23.06.1965

KIELER WOCHEWind gemacht

Die Zustände auf vielen Regatta-Revieren", entsetzte sich ein deutscher Segel-Experte, "nähern sich unaufhaltsam dem Chaos." Der Grund: Immer größere Felder führen zu drükkender Drängelei am Start und zu ruppigen Manövern an den Wendebojen. Zum Siege verhelfen neben Taktik und Tempo zunehmend pfiffige Tricks.
Zur Kieler Woche, die am letzten Sonnabend begann, dem größten und bedeutendsten segelsportlichen Ereignis in Deutschland, meldeten Segler aus 19 Nationen 560 Boote, darunter allein 57 Finndingis und 50 Drachenboote. Im Finndingi verdankte der Schwede Boris Jacobson seinen Sieg und die Europameisterschaft bei der Kieler Woche 1962 einem besonders wirksamen Trick: Er hatte seiner Jolle einen entscheidenden Vorsprung verschafft, indem er während einer Flauten-Periode fortwährend an einem Tauende, der sogenannten Schot, zog und damit sein Segel bewegte.
Schon vorher hatte der viermalige dänische Einmann-Jollen-Olympiasieger Paul Elvström die Wedel-Taktik angewandt. "Der größte Segler aller Zeiten" (Deutsche Presse-Agentur) provozierte 1959 bei der Regatta um den "Finn Gold Cup" Proteste, weil er künstlich Wind gemacht hatte. 1960 pumpte der ehemalige französische Europameister Pineau sein Finndingi bei der Olympiaregatta durch windarme Zonen. Alle Proteste verpufften: Solange das geringste Lüftchen weht, ist das Segelschwenken nicht ausdrücklich verboten.
Schwereren Booten helfen freilich nur massivere Mittel über die Flaute, etwa Wedeln mit dem Ruder oder Schunkel-Aktionen der Crew. Beides bietet allerdings - wenn es beobachtet wird - einen Protestgrund. In Gewässern mit Ebbe und Flut darf bei Flaute geankert - und der Anker aufgeholt werden, wenn sich wieder Wind zu regen beginnt. Besonders gewitzte Segler vermeinen in dieser Situation häufiger eine aufkommende Brise zu spüren und nutzen das mehrmalige Ankerhieven, um sich ein Stück voranzuziehen.
Eine andere Regatta-List im Niemandsland zwischen erlaubter Taktik und illegalen Methoden entwickelte Segelmacher Elvströth. Er schlüpfte in mehrere dicke Wollpullover und durchtränkte sie mit Wasser. So verschaffte er sich einen zusätzlichen Gewichtsvorteil für das Ausreiten seines Finndingis (Gewichtsgrenze: 90 Kilo). Denn das größere Eigengewicht hilft Jollenseglern, ihr Boot durch Außenbord-Manöver wirksamer wiederaufzurichten, sobald es aus der Senkrechten gedrückt wird. Einige Segler bekleideten sich sogar mit Bleiwesten.
"Die Verwirrung des Gegners", schrieb Segel- und Regatta-Experte Joachim Schult, "gehört zu den Prinzipien der Taktik." * Schon vor dem Startböller wird eine List angewandt. Um unerfahrene Konkurrenten zu täuschen, die sich über die Segelwahl der renommierten Skipper informieren wollen, vertauschen alte Regatta-Stars die verschieden beschrifteten Säcke mit den Segeln für unterschiedliche Wetterlagen - von Leichtwetter bis zu Sturm.
Vor dem Startzeichen leiten besonders erfolgreiche Rennsegler alle Rivalen auf falschen Kurs, die sich anschicken, die Taktik des Meisters zu kopieren und ihm an der vermeintlich günstigsten Position über die Startlinie zu folgen: Sie kreuzen - vor dem offiziellen Start - probehalber die Linie an einer Stelle,
die sie beim wirklichen Rennbeginn keinesfalls berühren wollen.
Phantasie und Erfindungsgabe ließ Regattasegler vielfältige Möglichkeiten ausschöpfen, sich durch Änderungen in der Verteilung des vorgeschriebenen Gewichts Vorteile zu schaffen. Um ihr Boot möglichst aufrecht zu halten - je aufrechter ein Boot segelt, desto schneller ist es -, betrachteten Segler ihr Schwert am untersten Ende mit Blei. In Finndingis und Flying Dutchmen wurden sogar schon dünne Bleiplatten im Rumpf montiert.
Die Fußstützbretter (Fachsprache: "Grätings") der Piraten-Jolle müssen gleichmäßig verteilt festliegen. Um die Bootsnase besser im Wasser zu halten, verschoben Segler - illegal - die insgesamt etwa zwölf Kilo schweren Hölzer ins Vorschiff.
Der italienische Flying-Dutchman -Segler Vittorio Porter entdeckte eine Möglichkeit, die Segelfläche legal zu vergrößern. Vermessen werden lediglich die Kanten zwischen den drei festen Punkten des Dreieckssegels. Porter ließ zusätzlich Stoffbahnen einnähen, so daß sich das großflächigere Tuch (es ging als "Genua-Fock" in die Regatta-Terminologie ein) viel weiter bauschte.
Für die oft akrobatisch außenbords turnenden Segler entwickelten findige Köpfe zusätzlichen Halt: Ostzonen -Finndingi-Segler - benutzten auch bei den Olympia-Ausscheidungen im vergangenen Jahr mit Knebeln versehene Gummi-Kordeln zum Festhalten bei Außenbord-Aktionen. In Ruhelage ragten die Gummistränge - wie vorgeschrieben - nicht über die Oberkante des Bootsrumpfes. In der Praxis waren sie ebenso dehnbar wie die Regeln.
Das Star-Boot des russischen Olympiasiegers von 1960, Timur Pinegin, wurde auf Beschwerden nach den Olympia -Wettfahrten vor Neapel überprüft und sogar gefilmt. Konkurrenten hatten angezeigt, daß der Mitsegler (Vorschotmann) Fjodor Schutkow seine unübertroffene Außenlage nur erreiche, weil er verbotenermaßen einen Fuß mittels Schlaufe am Mast befestigte. Ein Konkurrent beurteilte die - von der Kommission nicht entdeckte - Schlaufe: "Auf jeden Fall praktisch."
Unentdeckt blieb auch der Segler, der einen Rivalen mit einem Kiesel aus dem Konzept brachte. Er warf den Stein unauffällig gegen das Segel des benachbarten Bootes, wo er hörbar aufprallte und klackernd auf das Deck schlug. Während der betroffene Segler nach einer vermeintlichen Bruchstelle suchte, segelte der listige Rivale an ihm vorbei.
Mit unlauteren Tricks versuchen Segler, besonders bei wichtigen Regatten, chancenreiche Bewerber aus dem Wettkampf hinauszuprotestieren. Sie manövrieren so, daß der Konkurrent sie mit seinem Boot berühren muß.
Bei der Olympia-Regatta 1960 provozierte beispielsweise der italienische Drachensegler Cosentino den Argentinier Sales Chavez zu einer Berührung. Doch andere Teilnehmer hatten den Hergang beobachtet. Der italienische Protest wurde abgewiesen. Chavez gewann die Silbermedaille.
Trickvater Paul Elvström, der seine Karriere nach dem vierten Olympiasieg 1960 in einem Finndingi bereits beendet hatte, meldete sich zur diesjährigen Kieler Woche wieder an den Start.
Der Grund liegt auf der Hand: Der Segelmacher versucht, seine nautischen Künste mit geschäftlichen Interessen zu koppeln. Er segelt nicht im Finndingi (Segelfläche: zehn Quadratmeter), der kleinsten der zwölf auf der Kieler Förde vertretenen Bootsklassen, sondern wirbt im Star-Boot (Segelfläche: 26 Quadratmeter) für seine Erzeugnisse.
* Joachim Schult: "Taktik des Regattasegelns". Delius, Klasing, Bielefeld; 24 Mark.
Regatta der Kieler Woche: Blei in der Weste?

DER SPIEGEL 26/1965
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