max Grundig und VW -General Heinz Nordhoff.
Die drei Wirtschaftskapitäne waren von Polens Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz zur 34. Internationalen Posener Messe eingeladen worden. Ein schwarzer Mercedes 220 S brachte sie standesgemäß zum Grandhotel Orbis-Merkury, wo der stellvertretende Außenhandelsminister Franciszek Modrzewski die Troika aus der Bundesrepublik bereits erwartete.
Schon vor mehreren Wochen hatten die Jagdfreunde Beitz und Grundig eine Arbeitsgemeinschaft "zur Planung und Durchführung von Kooperationsvorhaben in Polen" gegründet. Zwei Tage nach ihrer Ankunft unterschrieben die industriellen Pirschgänger im Orbis-Merkury einen Lizenzvertrag, der den polnischen Planwirtschaftlern gestattet, Grundig -Tonbandgeräte samt Zubehör nachzubauen.
Von seinem neuesten Gerät, das in wenigen Monaten auf der Deutschen Funkausstellung in Stuttgart vorgestellt werden soll, verspricht sich der Fürther Elektroniker den Endsieg des Tonbandes über die alte Rillenscheibe.
VW-Chef Heinz Nordhoff - zum erstenmal in einem Ostblockland - stellte sich und 21 VW -Fahrzeuge vor der neuen Messehalle 21 zur Schau. Er benutzte aber auch die Gelegenheit, Wunschpläne zu ventilieren. Obwohl sich erst 3000 polnische Volksdemokraten einen - meist älteren - Volkswagen anschaffen konnten, bemühte sich Nordhoff, seinen weltberühmten Service auch auf Polen auszudehnen. Er will VW-Werkzeugtaschen aus Kunststoff von einem polnischen Unternehmen fertigen lassen und die Ware mit VW-Ersatzteilen bezahlen.
Die Ersatzteil-Lager könnten zu Service-Stationen ausgebaut werden, so überlegte Nordhoff. Wenn der VW-Export nach Polen in Gang käme, könnten sie auch als Verkaufsstützpunkte dienen. Mit dem Rezept "Service vor Verkauf" hat das Wolfsburger Werk in den USA große Erfolge erzielt.
Der Initiator der Reise, Berthold Beitz, feilte während der Posener Messe an seinem speziellen Polen-Plan, über den Krupp-Beauftragte schon seit Ende Januar mit Warschauer Industriefunktionären verhandeln: Kommunistische Technokraten und Krupp-Ingenieure wollen gemeinsam einen Großbetrieb errichten, der von dem technischen Erfahrungswissen des Essener Konzerns profitieren soll.
Über den Standort der Fabrik und das Produktionsprogramm sind sich die Kooperateure noch nicht einig. Beitz möchte vermeiden, daß die Industrieanlage westlich der Oder-Neiße-Linie auf ehemaligem deutschen Gebiet gebaut wird.
Krupps General-Bevollmächtigter Berthold Beitz erklärte, daß die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft sich nicht nur auf die Volksrepublik Polen beschränken, sondern möglichst bald auch auf andere Länder des Ostblocks ausgedehnt werden soll.
Mit freundlichen Gesten verabschiedete sich Ministerpräsident Cyrankiewicz in Posen von den westdeutschen Kapitalisten. Der Publicity-Woge, die nach jeder Ost-Aktion seines alten Freundes Berthold Beitz hochschäumt, stemmte er sich vorsorglich entgegen: "Zusammenarbeiten wollen wir, aber man kann Polen nicht kaufen."
Schlagfertig antwortete Beitz: "Das wäre auch zu teuer."
Grundig, Beitz, Nordhoff in Posen: Geschäfte mit Warschau

DER SPIEGEL 26/1965
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