23.06.1965

SOWJET-UNIONBetrug im Stadion

Die Bürger der ukrainischen Industriestadt Donezk (früher: Stalino) wanderten, festlich gekleidet, ins städtische Sportstadion "Lokomotive". Sie freuten sich auf eine Veranstaltung mit Unterhaltungsprominenz aus Moskau.
Bereits Wochen zuvor war die Stadt im sowjetischen Donbass-Kohlenzentrum mit Plakaten gespickt worden, die eine Schau unter dem Titel "Hier spricht Moskau" ankündigten. An diesem Gastspiel, so verhießen die Werbetexte, sollten 23 der bekanntesten Moskauer Unterhaltungskünstler teilnehmen, unter ihnen die Sängerinnen Ludmilla Sykina und Klaudia Schulschenko sowie die Sänger Mark Bernes und Konstantin Sorokin. Die Eintrittskarten waren ausverkauft.
Der Auftritt der Ludmilla Sykina wurde über Lautsprecher angekündigt. Beifall brandete auf. Die Sängerin ging langsam über den Rasen auf die Bühne zu und stimmte, noch im Schreiten, ein russisches Volkslied an.
Die meisten Zuschauer sahen die Sykina nur von weitem - aber sie hatten Ferngläser mitgebracht. Und binnen weniger Minuten verbreitete sich im Stadion die verblüffende Erkenntnis, daß Ludmilla Sykina nicht Ludmilla Sykina war, sondern eine Unbekannte, die der Sängerin nicht einmal ähnlich sah. Einzig die Stimme war echt. Aber auch hinter dieses Rätsel kamen die Zuschauer bald: Die Stimme tönte von einem Tonband aus Lautsprechern. Die Unbekannte, die als Ludmilla Sykina angekündigt worden war, bewegte zu dem Lautsprecher-Gesang nur stumm die Lippen.
Mark Bernes war mit seinen Liedern zur Gitarre ebensowenig gekommen wie die anderen angekündigten Moskauer Stars.
Aber nicht die Künstler hatten das Publikum betrogen. Schuld am potemkinschen Doublespiel in Donezk waren das "Moskauer Theater für Massendarbietungen" und sein Regisseur Ilja Rachlin.
Dieses Theater hat in Moskau weder Haus noch Bühne. Es ist eine Agentur, die Ensembles und Künstlerkollektive für Reisen in die sowjetische Provinz zusammenstellt. Seit seiner Gründung im Jahre 1963 hat das "Theater für Massendarbietungen" 101 Veranstaltungen in 44 Städten organisiert - und den Provinzlern schon manche Fata Morgana verkauft.
Nachdem der Betrug in Donezk ruchbar geworden war - Funktionäre schrieben empörte Leserbriefe ,an die Parteizeitungen -, protestierten auch die Künstler, deren Namen mißbraucht worden waren.
Sagte Klaudia Schulschenko: "Ich bin empört über den Genossen Rachlin. Ich habe sofort an den Kultusminister der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik telegraphiert." Und Mark Bernes: "Wie lange wird der Betrug an den Zuschauern noch dauern?"
Die Frage beantwortete der stellvertretende Kulturminister Berdnikow in der Regierungszeitung "Iswestija": Rachlin, so teilte der Minister mit, sei seines Postens enthoben worden.
Zugleich wurde ein zweiter Kulturfunktionär gerügt: Jurij Pribegin, Direktor von "Moskonzert". Diese Organisation, eine Art staatlicher Impresario, hatte ihre Aufsichtspflicht verletzt.
Sie hatte ebenfalls nicht gemerkt, daß das "Moskauer Theater für Massendarbietungen" den Bürgern von Donezk statt singender Stars nur stumme Doubles geschickt hatte.
Sängerin Ludmilla Sykina
Stimme vom Tonband

DER SPIEGEL 26/1965
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