23.06.1965

PEN-CLUBFranzösisch können

Seit 44 Jahren will der PEN-Club den Weltfrieden fördern. Seit kurzem ist sein innerer Friede gestört. Der Störenfried: Frankreich.
Die 1921 in England gegründete internationale Schriftsteller-Vereinigung PEN*, die ihren Mitgliedern vorschreibt, "jederzeit ihren ganzen Einfluß für das gute Einvernehmen und die gegenseitige Achtung der Nationen" einzusetzen, wählt nächste Woche im jugoslawischen Kurort Bled ihren neuen Präsidenten. Nach altem PEN-Brauch war die Wahl vorher abgesprochen worden: Einziger und möglichst einstimmig zu wählender
Kandidat sollte der amerikanische Dramatiker Arthur Miller ("Nach dem Sündenfall"), 49, sein.
Miller, der von den gastgebenden Jugoslawen nominiert wurde - er wäre der erste PEN-Präses aus den USA -, erklärte sich bereit, das Ehrenamt zu übernehmen. Doch da legten sich die Franzosen quer: Per Rundschreiben an die 76 PEN-Zentren in 55 Ländern** schlugen sie den guatemaltekischen Romancier Miguel Angel Asturias ("Der Herr Präsident"), 65, zum Präsidenten vor.
Diese überraschende Störaktion wurde von den angelsächsischen PEN -Mitgliedern als Ausdruck einer Art von Literatur-Gaullismus empfunden, als "ein neues Beispiel französischer Machtpolitik und als ein Versuch, das PEN -Generalsekretariat (bisher in London) in den Griff zu bekommen" - so die "New York Times Book Review". Und tatsächlich zielt der französische PEN-Sekretär Jean de Beer auf den Generalsekretär des weltweiten Schriftsteller-Klubs, auf den Engländer David Carver. De Beer zum SPIEGEL: "Wir hatten in den letzten sechs Jahren nur faule Nichtstuer als Präsidenten, erst (den Italiener) Moravia, dann (den Holländer) van Vriesland. Da hatte also immer Herr Carver das Heft in der Hand. Aber wir wollen einen Präsidenten, der selber etwas tut."
Der Amerikaner Miller, meint der Franzose, wäre nicht so einer: "Wir haben nichts gegen Arthur Miller. Er ist ein guter Mann, kein Johnson-Mann. Aber er macht so viel anderes, daß er für den PEN-Club bestimmt keine Zeit hätte."
Asturias hingegen, verheißt de Beer, wäre äußerst arbeitswillig: "Der rechnet auf den Nobelpreis, der nimmt die Sache ernst."
Noch ein weiteres Argument bietet Franzose de Beer für seinen Favoriten auf: "Wir wollen einen Präsidenten, der auch französisch sprechen kann. Miller kann es nicht, Asturias kann es."
Der 1899 im mittelamerikanischen Bananen-Staat Guatemala geborene und spanisch schreibende Miguel Angel Asturias ("Mein Englisch ist nicht so besonders") hat zeitweilig im diplomatischen Dienst seines Landes gestanden und lebt heute meistens in Italien oder in Paris, wo ihm das französische PENBüro in der Rue Pierre-Charron als Schlaf- und Schreibstätte dient. Er ist seit knapp einem Jahr assoziiertes Mitglied des französischen PEN-Clubs und gilt als einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Gegenwartsautoren, als Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis und als Kommunist.
* Just die letzte Eigenschaft mindert Asturias ohnehin nur geringe Chancen, beim ersten PEN-Kongreß in einem kommunistischen Staat, nächste Woche in Bled, seinen Rivalen Arthur Miller im Kampf um die Führung der PENner aller Länder auszustechen. Denn gerade die Autoren der kommunistischen Länder Jugoslawien, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien (die PEN-lose Sowjet-Union entsendet Beobachter nach Bled) haben durchblicken lassen, daß sie für Miller sind.
Frankreichs de Beer, mehr auf Bekundung französischer Eigenwilligkeit bedacht als auf Erfolg hoffend, weiß auch einen Grund für diese Anti -Asturlas-Haltung der osteuropäischen Literaten: "Die wissen ganz genau, daß ein Amerikaner mehr für sie tun kann als ein Kommunist."
Zuversichtlich äußerte sich daher PEN-Generalsekretär Carver, resigniert Kandidat Asturias letzte Woche zum SPIEGEL. Carver in London: "Ich glaube nicht, daß Mr. Miller diese Wahl verlieren wird." Asturias in Paris: "Wenn das so weitergeht (mit dem PEN-Bruderzwist), ziehe ich meine Kandidatur noch zurück."
* Die Buchstaben PEN, die das englische Wort für "Schreibfeder" bilden, stehen für: Poets and Playwrights (Dichter und Dramatiker), Editors and Essayists (Herausgeber und Essayisten), Novelists (Romanschriftsteller).
** Einige mehrsprachige Länder haben mehrere PEN-Zentren, zum Beispiel die Schweiz (deutsch, französisch, Italienisch, ratoromanisch). Neben dem "Deutschen PEN -Zentrum der Bundesrepublik" bestehen noch ein kommunistisch beeinflußtes "Deutsches PEN-Zentrum Ost und West" und ein PEN -Zentrum deutscher Emigrations-Autoren in London.
PEN-Kandidat Miller
"Wir wollen einen Präsidenten..
PEN-Kandidat Asturlas ... der selber etwas tut"

DER SPIEGEL 26/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PEN-CLUB:
Französisch können

  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung
  • Video zeigt Autodiebstahl: 30 Sekunden für einen 98.000-Euro-Tesla
  • Tiefseetauchgang: Wrack der Titanic in schlechtem Zustand
  • Der Chart-Stürmer: Rechter Rapper "Chris Ares"