23.06.1965

Martin MorlockNIX GEGEN DIE WEIGEL

Kunstschaffende, denen das Epitheton "berühmt" gebührt, hinterlassen der Nachwelt nicht nur Werke, sondern - Jean Cocteau zum Leidwesen unseres Bundespräsidialamts ausgenommen - auch dieser Werke rechtmäßige Hüterinnen, ihre Witwen.
Schöpfungen, die mehrerer Urheber bedurften, gehen in die Obhut mehrerer Hinterbliebener über. Beispiel: die "Dreigroschenoper". An ihrem Fortgedeih haben teil: die Witwe des Bertolt Brecht, Helene Weigel, wohnhaft in Ost -Berlin, und die Witwe des Kurt Weill, Lotte Lenya, zu New City im Staate New York ansässig. Beider Geburtsort: Wien.
Über Helene Weigel, 65, weiß jeder Kundige: Sie leitet Brechts "Berliner Ensemble" und hat sich als "Mutter Courage" weltrühmlich hervorgetan.
Lotte Lenya, 65, Tochter eines Kutschers und einer Wäscherin, war, ehe der Komponist Weill sie ehelichte, Drahtseil-Artistin, Balletteuse und Statistin; gelangte als "Seeräuber-Jennn"' - selbst vom Brecht -Gegner Alfred Kerr gepriesen - zu jäher Glorie, folgte Weill 1933 erst ins französische, später ins amerikanische Exil und verhalf nach dessen Tode (1950)
der "Dreigroschenoper" zu einem fast siebenjährigen Non-Stop-Erfolg an einem kleinen New Yorker Theater. Daneben und danach besang sie Schallplatten, hielt Vorträge, filmte, gab Konzerte, heiratete ein zweites und ein drittes Mal. Nun verkörpert sie, bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, in 22 Vorstellungen die "Mutter Courage".
Ihre Zuneigung gilt dem Filmatelier, wo sie zuletzt als russische James-Bond-Feindin ("Liebesgrüße aus Moskau") mit vergifteter Schuhspitze agierte. Ihre Abneigung verteilt sich auf das Fernsehen, die Metropolitan Oper und die US -Snob-Unsitte, den armen BB zu "einem Heiligen" zu stempeln. Nicht er, enthüllte sie, habe den Brechtschen Theaterstil erfunden, sondern der Bühnenbildner Caspar Neher. "Sie liebt es, kleine Nadeln in den Brechtkult zu pieken", vermeldete John Crosby, Kolumnist der "New York Herald Tribune". Andererseits hat es Lotte auch nicht an Achtung vor dem Dichter fehlen lassen.
Sollten ihre Nadelstiche in Wahrheit der Ost-Berliner Witfrau gelten, mit der sie, wie gemunkelt wird, keine überzarten Bande verknüpfe?
"Aber nein", beruhigt mich Frau Lenya, "ich hab' nix gegen die Weigel. Es fehlt uns nur der persönliche Kontakt"
Wir sitzen auf der Terrasse des Hotels "Engelsburg" und sprechen, indes die Brecht-Interpretin periodisch Würfelzucker in einem Kaffeepfützchen feuchtet und zum Munde führt, über törichte Frauen; etwa über ihres ersten Gatten Jugendgespielin, die unveröffentlichte Weill-Noten nicht einmal Biographen zur Einsicht überlassen wolle. Sie, Lotte Lenya, sei da großzügiger; sie singe, als Mutter Courage, sogar die Musik von Paul Dessau. Allerdings nur ausnahmsweise und in Anbetracht des Umstandes, daß Dessaus Tonfolgen für ihr Ohr "so neu nun auch wieder nicht" klängen.
Auf geniales Plagiieren kommt unsere Rede, somit auf Brecht, somit auf die als "schwierig" verschriene Verwalterin seines Erbes: "Dreißig Jahre hat sie müssen kuschen, die Weigel. Kein Wunder, daß sie jetzt nach allen Seiten ausschlägt." Wir tauchen zurück in die zwanziger Jahre. Ich erfahre, daß Frau Weigel bei der legendären "Dreigroschenoper"-Premiere das Urbild der Frau Peachum hätte prägen sollen - aber, sagt Frau Lenya "Sie bekam Blinddarmentzündung. Ein glücklicher Stern hat uns davor bewahrt." Dabei formen ihre Finger den Kopf eines zustoßenden Bussards.
"Wenn der Brecht ein großer Nazi gewesen wäre, dann wären die um ihn herum auch Nazis geworden, so wurden sie halt große Kommunisten." Die Helene, um ein Beispiel zu nennen, sei in ihrem Missionseifer so weit gegangen, ihr, der unpolitischen Lotte, den Partei-Beitritt anzuraten. "Nimm dir's Buach!" habe sie ihr 1929 bei einem Besuch in der KPD-Zentrale am Alexanderplatz zugeflüstert. Zum Glück vergebens.
Noch eine Anekdote fällt ihr ein: Kurt Weill habe bei einer Visite im Hause Brecht in umherliegenden Büchern geblättert, so auch im "Kapital" von Marx. Dabei sei unter der Tarnhülle ein Edgar Wallace zum Vorschein gekommen. "Die Weigel geht in die Luft, wenn Sie das schreiben. Aber es stimmt, ich war dabei!"
Auf welcher Bühne mag der Zwist der Nachlaß-Majestäten seinen Schillerschen Höhepunkt erklimmen? denke ich, während der Mangel an weiteren Zuckerstückchen das Gesprächsende ankündigt. Laut aber frage ich, ob mir obiges zu veröffentlichen in allem Freimut gestattet sei.
"Wischen S' ihr ruhig eins aus, der Weigel - aber so, daß sie mich nicht belangen kann."
Lotte Lenya*
* Als Mutter Courage in der Aufführung der Ruhrfestspiele.
Von Martin Morlock

DER SPIEGEL 26/1965
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