23.06.1965

USA / DIPLOMATIEBlitz am Samstag

In der indischen Hauptstadt Neu-Delhi macht seit Wochen ein schmächtiger, blauäugiger Amerikaner Schlagzeilen: US-Brigadegeneral Paul W. Tibbets, 50, Vize-Chef der amerikanischen Militärmission in Indien.
Doch nicht die Tätigkeit des Generals, sondern ein historischer Einsatz des Obersten Tibbets vor nunmehr fast 20 Jahren ist der Grund für die permanente Publicity:
Paul Tibbeis war der Pilot jenes (nach seiner Mutter "Enola Gay" benannten) Bombers vom Typ B-29, der am 6. August 1945 die erste amerikanische Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima warf (rund 300 000 Tote).
Tibbets hatte bei den ersten Großeinsätzen gegen deutsche Städte Erfahrungen gesammelt, dann General Eisenhower als Sonderpilot gedient und war schließlich zum Kommandeur der 509. Gemischten Gruppe des 313. US-Luftgeschwaders befördert worden, die den amerikanischen A-Bomben-Einsatz vorbereitete und später den US-Atomversuch im Bikini-Atoll durchführte.
Nach dem Krieg machte Tibbets eine Stabskarriere und brachte es bis zum General. Jahrelang blieb es still um den Hiroshima-Piloten. Und seit mehreren Monaten schon residierte Tibbets unerkannt in seinem geräumigen, holzgetäfelten Büro im Darbhanga-Palast von Neu-Delhi, als ihn seine Vergangenheit wieder einholte.
Das prokommunistische Wochenblatt "Blitz News Magazin" (Auflage: 210 000) enthüllte eines Samstags in roten und schwarzen Balkenlettern die Identität des Brigadiers.
"Der größte Mörder der Weltgeschichte", polemisierte das Blitz - Blatt, "spaziert durch die indische Hauptstadt, erfreut sich indischer Gastfreundschaft, atmet die Luft des freien Indien und schändet heiligen indischen Boden."
Fünf Wochen lang beherrschte das Tibbets-Thema die Blitz - Frontseiten. Die prokommunistische Tageszeitung "Patriot" schloß sich der Blitz-Kampagne an und unterstützte die Forderung an die indische Regierung, General Tibbets zur Persona non grata zu erklären und auszuweisen.
Die Amerikanische Botschaft hatte die Vergangenheit des Hiroshima - Fliegers geheimgehalten. Selbst die jüngeren Chargen der US-Militärmission wußten nichts davon.
Die Frage, ob es klug gewesen sei, den ehemaligen Atom-Piloten Tibbets in ein asiatisches Land zu entsenden, beantworteten US-Diplomaten in Neu-Delhi vage: Es seien wohl mögliche Einwände in Erwägung gezogen worden, letztlich habe aber doch nichts Ernsthaftes dagegen gesprochen. Und: Die indische Regierung habe erwartungsgemäß nichts unternommen.
Die übrige Landespresse ignorierte die kommunistische Kampagne. Als auch der linksaußen stehende indische Ex-Verteidigungsminister Krischna Menon als Redner auf einer dünnbesuchten Blitz-Versammlung Angriffe gegen Tibbets unterließ, betrachtete die Amerikanische Botschaft in Neu-Delhi den Fall als erledigt.
General Tibbets selbst, der mit seiner goldgerahmten Brille "eher wie ein Pastor denn wie ein Soldat aussieht" ("New York Times"), war lediglich von der Schärfe der Attacke überrascht. Der aus Florida stammende Offizier hat sich damit abgefunden, daß die Druckwellen des ersten atomaren Massakers auch in der Zukunft fortwirken werden.
Tibbets: "Egal, wohin ich gehe, früher oder später kommt es immer wieder heraus."
Hiroshima-Pilot Tibbets
"Es kommt immer wieder heraus"

DER SPIEGEL 26/1965
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