23.06.1965

Frankreich„DE GAULLE IST EIN FASCHIST“

SPIEGEL: Maître, Sie sind seit 20 Jahren unversöhnlicher Feind des Generals de Gaulle. Sie haben die Putsch -Generale Salan und Challe verteidigt. Jetzt sind Sie Präsidentschaftskandidat der Rechten und wollen de Gaulle bei den Wahlen im Dezember dieses Jahres aus dem Elysee-Palast vertreiben. Warum?
TIXIER: Weil er Frankreich aus der atlantischen Allianz lösen, die Einigung Europas sabotieren und uns alle ins Lager des Ostens führen will.
SPIEGEL: Die Franzosen werden Ihnen nicht abnehmen, daß de Gaulle - was den Osten angeht - solche Absichten hat.
TIXIER: Meine Mission ist es, sie davon zu überzeugen. Der General de Gaulle glaubt nicht an den Sieg der freien Welt, er hat niemals daran geglaubt.
SPIEGEL: Warum hat die Mehrheit der Franzosen de Gaulle gewählt?
TIXIER: Sie sind auf ihn hereingefallen, weil er von den Jesuiten erzogen wurde, weil er zur Messe geht, weil er General ist. Deshalb ist er in der Tat für viele Franzosen eine verehrenswürdige Gestalt. Aber der Anschein täuscht.
SPIEGEL: Aber viele Franzosen vertrauen auf ihren Präsidenten.
TIXIER: Sie hatten tatsächlich Vertrauen zu ihm. So glaubten die Algerien-Franzosen, er werde für ihre Heimat kämpfen. Sie haben für ihren Irrtum teuer bezahlen müssen. So glaubten alle, er sei ein treuer Verbündeter der Vereinigten Staaten und Englands - seit ein paar Monaten merken sie, daß alles nicht stimmt, daß er Frankreich in Richtung Osten führt.
SPIEGEL: Aber er nennt das: nationale Unabhängigkeit Frankreichs.
TIXIER: Mit Worten kann man alles machen. Wer hat in den letzten 20 Jahren am meisten von nationaler Unabhängigkeit gesprochen? Die französische KP und de Gaulle. Er versteht darunter dasselbe wie die Kommunisten.
SPIEGEL: Nicht nur Frankreich, auch Europa soll unabhängig sein, sagt der General.
TIXIER: Wollen Sie mir vielleicht einmal sagen, wie diese Unabhängigkeit Frankreichs aussehen würde? Ohne unsere westlichen Alliierten und mit dem russischen Koloß? Frankreich würde ein Protektorat Rußlands werden, wie Böhmen und Mähren oder Polen Protektorate Hitler-Deutschlands waren.
SPIEGEL: Sie sagen von sich selbst, daß Sie ein französischer Nationalist sind. Der Nationalist Tixier wirft also dem Nationalisten de Gaulle vor, er sei nicht nationalistisch genug.
TIXIER: Das kommt auf die Definition an. Die gute Marquise de Sévigné empörte sich beispielsweise im 17. Jahrhundert darüber, daß Bretonen an der Seite von Provenzalen fochten. Das war ihr Nationalismus, und er war sicherlich auf der, Höhe der Zeit. Heute muß ein fortentwickelter Nationalismus die Grenzen überschreiten und europäisch werden.
SPIEGEL: Der kleine Mann ist immer noch begeistert, wenn de Gaulle ihm sagt: "Wir wollen aus unserem eigenen Glas trinken."
TIXIER: Die Sache mit dem Glas ist mir zu banal. In der Welt von heute wäre es eine Verrücktheit, allein bleiben zu wollen. Es gibt nur die Wahl zwischen dem Westen und dem Osten. Ich ziehe den Westen vor. Er ist stärker.
SPIEGEL: Auch in Südostasien?
TIXIER: De Gaulle möchte, daß die USA in Vietnam ihr diplomatisches
Dien-Bien-Phu erleben. Ich will es nicht, weil ich glaube, daß die amerikanischen Marine-Infanteristen dort unten auch Frankreich und Deutschland und die gesamte abendländische Kultur verteidigen.
SPIEGEL: Sie, der Kandidat der extremen Rechten...
TIXIER: Ich bin nicht der Kandidat der extremen Rechten.
SPIEGEL: Nun gut, Sie sind also europäischer, atlantischer und amerikanischer als de Gaulle. Was würden Sie denn, mit der französischen Force de frappe machen, wenn Sie Präsident wären?
TIXIER: Ich würde die Force de frappe, deren Bomber ohne amerikanische Tank-Flugzeuge nicht ans Ziel kommen, in die multilaterale Atomstreitmacht des Westens integrieren. Ich bin für eine solche Streitmacht.
SPIEGEL: Es bleibt, daß die Mehrheit der Franzosen bislang noch immer für de Gaulle ist.
TIXIER: Warten Sie! Nach der letzten Meinungsumfrage, die, wie jede Meinungsumfrage in. Frankreich, manipuliert ist, gibt man ihm noch 44 Prozent.
Er wird noch mehr verlieren, wenn das Volk noch deutlicher sieht, wohin seine Außenpolitik führt.
SPIEGEL: Welche Wählerschichten wollen Sie gegen de Gaulle mobilisieren?
TIXIER: Natürlich nicht nur die Intellektuellen und Notabeln, sondern hauptsächlich die vom Gaullismus in der Unabhängigkeit ihrer Arbeit bedrohten Volksschichten.
SPIEGEL: Das sind aber nicht viele. Ihre Lage, Maître, ist aussichtslos.
TIXIER: Nicht im geringsten. Ich rechne auf den gesunden Instinkt der breiten Massen.
SPIEGEL: Aber Sie selbst und die französische Rechte sind mit einem Odium belastet: Sie haben während des Krieges mit den Deutschen zusammengearbeitet und die Regierung des Marschalls Petain in Vichy unterstützt.
TIXIER: Das stimmt nicht. Die Kollaboration wurde nicht in Vichy betrieben, sondern in Paris. Auch Leute der Linken beteiligten sich daran. Aber der Marschall Petain hatte damit nichts zu tun. Das behauptet allein de Gaulle.
SPIEGEL: Der Marschall wurde aber nach dem Krieg wegen seiner Kollaboration zu lebenslanger Festung verurteilt und ist als Häftling gestorben.
TIXIER: Der Marschall wurde von 24 Individuen verurteilt, die mit Richtern nur den Namen gemein hatten. In Wirklichkeit waren es Resistance-Leute, Partisanen also, die von ihren Taten profitieren wollten. Und die Zahl derer, die in der Resistance gekämpft haben wollen, stieg nach 1944 bekanntlich sprunghaft an.
SPIEGEL: Viele Franzosen wünschen, daß die Asche des Marschalls Pétain, des Siegers von Verdun, in das Ehrenmal des Forts Douaumont von Verdun überführt wird. DeGaulie weigert sich.
TIXIER: Er weigert sich, obschon die große Mehrheit des französischen Volkes wünscht, daß der Marschall in Douaumont zur Ruhe gebettet wird. Wenn de Gaulle weniger hochmütig und weniger eitel wäre, würde er es selber tun. Er könnte dabei nur gewinnen.
SPIEGEL: Sie, Maître, haben dem Marschall Pétain in Vichy als stellvertretender Generalsekretär des Informationsamtes gedient.
TIXIER: Ich war sechs Monate lang für Radio und Film verantwortlich. Das ist alles.
SPIEGEL: Wie stehen Sie heute zu Deutschland?
TIXIER: Ich bin für die Wiedervereinigung. Aber ich verstehe darunter nicht das, was de Gaulle Ihrem Minister Mende gesagt hat. Er will eine Wiedervereinigung nach sowjetischem Rezept.
SPIEGEL: Als Sie letzthin Vorträge in Bonn und Heidelberg hielten, stellte man Ihnen die Frage: "Stehen rechts von de Gaulle Faschisten?" Wie ist die Antwort? Sind Sie ein Faschist?
TIXIER: Nein! Der Faschist ist de Gaulle.
Kandidat Tixier-Vignancour
Wird Frankreich ein Sowjet-Protektorat?

DER SPIEGEL 26/1965
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