23.06.1965

„AN DER DEUTSCHEN GRENZE SPRUNGBEREIT“

Am 21. Juni 1941 schickte Reichsaußenminister Ribbentrop an den deutschen Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg, ein Telegramm. Es enthielt die deutsche Kriegserklärung an die UdSSR:
Diplogerma Moskau
Citissime!
Funkweg!
Für Botschafter persönlich!
1. Mit Eingang dieses Telegramms ist sofort das gesamte, dort noch vorhandene Chiffriermaterial zu vernichten. Der Funkapparat ist unbrauchbar zu machen.
2. Ich bitte Sie, sofort Herrn Molotow zu benachrichtigen, daß Sie ihm eine dringliche Mitteilung zu machen hätten und ihn deshalb unverzüglich aufzusuchen wünschten. Gleich darauf bitte ich, Herrn Molotow folgende Erklärung abzugeben:
"Dem Sowjetbotschafter in Berlin wird zu dieser Stunde durch den Reichsminister des Auswärtigen ein Memorandum übergeben, in dem das nachstehend in kurzer Zusammenfassung Wiedergegebene eingehend dargelegt wird:
1. Die Reichsregierung hat 1939 unter Zurückstellung schwerwiegender Bedenken, die sich aus dem Gegensatz zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus ergaben, den Versuch unternommen, zu- einer Verständigung mit Sowjetrußland zu gelangen. Auf Grund der Verträge vom 23. August und 28. September 1939 führte die Reichsregierung eine grundsätzliche Umstellung ihrer Politik gegenüber der UdSSR durch und nahm seitdem eine freundschaftliche Haltung zur Sowjet-Union ein. Diese wohlwollende Politik ermöglichte der Sowjet-Union große außenpolitische Erfolge.
Die Reichsregierung glaubte dabei mit Recht annehmen zu dürfen, daß fortan beide Völker unter Respektierung ihrer Regime ohne Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Partners zu einer guten dauernden Nachbarschaft kommen würden Leider stellte sich schnell heraus, daß die Reichsregierung sich in dieser Annahme gründlich getäuscht hatte.
II. Die Komintern hat schon bald nach Abschluß der deutsch-russischen Verträge ihre Zersetzungsarbeit gegen Deutschland erneut aufgenommen, wobei die amtlichen sowjetrussischen Vertretungen Hilfestellung boten. In großem Umfang wurden nachweislich Sabotage, Terror und kriegsvorbereitende Spionage in politischer, militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht betrieben. In allen Deutschland benachbarten Ländern und in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten wurde gegen Deutschland gehetzt und gegen den deutschen Versuch, eine stabile Ordnung in Europa aufzurichten, gearbeitet. Jugoslawien wurden vom sowjetrussischen Generalstabschef bereitwillig Waffen gegen Deutschland angeboten, wie die Belgrader Aktenfunde beweisen. Die bei Abschluß der Verträge mit Deutschland abgegebenen Erklärungen der UdSSR über die beabsichtigte Zusammenarbeit mit Deutschland erwiesen sich so als bewußte Irreführung und Täuschung und der Abschluß der Verträge selbst als ein taktisches Manöver, um für Rußland vorteilhafte Abmachungen zu erreichen. Der Leitgedanke blieb die Schwächung der nichtbolschewistischen Länder, um sie leichter zersetzen und zur gegebenen Zeit niederschlagen zu können.
III. Auf außenpolitischem und militärischem Gebiete kam deutlich zum Ausdruck, daß es der UdSSR im Gegensatz zu der beim Abschluß der Verträge abgegebenen Erklärung, die in ihre Interessensphäre fallenden Staaten nicht bolschewisieren und annektieren zu wollen, darauf ankam, ihre militärische Macht überall, wo es ihr möglich erschien, nach Westen vorzuschieben und die Bolschewisierung weiter nach Europa hineinzutragen. Das Vorgehen der UdSSR gegen das Baltikum, Finnland und Rumänien, wo sich der Sowjetanspruch selbst auf die Bukowina erstreckte, zeigten dies klar. Die Besetzung und Bolschewisierung der ihr zuerkannten Interessensphäre durch die Sowjet-Union verstieß eindeutig gegen die Moskauer Vereinbarungen, wenn sich auch die Reichsregierung mit den so geschaffenen Tatsachen zunächst abfand.
IV. Als Deutschland die durch das Vorgehen der UdSSR gegen Rumänien in Südosteuropa entstandene Krise durch den Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940 beschwor, erhob die Sowjet-Union Beschwerde und ging dazu über, auf allen Gebieten intensive militärische Vorbereitungen zu treffen. Deutschlands erneute Anstrengung zur Verständigung, die in dem Briefwechsel des Reichsaußenministers mit Herrn Stalin und der Einladung Herrn Molotows nach Berlin zum Ausdruck kam, zeitigte Forderungen der Sowjet-Union, die Deutschland nicht annehmen konnte, wie die Garantie Bulgariens durch die UdSSR, die Schaffung einer Basis für sowjetrussische Land- und Seestreitkräfte an den Meerengen und die völlige Preisgabe Finnlands. In der Folge trat dann die gegen Deutschland gerichtete Politik der Sowjet-Union immer offener zutage. Die Warnung Deutschlands vor einer Besetzung Bulgariens und die an Bulgarien gerichtete Erklärung nach dem Einmarsch deutscher Truppen, die direkt feindseligen Charakter trug, waren hierfür ebenso bezeichnend wie die im März 1941 der Türkei gegebene Rückendeckung für den Fall eines türkischen Eintritts in den Krieg auf dem Balkan.
V. Mit dem Abschluß des sowjetrussisch-jugoslawischen Freundschaftspaktes vom 5. April d.J., der den Belgrader Putschisten den Rücken stärken sollte, trat die UdSSR hinter die gemeinsame englisch-jugoslawisch-griechische Front gegen Deutschland. Gleichzeitig versuchte sie die Annäherung an Rumänien, um dieses Land zum Abfall von Deutschland zu veranlassen. Nur an den raschen deutschen Siegen scheiterte der englisch-russische Plan eines Angriffs gegen die deutschen Truppen in Rumänien und Bulgarien.
VI. Begleitet wurde diese Politik von einer ständig zunehmenden Konzentrierung der gesamten verfügbaren russischen Streitkräfte auf einer langen Front von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, gegen die von deutscher Seite erst später Gegenmaßnahmen getroffen wurden. Seit Anfang d.J. ergab sich daraus eine immer zunehmende Bedrohung des Reichsgebietes. Die Nachrichten der letzten Tage beseitigen die letzten Zweifel an der Aggressivität dieses russischen Aufmarsches und vervollständigen das Bild einer aufs äußerste gespannten militärischen Lage. Hinzu treten die aus England kommenden Nachrichten über die Verhandlungen des Botschafters Cripps zwecks noch engerer politischer und militärischer Zusammenarbeit Englands und Sowjetrußlands.
Zusammenfassend erklärt daher die Reichsregierung, daß die Sowjetregierung den von ihr übernommenen Verpflichtungen zuwider
1. ihre gegen Deutschland und Europa gerichteten Zersetzungsversuche nicht nur fortgesetzt, sondern verstärkt hat,
2. ihre Außenpolitik in sich immer steigerndem Maße deutschfeindlich eingestellt hat,
3. mit ihren gesamten Streitkräften an der deutschen Grenze sprungbereit aufmarschiert ist. Damit hat die Sowjetregierung die Verträge mit Deutschland gebrochen und ist im Begriff, Deutschland in seinem Existenzkampf in den Rücken zu fallen. Der Führer hat daher der deutschen Wehrmacht den Befehl erteilt, dieser Bedrohung mit allen zur Verfügung stehenden Machtmitteln entgegenzutreten." Schluß der Erklärung.
Auf irgendeine Erörterung dieser Mitteilung bitte ich Sie, sich nicht einzulassen. Es ist Sache der Sowjetrussischen Regierung, für die persönliche Sicherheit des Botschaftspersonals zu sorgen.
RIBBENTROP.
Moskau-Botschafter von der Schulenburg
"Mit allen Machtmitteln"

DER SPIEGEL 26/1965
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