23.06.1965

NACHRUFMARTIN BUBER 8.II.1878 - 13.VI.1965

Seinen Sarg deckte die israelische Flagge, doch arabische Studenten legten Rosen, Nelken und Gladiolen darauf. Auch deutsche Touristen trauerten am Grabe in Jerusalem.
Viele Israelis hielten Buber für einen pazifistischen Phantasten, weil er für die Rückführung der palästinensischen Araber eintrat, die 1948 vertrieben worden waren, als der Staat Israel aus einem blutigen, von Buber verabscheuten Krieg entstand.
Einsam wurde es um ihn, als er 1956 seine Stimme gegen den bewaffneten Überfall der Engländer, Franzosen und Israelis auf Ägypten erhob.
Viele Juden tadelten ihn, weil er nach 1945 deutsche Ehrungen annahm, weil er immer wieder nach Deutschland reiste, aus dem er 1938 hatte fliehen müssen, und weil er für Adolf Eichmann um Gnade bat. Seine "blinde Treue zu Deutschland" - so der Pariser "Monde" in einem Nachruf - war vielen ein Ärgernis.
Und doch nannte ihn Ministerpräsident Eschkol letzte Woche in der Jerusalemer Universität "einen nationalen Schatz". Buber, fügte er hinzu, habe in seinem Leben niemals "seine
jüdischen und zionistischen Bindungen durchschnitten".
In der Tat, er selbst nannte sich "den Erzjuden".
Martin Buber war Nationalist. Die Nation war ihm auch eine "Gemeinschaft des Blutes", und er war überzeugt, "daß die tiefsten Schichten unseres Wesens vom Blute bestimmt, daß unser Gedanke und unser Wille zuinnerst von ihm gefärbt sind".
Doch war Martin Buber zugleich der Künder allgemein-menschlicher Brüderlichkeit. "Ich erkannte", schrieb er, "die Idee des vollkommenen Menschen, und ich wurde des Berufs inne, sie der Welt zu verkünden."
Nationalismus und die Weltbotschaft vom "vollkommenen Menschen" beschreiben die Spannung, in der er lebte. Er versuchte sie mit der grandiosen Naivität zu bewältigen, die der besitzt, der das Rechte und Wahre erkannt hat.
Die Nation war ihm nicht Selbstzweck. Zwar habe sie ihre Wurzel "im Naturhaften", werde aber erst eigentlich dadurch hergestellt, daß sie einem höheren Zwecke diene - "in dem unendlichen Streben, die Idee des Menschen zu erfüllen".
Sein Weg führte ihn durch die Kulturlandschaften Europas: von Wien, wo er geboren wurde, über Galizien, wo er an der Seite seines ebenso reichen wie gelehrten Großvaters und inmitten sektiererischer Juden aufwuchs, über Lemberg, wo er mit den slawischen Sprachen und Literaturen bekannt wurde, über Deutschland, dessen Geistesleben er sich innig verband: den Mystikern Meister Ekkehard und Jakob Böhme, den Philosophen Nietzsche und Dilthey - bis schließlich 1938 nach Jerusalem.
Orientierung aber fand er auf diesem Wege in der längst verschollenen Lehre einer jüdischen Sekte, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Galizien begründet worden war, der "Chassidim" (Frommen). Die Zaddikim (Heiligen) dieser Sekte lehrten, daß der Mensch jede, auch die gewöhnlichste Handlung des Lebens in Frömmigkeit zu leisten habe. "Glaube als tätige Lebenshaltung" war ihre Hauptforderung.
1923 beendete Buber sein philosophisches Hauptwerk: "Ich und Du". Es war ein Versuch aus chassidischem Geist. Er trat darin der Überschätzung rationaler Wissenschaftlichkeit entgegen, die den Menschen nur als ein zu erforschendes und zu manipulierendes Es, nicht aber als ein Du anerkennt.
Buber wollte nicht revolutionieren, sondern die
Welt und deren vorhandene Ordnungen durch "Glaube als tätigeLebenshaltung" und durch den brüderlichen Dialog des Ich und des Du erneuern.
Buber sah denn auch in der Nation primär ein Stück Weltordnung - eine "Naturtatsache" -, die als solche zu akzeptieren sei. Von der jüdischen Nation aber erhoffte er, daß sie mehr als eine Naturtatsache, nämlich das Werkzeug einer von Gott vorgeschriebenen Entwicklung sei. Er glaubte, daß es Israels Aufgabe sei, den anderen Nationen der Erde ein Vorbild zu geben. Israel sollte die Völker lehren, Du zueinander zu sagen.
So forderte er unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges, das künftige Israel dürfe keine Außenpolitik treiben. So lehnte er in einem Brief an Stefan Zweig einen "Judenstaat mit Kanonen, Flaggen, Orden" ab, und so bekannte er: "An dem Tage, an dem wir wie alle Völker würden, verdienten wir nicht mehr zu sein."
Doch 1947 machte sich Israel auf, wie alle Völker zu werden. Es führte Kriege, machte Außenpolitik, kaufte Kanonen, und andere Völker wurden ihm zu einem Es.
Auf dem Sarge Bubers lag letzte Woche die Nationalflagge, die er einst nicht gewünscht hatte - und der er dann doch diente: als Künder der menschheitlichen Mission seines Volkes, als einer der großen Propheten Judas.

DER SPIEGEL 26/1965
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MARTIN BUBER 8.II.1878 - 13.VI.1965

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