23.06.1965

WAS DER PAVIAN UNS LEHRT

Dr. Bernhard Grzimek, 56, ist Deutschlands vielseitigster und erfolgreichster Tierfreund: Der Frankfurter Zoo-Direktor ist Professor an der Universität Gießen, Leiter staatlicher deutscher Forschungsvorhaben In Afrika, zoologischer Berater afrikanischer Regierungen, Bestseller-Autor ("Serengeti darf nicht sterben"), Fernseh-Star ("Ein Platz für Tiere") und Zeitschriftenherausgeber ("Das Tier"). - Der Tierpsychologe Professor Dr. Konrad Lorenz, 61, auch er Herausgeber vom "Tier", ist als Begründer der "Vergleichenden Verhaltenslehre" berühmt geworden. Er leitet ein Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Oberbayern. Sein bisher bekanntestes Buch, hier von Bernhard Grzimek besprochen: "Das sogenannte Böse". Seine neueste Veroffentlichung "Über tierisches und menschliches Verhalten" - die Grzimek nicht für den SPIEGEL rezensieren wollte - steht derzeit auf der Bestseller-Liste.
Die Redaktion hatte mich eigentlich gebeten, Konrad Lorenzens gerade neu erschienenes Buch "Über tierisches und menschliches Verhalten" (Band 1) zu besprechen. Das ist jedoch kein "Sachbuch", sondern es sammelt sehr verdienstvoll die wissenschaftlichen Hauptarbeiten des bahnbrechenden Verhaltensforschers. Wer sich in ein wissenschaftliches Fachgebiet einarbeiten will, holt sich aber über die Wege dazu im allgemeinen nicht im SPIEGEL Rat.
Das Lorenz-Buch "Das sogenannte Böse" ist zwar schon früher herausgekommen und damit nach heutigen Bräuchen einer Besprechung angeblich nicht mehr wert. Aber obwohl es in einem kleinen Wiener Verlag erschienen ist und überhaupt nicht gemanagt werden konnte, habe ich es 1964 immerhin einmal auf der Bestseller-Liste des SPIEGEL gefunden - ein bemerkenswerter Erfolg unter vielen Tausenden von Neuerscheinungen, die jedes Jahr in deutscher Sprache gedruckt, verkauft und überwiegend,nicht gelesen werden!
Ich glaube, "Das sogenannte Böse" wird noch in zwanzig Jahren zitiert werden und wird unsere Zukunft mit beeinflussen. Von wie vielen unter den Hunderttausenden deutschsprachigen Neuerscheinungen dieses Jahrzehnts kann man das schon mutmaßen?
Zwar schreibt hier ein großer Gelehrter, o pfui, volkstümlich, für den Laien verständlich und fesselnd. Trotzdem wird dieses Buch nur sehr langsam seinen Weg machen in einem Lande, dessen elf Kultusminister es den Schülern der Oberstufen jetzt einheitlich erlaubt haben, auf den Unterricht in der Biologie zu verzichten; in einem Lande, wo man die Ergebnisse der Naturwissenschaft wohl benutzt, um Autos und Wolkenkratzer zu bauen, Syphilis zu heilen, Nylonstrümpfe zu weben oder philosophische Denkgebäude neuzeitlicher auszuputzen; wo man aber nicht sehen will, daß die Naturwissenschaften den Menschen zwar aus einem kleinen, gejagten Teilchen der Natur jetzt zu ihrem Herrscher und Tyrannen gemacht, ihn aber keineswegs als Geschöpf aus den ehernen
Grundgesetzen der Natur entlassen haben.
Wir haben uns im Laufe der Jahrhunderte widerwillig daran gewöhnt, daß unser Herz das Blut im Körper umtreibt wie das des Hundes oder unser Darm die Nahrung ebenso weiterstreift wie der des Wildschweins - das sind Körperteile, die keine besondere Ehrfurcht und Hochachtung erwecken. Daß aber das Gehirn, daß unser Zusammenleben, unser Ländererwerb, Haß, Liebe, Sich-miteinander-Vertragen, Krieg und Frieden neben dem nur Menschlichen auch sehr viel Tierisches, von Urzeiten Ererbtes in sich bergen, das verdrängen wir gern.
Dabei sind gerade diese Instinkte, Triebe, die "angeborenen Formen möglicher Erfahrung", erblich festgelegt und ebenso wie die ererbte Körpergestalt
durch Gesetze und Überredung unmittelbar kaum zu beeinflussen. Gerade diese - bisher kaum erkannten - ererbten Reaktionen auf die Außendinge beherrschen aber die Wahlergebnisse, das Verhältnis zu Nachbarvölkern und anderen Rassen viel mehr, als wir ahnen.
Von den "Großen Vier", die das Leben beherrschen - Hunger, Liebe, Flucht und Aggression -, behandelt Lorenz hier das letzte. Dieser Trieb ist dabei, eine Art auf Erden möglicherweise ganz zu vernichten: die des Menschen - so wie im Laufe der Erdgeschichte schon viele Arten erloschen sind, die sich sehr einseitig überentwickelt hatten.
Konrad Lorenz behandelt sein Thema als Naturwissenschafter. Die Naturwissenschaft ist, für mich, Wissenschaft im engeren, eigentlichen, modernen Sinne. Das wurde mir in den ersten Semestern meines Studiums erstmals bewußt. Ich hörte als Veterinärmediziner nebenbei ein paar Semester Psychologie. Der Dozent hatte einmal Kindern gelbe und rote Dreiecke sowie gelbe und rote Kreisscheiben gegeben und ihnen gesagt, sie sollten "das Passende" zusammenlegen. Die einen fügten nun rote Kreise und rote Dreiecke zusammen, die anderen Dreieck zu Dreieck und Kreis zu Kreis.
Aus dieser Beobachtung hatte der Psychologe den Schluß gezogen, daß es formen- und farbenbetonte Menschen gäbe; er hatte ein umfangreiches Werk über ihren Einfluß in der Entwicklung der menschlichen Kultur geschrieben. So ist mir das nach über dreißig Jahren in Erinnerung; vielleicht gebe ich es etwas vergröbert wieder.
Ein Naturwissenschafter, etwa ein Tier-Verhaltensforscher, hätte aus dem einen Testversuch nur den Schluß ziehen dürfen, daß es Kinder gibt, die rot zu rot, und andere Kinder, die Dreieck zu Dreieck fügen. Alles Weitere muß er durch neue Beobachtungen und neue Versuche beweisen.
Der Naturwissenschafter will einfach herausfinden, wie die Dinge sind und warum, er sucht nicht nach Tatsachen, um vorgeformte eigene Denkgebäude auszubauen. Neu gefundene Tatsachen stürzen oder wandeln ohne weiteres frühere Behauptungen. Oskar Heinroth glaubte, Graugänse lebten bedingungslos in Dauerehe; Konrad Lorenz, der seit Jahrzehnten mit ihnen arbeitet, fand doch erhebliche Ausnahmen ("Gänse sind schließlich auch nur Menschen"). Glücklich "verheiratete" homosexuelle Gänseriche lassen sich zeitweilig von Gänsinnen verführen.
Unser Menschenhirn ist zwar das unerhörteste Ergebnis des Lebendigen auf Erden. Mit ihm kann ein einziges Lebewesen über sich selbst nachdenken, es ist der einzige Teil der Natur, der sich über sie Gedanken macht und sie zu enträtseln versucht. Wir wissen, daß unser Gehirn ein sehr unvollkommenes Gerät ist, daß wir niemals mit ihm an die letzten Grenzen der Erkenntnis kommen werden.
Die Naturforscher lassen sich trotzdem keine Grenzen für ihre Arbeit setzen. Wo man das in den letzten 250 Jahren versucht hat, sind diese Grenzen immer wieder weit überschritten worden. Aber gewiß ist es ganz besonders schwierig, mit diesem fehlerhaften, beschränkten Menschengehirn eben es selbst zu untersuchen: das höchstentwickelte und verwickeltste Gehirn, das es in der Natur überhaupt gibt.
Die Arbeit aller anderen Körperorgane haben wir erkannt, indem wir erst einfacher gebaute, leichter zu untersuchende Organe niederer Tiere studiert haben; indem wir die Muskeln von Fröschen elektrisiert, die Befruchtung von Seeigeleiern beobachtet, die Chromosomen von Taufliegen im Mikroskop betrachtet, die Entwicklung von Hühnerkeimlingen verfolgt haben. Auch das schwierige Zusammenleben der Menschen und seine Kurzschlüsse werden wir erst verstehen und vielleicht besser lenken können, wenn wir die Vorstufen, die klareren Formen bei unseren tierischen Vorfahren und Verwandten erfaßt haben.
Konrad Lorenz untersucht sie hier auf einem Teilgebiet, dem Angriffstrieb
innerhalb der eigenen Art, der uns Menschen so sehr zu schaffen macht. Er tut das als guter Naturwissenschafter, das heißt, er reiht gesicherte Beobachtungen und Ergebnisse von Versuchen aneinander. Da die Verhaltensforschung in den letzten dreißig, vierzig Jahren Mode geworden ist, kann er eine reiche, überzeugende Ernte in sein Buch einfahren. Sie wird die meisten Leser überraschen, entzücken oder nachdenklich machen.
Die Aggression, die Lust, den eigenen Artgenossen anzugreifen, ist nur bei Menschen "böse", weil sie bei uns dazu führt, den Artgenossen zu töten. Bei den meisten Tierarten tut sie Gutes.
Bei den Plakatfischen zum Beispiel sorgt die Aggression dafür, daß sich die einzelnen Paare schön gleichmäßig mit ihrem Privat-Grundbesitz über den Meeresboden verteilen. Um Angehörige anderer Fischarten kümmert man sich nicht. Damit es keine irrtümlichen Angriffe gibt, tragen sie plakatähnliche, eindeutige Farben und Muster.
Setzt man ein Buntbarsch-Pärchen in ein zu kleines Aquarium, so kann das übereifrige Männchen sein Weibchen umbringen. Wenn man das Aquarium mit einer Scheibe in zwei Hälften teilt und auf beide Seiten je ein Pärchen setzt, so arbeiten diese gegeneinander ihre Angriffswut ab und pflegen zwischendurch getreulich ihre Brut.
Es hat keinen Zweck, die Angriffslust wegzüchten zu wollen, denn sie ist gerade mit allgemeiner Lebenskraft, Fortpflanzungs- und Kinderpflegetrieb eng gekoppelt. Lorenz: "Das sprichwörtlich aggressivste aller Säugetiere, Dantes ,bestia senza pace', der Wolf, ist der treueste aller Freunde." Gerade angriffslustige Tiere sind zu persönlichen Bindungen, ja Hingabe fähig.
Allerdings ist bei den Tieren in der Regel verhindert, daß sich zwei Angehörige derselben Art bei diesen Angriffen töten. Buntbarsche verhakeln ihre Münder zum Maulzerren stets genau gleichzeitig und vermeiden so, den anderen, noch nicht bereiten, zu verletzen. Frisch geschlüpfte Putenküken fiepen unaufhörlich und hindern nur dadurch ihre Mutter daran, sie totzuhacken. Sie hackt nach einem naturgetreu ausgestopften Küken, läßt aber sogleich wieder ab und beginnt es zu bemuttern, wenn ein kleiner Lautsprecher aus dem künstlichen Kind das Kükenweinen ertönen läßt. Eine taube Henne hackt auf alles ein.
Das Männchen der Smaragdeidechse beißt kein Weibchen, weil ihm die männliche blaue Kehlzeichnung fehlt. Malt man ihr den blauen Fleck an, so geht er wütend darauf los und erkennt sie erst dicht davor am Geruch. Rallenkinder halten den Eltern die roten Schwellkörper am Hinterkopf entgegen und wecken so in ihnen die Hemmung, auf ihre Kinder einzuhacken. Unterlegene Hunde bieten dem höherstehenden Artgenossen die ungeschützte Kehle, Paviane das Hinterteil dar. Weitaus am sichersten wird der Angriff durch den eigenen Artgenossen verhindert, wenn man ihn persönlich kennt und mit ihm befreundet ist.
Im Grunde genommen dreht sich ein großer Teil des Lorenz-Buches um den einen Satz, den mir die Filmbewertungsstelle Wiesbaden vor sechs Jahren hartnäckig aus dem Film " Serengeti darf nicht sterben" meines verstorbenen Sohnes Michael herausstreichen wollte: "Löwen töten friedliche Tiere und verzehren sie genau wie wir, aber Löwen bringen keine anderen Löwen um; das ist der Unterschied zu uns Menschen. Es wäre besser um uns Menschen bestellt, wenn wir uns wie Löwen benähmen."
Bei uns haben die angeborenen, instinktiven Hemmungen, den Mitmenschen zu töten, sich nicht mit unseren modernen Waffen weiterentwickelt. Sie arbeiten nur für unsere körpereigenen Waffen: Kein Mensch mag, außer in äußerster Wut und Notwehr, einem Mitmenschen die Kehle durchbeißen oder ihn mit den Händen erwürgen. Hier hat das Menschenhirn nur die Waffen weiterentwickelt; die instinktiven Tötungshemmungen sind etwa auf dem Stand des Schimpansen geblieben, der auch keinen hilfeschreienden Schimpansen totbeißen kann.
"Wer sich nur einmal klarmacht", schreibt Lorenz, "wie gestuft seine Hemmungen sind, eine Blume zu pflücken, eine Fliege, einen Frosch, ein Meerschweinchen, eine Katze, einen Hund und schließlich einen Schimpansen umzubringen, der sollte nicht nachreden, daß die Stammesgeschichte keine neuen Werte erzeuge."
Triebe stauen sich auf, sie lassen sich kaum unterdrücken - das ist auch wichtig für unser Zusammenleben. Ein Lachtauber, der lange allein gehalten wird, balzt zum Schluß die leere Zimmerecke an; "in der Not frißt der Teufel Fliegen". Aber die Triebe lassen sich, wie dieses Beispiel zeigt und wie viele von Lorenz aufgeführte Exempel demonstrieren, auf andere Gegenstände ablenken. Statt dem Gegenüber ins Gesicht, haut man mit der Faust auf den Tisch. Die Angriffstriebe lassen sich ritualisieren, in feste Formen bringen, bei denen die Aggression entladen wird, ohne den Gegner zu verletzen: beim Hirsch der Kampf Geweih gegen Geweih, beim Menschen - vielleicht - Fußball und Sport.
Was Lorenz schließlich für das Zusammenleben der Menschen schlußfolgert, sind Annahmen, Vermutungen. Aber die Fülle von Tatsachen aus anderen Lebensgemeinschaften überwältigt so, daß sie zugleich verpflichtet, sich hier weiter Gedanken zu machen und zu forschen. Schließlich geht es um das Fortleben der Menschheit auf Erden. Völlig schwarz sieht in diesem Punkt gerade der Naturforscher Konrad Lorenz noch nicht: "Der Mensch ist gar nicht so böse von Jugend auf, er ist nur nicht ganz gut genug für die Anforderungen des modernen Gesellschaftslebens."
Lorenz
Konrad Lorenz:
"Das sogenannte
Böse"
Borotha-Schoeler
Verlag
Wien
392 Seiten 22 Mark
Tierfreund Grzimek, Freund
"Viel Tierisches verdrängt"
Von Bernhard Grzimek

DER SPIEGEL 26/1965
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