07.07.1965

Rußland im Krieg

2. Fortsetzung
25 Kilometer vor Moskau
Daß Moskau im Oktober 1941 von den Deutschen nicht erobert wurde, hatte enorme Auswirkungen auf die Moral der russischen Soldaten. Der Begeisterung, mit der Soldaten und Offiziere damals der Partei und dem Komsomol beitraten, wird heute viel Bedeutung beigemessen.
Innerhalb eines Monats, vom Oktober bis zum November, stieg die Zahl der Parteimitglieder in den drei Armeegruppen vor Moskau von 33 000 auf 51 000 und die Zahl der Komsomolzen von 59 000 auf 78 000.
Besonders in dieser Phase der Schlacht war es üblich, bei einem Minimum an Formalitäten nahezu jeden Soldaten, der sich in der Schlacht ausgezeichnet hatte, zur Partei zuzulassen.
Nach dem Mißerfolg des ersten deutschen Angriffs gegen Moskau stieg auch wieder die Moral der Zivilbevölkerung. Die Evakuierung der Stadt war den ganzen Oktober und die erste Hälfte des
Monats November hindurch weitergegangen. Ungefähr fünfzig Prozent der Bevölkerung und ein großer Teil der Moskauer Industrie waren evakuiert.
Am Moskauer Himmel hingen die Sperrballons, auf den meisten großen Straßen standen Panzerhindernisse, und überall waren Flugabwehrgeschütze aufgebaut. Tausende von Moskauern waren in Feuerwachen eingeteilt. Die Atmosphäre war ernst, militärisch und heroisch - ganz anders als in der Zeit des panischen Exodus.
Obwohl man allgemein überzeugt war, daß Moskau jetzt nicht mehr verlorengehen werde, unterschätzte man nicht den Ernst der zweiten Offensive. Am 22. November waren die Deutschen im Norden Moskaus nach Klin und im Westen nach Istra durchgebrochen. Näher sollten sie Moskau niemals kommen. Wenn sich deutsche Soldaten später daran erinnerten, daß sie Moskau durch ein gutes Fernglas sehen konnten, so war ihr Standort zweifellos Istra, das nur etwa 25 Kilometer westlich vor Moskau liegt.
Viele Heldentaten russischer Soldaten wurden bei den erbitterten Kämpfen nördlich von Wolokolamsk vollbracht, so der selbstmörderische Widerstand, den Panfilows Panzerabwehreinheiten, die die Straße nach Wolokolamsk sicherten, an der Straßenkreuzung von Dubosekowo leisteten. Die "Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjet-Union" berichtet:
"Der Gegner versuchte in diesem Abschnitt die sowjetische Verteidigung zu durchbrechen, die Wolokolamsker Chaussee zu erreichen und in Richtung Moskau vorzustoßen.
"Am Morgen des 16. November wurden die Stellungen des Regiments aus der Luft heftig bombardiert. Der Rauch der Bomben war noch nicht abgezogen, als Ketten deutscher MP-Schützen gegen die Stellungen der sowjetischen Soldaten vorgingen. Durch zusammengefaßtes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer wurde der Sturmangriff abgewehrt.
"Der Gegner warf darauf zwanzig Panzer und neue MP-Schützen in den Kampf ... Mit Handgranaten, Brandflaschen und durch das Feuer der Panzerbüchsen vernichteten die kühnen Soldaten aus Generalmajor Panfilows Division 14 Panzer. Die übrigen drehten ab.
"Die Rotarmisten hatten ihre Wunden noch nicht verbunden, als weitere 30
Panzer auf ihre Stellungen zurollten. Der Gegner war weit überlegen. Politleiter Klotschkow rief den Soldaten zu: 'Rußland ist groß, aber ein Zurück gibt es nicht mehr, hinter uns liegt Moskau!'
In dem harten und ungleichen Kampf fiel ein sowjetischer Soldat nach dem anderen. Der schwerverwundete Politleiter warf sich mit einer geballten Ladung unter einen Panzer und vernichtete ihn.
"Vier Stunden dauerte dieser legendäre Kampf. Der Gegner verlor dabei 18 Panzer und Dutzende von Soldaten, aber er kam nicht durch."
Es gibt viele Versionen dieser berühmten Geschichte von den "28 Soldaten Panfilows". Das Merkwürdigste an diesen Darstellungen selbstmörderischen Widerstandes ist, daß sie ein wenig einer Lotterie gleichen: Zahlreiche ebenso mutige Taten wurden vollbracht, ohne daß man von ihnen Kenntnis genommen oder sie gar der Nachwelt überliefert hätte. Aber es gab eben ein
paar Musterhelden, die dem Volk unauslöschlich im Gedächtnis blieben.
Die Luftstreitkräfte hatten ihren Nationalhelden in dem berühmten Hauptmann Gastello, der in der ersten Kriegswoche sein brennendes Flugzeug in eine 'Abteilung deutscher Panzer setzte.
Die Infanterie hatte ihre 28 Panfilow -Soldaten.
Die Partisanen und damit der Komsomol und das ganze sowjetische Volk hatte Soja Kosmodemjanskaja, die achtzehnjährige Moskauer Komsomolzin, die einen deutschen Pferdestall angezündet hatte und von den Deutschen am 29. November 1941 in der Ortschaft Petrischtschewo nahe Moskau gefoltert und gehängt wurde.
Ein "Prawda"-Reporter namens Lidin entdeckte während der russischen Gegenoffensive zwei Wochen später Sojas
hartgefrorene Leiche, den Strick noch um den Hals, und damit auch Sojas Geschichte.
Die Deutschen im Winter
Mitten in ihrer zweiten Offensive gegen Moskau begannen die Deutschen die Kälte zu spüren. Am 6. November - eine gute Woche nachdem er den Frost dringend herbeigewünscht hatte, da er mit seinen Panzern im Schlamm nicht vorankam - schrieb Guderian:
"Für die Truppe ist es eine Qual und für die Sache ein großer Jammer, denn der Gegner gewinnt Zeit, und wir kommen mit unseren Plänen immer tiefer in den Winter. So bin ich also recht traurig gestimmt. Der beste Wille scheitert an den Elementen. Die einzigartige Gelegenheit, einen ganz großen Schlag zu führen, entschwindet immer mehr, und ich weiß nicht, ob sie je wiederkehrt. Wie das noch werden soll, weiß Gott allein."
Am 7. November, so berichtet Guderian, traten "die ersten schweren Frostschäden" auf; und am 17. November schrieb er in einem Brief:
"Wir nähern uns unserem Endziel nur schrittweise bei eisiger Kälte und bei schlechtester Unterkunft für die arme Truppe. Die Nachschubschwierigkeiten auf der Eisenbahn wachsen ständig. Sie sind die Hauptursache unserer Not, denn ohne Betriebsstoff können die Autos nicht fahren. Wir Wären sonst dem Ziele schon um vieles näher. Dennoch erringt die brave Truppe einen Vorteil nach dem anderen und kämpft sich in bewundernswerter Geduld durch alle Widrigkeiten hindurch. Man muß immer wieder dankbar sein, daß unsere Männer so gute Soldaten sind ..."
Später schrieb Guderian:
"Am 17. November erhielten wir Nachrichten über das Auftreten von Sibiriern bei Uslowaja und über weitere Ausladungen an der Strecke Rjasan -Kolomna. Die 112. I. D. geriet an die frischen Sibirier. Als nun gleichzeitig aus Richtung Dedilowo feindliche Panzer gegen die Division vorgingen, war die geschwächte Truppe dieser Belastung nicht mehr gewachsen. Man möge bei der Beurteilung ihrer Leistungen berücksichtigen, daß jedes Regiment bereits 400 Mann durch Erfrierungen verloren hatte, daß die Maschinengewehre infolge der Kälte nicht mehr schossen und daß unsere 3,7-cm-Pak sich gegen den russischen T 34 als unwirksam erwies."
Alle späteren deutschen Angriffe schlugen fehl, Guderian zufolge zum größten Teil, weil am 4. Dezember das Thermometer auf minus 35 Grad gefallen sei.
Die Russen bestreiten, daß es im November ungewöhnlich kalt gewesen sei, räumten jedoch ein, daß es ein äußerst kalter Dezember war. Aber sie weisen sehr richtig darauf hin, daß es ein Irrtum sei, anzunehmen, die russischen Soldaten hätten nicht, wie alle anderen, unter der extremen Kälte gelitten. Allerdings leugnen sie nicht, daß die sowjetischen Truppen weit bessere Winterausrüstung hatten als die Deutschen. So heißt es in der "Geschichte":
"Zum erstenmal im Zweiten Weltkrieg geriet das Hitler-Regime in eine schwere Krise. Auch die faschistischen
Generale mußten ihre Hoffnungen begraben, den Krieg gegen die Sowjet -Union noch 1941 beenden zu können. Entschwunden waren die Träume von warmen Winterquartieren in Moskau.
"Der faschistische General Blumentritt schreibt darüber: 'So mußten die Soldaten in schweren Kämpfen ihren ersten Winter in Rußland verbringen, nur mit ihrer Sommeruniform, einem Wintermantel und einer Decke ausgerüstet'.
"Dagegen war nach seinen Worten die Rote Armee viel besser ausgestattet: 'Viele russische Einheiten erhielten gefütterte Pelzjacken, gefütterte Stiefel und Pelzmützen mit langen Ohrenklappen. Sie besaßen Filzstiefel. Es fehlte ihnen weder an Handschuhen noch an warmer Unterwäsche.' Die Rote Armee war tatsächlich besser auf Kampfhandlungen im Winter vorbereitet."
Die russische Gegenoffensive
Die russische Gegenoffensive begann am 5./6. Dezember entlang der ganzen, 800 Kilometer langen Front von Kalinin im Norden bis Jelez im Süden, und schon am allerersten Tag wurden fast überall eindrucksvolle Einbrüche erzielt.
Das Verhalten der Deutschen in diesem Winter war nicht überall gleich. Im allgemeinen leisteten sie heftigen Widerstand, doch zeigte sich ganz deutlich, daß sie sich vor einer Einkesselung fürchteten. Als am 13. Dezember Kalinin und Klin von den Russen eingeschlossen wurden und diese die deutschen Garnisonen aufforderten, sich zu ergeben, wiesen die Deutschen diese Aufforderung zurück, beeilten sich aber nichtsdestoweniger, sich aus dem Kessel herauszukämpfen, ehe es zu spät war. Dabei setzten sie noch so viele Gebäude in Brand wie nur irgend möglich.
An anderen Stellen wurde der deutsche Rückzug oft zu panischer Flucht. Westlich von Moskau, im Raum Tula, waren die Straßen kilometerweit übersät mit zurückgelassenen Geschützen, Wagen und Panzern, die tief im Schnee versunken waren.
Das Bild des komischen "Winter -Fritz" - eingehüllt in Kopftücher und Federboas, die er der Bevölkerung gestohlen hatte, mit Eistropfen, die von seiner roten Nase hingen - tauchte zum erstenmal in der russischen Vorstellungswelt auf.
Mitte Dezember hatte die Rote Armee fast überall Geländegewinne von 30 bis 50 Kilometern gemacht und Kalinin, Klin, Istra, Jelez befreit und Tula entsetzt.
Als in der zweiten Dezemberhälfte die Offensive weitergeführt wurde, eroberten die Russen Kaluga und Wolokolamsk zurück, wo sie auf dem Hauptplatz an einem Galgen acht Menschen hängen sahen, sieben Männer und eine Frau: angeblich Partisanen, die die Deutschen zur Abschreckung der Bevölkerung öffentlich gehängt hatten.
Wenn sich schließlich die große russische Gegenoffensive im Winter 1941/42 nur als ein Teilerfolg erwies, so waren dafür verschiedene Umstände verantwortlich: der Mangel an Transportmitteln, der sich besonders fühlbar machte, als die Nachschublinien immer länger wurden; eine zunehmende Verknappung an Waffen und Munition; schließlich die zermürbenden Strapazen des Winterkriegs. Noch bevor der Frühling kam, war die Rote Armee völlig erschöpft.
Es war äußerst kalt in diesem Januar 1942 - die Temperaturen sanken auf minus 20 bis 25 Grad -, und schwerer Schneefall behinderte alle Truppenbewegungen. Abgesehen von einer relativ kleinen Anzahl von Skiverbänden, konnten sich die russischen Truppen lediglich auf den Straßen vorwärts bewegen, und selbst das nur unter größten Schwierigkeiten.
Auch die Deutschen hatten in der Schlacht um Moskau schwere Verluste erlitten. Sie kämpften in diesem harten Winter unter Bedingungen, die für sie ganz ungewohnt waren. Ihre Moral war oft niedrig. Nichtsdestoweniger stellten sie nach wie vor eine unerhörte Macht dar.
Es ist wahr, daß die Deutschen oft unter dem Mangel an angemessener Winterkleidung zu leiden hatten; aber die bittere Kälte und der tiefe Schnee machten auch den Russen zu schaffen. Auch muß darauf hingewiesen werden, daß die Russen weder an ausgebildeten Mannschaften noch an Ausrüstung eine bemerkenswerte Überlegenheit hatten.
Einen schweren Nachteil für die Rote Armee bedeutete der Mangel an motorisierten Transportmitteln. An der Moskauer Front gab es nur 8000 Lastwagen, was völlig unzureichend war. Nicht einmal die Hälfte der benötigten Munition, Verpflegung und anderer Nachschubgüter konnte mit Motorfahrzeugen herantransportiert werden, und viele Hunderte von Panjeschlitten mußten die Lücken füllen.
Obwohl die Ladekapazität dieser kleinen, von Pferden gezogenen Fahrzeuge gering war, hatten sie den Vorteil,
daß sie im tiefen Schnee leichter vorankamen als schwere Wagen.
Am 15. Januar befahl Hitler seinen Truppen, feste Verteidigungspositionen östlich von Rschew, Wjasma, Gschatsk und Juchnow zu beziehen.
Am 25. Januar erlitten die Russen den ersten größeren Rückschlag, als ihr Versuch, Gschatsk zu nehmen, fehlschlug.
Der Widerstand der Deutschen nahm überall zu. An zahlreichen Abschnitten traten die Deutschen zum Gegenangriff an. Mit Heldenmut warfen sich die Russen den massiert angreifenden Panzern entgegen.
In einem Baumstumpf fand man nach dem Krieg einen Zettel, den ein sterbender Soldat geschrieben hatte. Mit zwölf Kameraden war er losgeschickt worden, um die deutschen Panzer aufzuhalten, die auf der Minsker Straße heranrollten:
"... und jetzt sind nur noch drei von uns übrig ... Wir werden aushalten, solange es Leben in uns gibt ... Jetzt bin ich allein, an Arm und Kopf verwundet. Immer mehr Panzer tauchen auf. Hier sind dreiundzwanzig. Wahrscheinlich werde ich sterben. Vielleicht findet jemand meinen Brief und denkt an mich. Ich bin Russe aus Frunse. Ich habe keine Eltern. Auf Wiedersehen, liebe Freunde, Euer Alexander Winogradow. 22. 2. 42."
Der extrem harte Winter traf schließlich die Russen härter als die Deutschen, denn die Deutschen hatten sich zum großen Teil eingegraben, während die Russen angreifen mußten.
Ende März setzte Tauwetter ein, das die Beweglichkeit der Roten Armee noch weiter einschränkte. Zu dieser Zeit hatten die sowjetischen Streitkräfte auch nicht die Möglichkeit, nennenswerte Mengen an Nachschub auf dem Luftweg beranzuschaffen; die Versorgung der Bodentruppen war damit praktisch zusammengebrochen. Ende März kam die russische Offensive völlig zum Erliegen.
Zwar kämpften noch viele Monate danach - Fallschirmjäger und andere Verbände unter Kavalleriegeneral Below, verstärkt durch örtliche Partisaneneinheiten, weit hinter den deutschen Linien und behinderten den deutschen Nachschub - nach russischen Quellen brach das Gros der in der Suchewka-Tasche eingeschlossenen Russen erst im Juni aus -, aber das Endergebnis der Operationen zwischen Januar und März 1942, die den Russen weit höhere Verluste gebracht hatten als den Deutschen, war, nach dem Enthusiasmus, den der Verlauf der eigentlichen Schlacht um Moskau ausgelöst hatte, bitter enttäuschend.
Der Eid eines roten Soldaten
Der Haß gegen die Deutschen hatte, wenn das überhaupt noch möglich war, seit der Schlacht um Moskau noch zugenommen. Die russischen Soldaten begegneten zum erstenmal der "Neuordnung", als sie Dutzende von Städten und Hunderte von Dörfern zurückeroberten.
Überall hatten die Deutschen zerstört, was zu zerstören war. In Istra hatten sie alle Häuser bis auf drei niedergebrannt und das alte Kloster in die Luft gesprengt. In manchen Städten und Dörfern fanden die Rotarmisten bei ihrem Einzug Galgen, an denen "Partisanen" hingen.
Überall dasselbe grausame Bild.
Die Deutschen rund um Moskau. Die Deutschen in uralten russischen Städten wie Nowgorod, Pskow und Smolensk. Die Deutschen in den Vorstädten Leningrads. Die Deutschen in Tolstois Jasnaja Poljana. Die Deutschen in Orel, in Lgow, in Schtschigri, im Land Turgenjews, dem russischsten aller Landstriche.
Sie raubten, plünderten und mordeten. Wo sie sich zurückziehen mußten, brannten sie alles nieder und ließen die Zivilbevölkerung in der Eiseskälte ohne Dach über dem Kopf zurück. Ähnliches war Rußland außer zu den Zeiten des Tatarenüberfalls niemals widerfahren.
Der Haß gegen die Deutschen, gemischt mit einem Gefühl unendlichen Mitleids für das russische Volk, für das geschändete Land, führte zu einer gewaltigen Welle des Nationalbewußtseins, das die Literatur und Musik jener Monate deutlich widerspiegelt.
Einige der besten, damals noch unbekannten Gedichte - sie wurden erst 1945 veröffentlicht - stammen von Boris Pasternak. Sie reflektieren die ganze Angst dieser ersten Tage der Invasion:
Erinnerst du dich,
wie trocken deine Kehle war,
als die nackte Gewalt des Unglücks
vorüberstampfte?
Sie torkelten vorwärts und brüllten
Und der Herbst kam und mit ihm das Elend.
Das Klagelied über die Leiden Rußlands sang auch Konstantin Simorow. Seine Gedichte wurden in diesem Winter 1941/42 unerhört populär. Hier das Gedicht "Warte auf mich":
Warte, warte auf mich,
und ich werde zurückkehren,
nur warte.
Warte, wenn du voller Sorgen
in den gelben Regen schaust.
Warte,
wenn der Wind den Schnee vorbeitreibt,
warte in der drückenden Hitze,
warte, wenn die anderen,
das Gestern vergessend,
zu warten aufgehört haben.
Warte, wenn auch andere
des Wartens müde sind,
wenn aus der Ferne dich kein Brief erreicht,
wenn meine Mutter und mein Sohn glauben,
ich sei nicht mehr,
und wenn die Freunde um das Feuer sitzen
und mir zum Gedenken
das Glas erheben.
Warte und hab' es nicht eilig,
das Glas zu erheben.
Warte, denn ich werde dem Tod trotzen
und zurückkehren.
Und überlaß es denen, die nicht warteten,
zu sagen, daß ich glücklich war;
sie werden es niemals verstehen,
daß du, weil du wartetest,
mich inmitten des Todes
beschützt hast.
Nur du und ich werden wissen,
wie ich es überlebte
Ich überlebte, weil du wartetest,
wie es sonst niemand tat.
Diese wörtliche Übertragung kann natürlich nicht den Rhythmus des Originals vermitteln. Und als Gedicht ist "Warte auf mich" im Grunde auch recht mittelmäßig. Dennoch war es vom Herbst 1941 an, als es zum erstenmal publiziert wurde, das ganze Jahr 1942 hindurch das volkstümlichste Gedicht in Rußland, und Millionen von Frauen sprachen es vor sich hin wie ein Gebet.
Surkow schrieb 1941 eine Erzählung, in der dieser Eid eines Soldaten steht:
"Ich bin ein Russe, Soldat der Roten Armee. Mein Land hat mir ein Gewehr in die Hand gegeben. Es hat mich ausgeschickt, gegen die schwarzen Horden Hitlers zu kämpfen, die in mein Land eingedrungen sind. Stalin hat mir gesagt, daß die Schlacht hart und blutig sein, daß aber der Sieg mein sein wird. Ich weiß, es wird so sein. Ich stehe für hundertdreiundneunzig Millionen freier Sowjetmenschen, und für sie alle ist Hitlers Joch bitterer als der Tod ... Meine Augen haben Tausende toter Frauen und Kinder gesehen, die entlang den Straßen und den Eisenbahnen lagen. Die deutschen Blutsauger haben sie getötet ... Die Tränen der Frauen und Kinder brennen in meinem Herzen. Hitler, der Mörder, und seine Horden werden für diese Tränen mit ihrem wölfischen Blut zahlen; denn der Haß des Rächers kennt kein Erbarmen."
Moskau im Mai 1942
Im November 1941 ging ich nach England und kehrte erst im Mai 1942 - diesmal für längere Zeit - nach Rußland zurück.
Moskau sah armselig und hungrig aus in diesem Frühjahr 1942. Die Hauptstadt hatte einen harten Winter hinter sich. Unterernährung, ungeheizte Häuser, in denen die Temperatur um den Gefrierpunkt lag, geborstene Wasserrohre, die sanitären Anlagen außer Betrieb.
Was an Gemüse- und Kartoffelreserven in der Provinz Moskau vorhanden gewesen war, hatten entweder die Deutschen erbeutet oder die Armeeämter beschlagnahmt. Zucker, Fett, Milch und Tabak waren äußerst knapp.
So hatte sich im Frühjahr in Moskau ein eigenartiges Geschäft eingebürgert: Der Besitzer einer Zigarette bot den Passanten einen Zug für zwei Rubel an, und es gab genug Leute, die auf das Geschäft eingingen.
Die Moskauer sahen bleich und abgehärmt aus, und viele litten an Mangelkrankheiten. In den großen Kaufhäusern wurden die absonderlichsten Dinge feilgeboten: Barometer beispielsweise und Brennscheren aber nichts, was in dieser Lage nützlich gewesen wäre. In den Einkaufsstraßen waren die Schaufenster zum großen Teil mit Sandsäcken verbarrikadiert oder mit Schinken, Würsten und Käse aus Pappmache dekoriert, auf denen eine dicke Staubschicht lag.
Moskau selbst wirkte leer, da nahezu die Hälfte seiner Bewohner noch nicht wieder zurückgekehrt war. Immerhin war ein halbes Dutzend Theater im Juni geöffnet, darunter auch die Dependance des Bolschoi-Theaters. Eintrittskarten waren ohne weiteres zu bekommen. Am Büfett trank man für ein paar Kupfermünzen - pures Wasser.
"Dein Kolja kaputt!"
In diesem Frühsommer des Jahres 1942 hatte ich reichlich Gelegenheit, zu sehen, was die Deutschen in und um Moskau an Zerstörungen angerichtet hatten.
So war die große Tolstoi-Gedächtnis -Schule in der Nähe von Jasnaja Poljana von den Deutschen niedergebrannt worden. Wie in vielen anderen Orten hatten sie auch hier Grausamkeiten begangen.
In der Nähe der Tolstoi-Schule betrat ich eines der Häuschen des Dorfes. Ich traf eine junge Frau mit verweintem Gesicht. Ihr Mann war hier, in der Ortschaft selbst, gehenkt worden. Die Deutschen hatten behauptet, er habe Reifen durchstochen. Dann kam ihre Schwiegermutter. Sie schien robuster zu sein als die junge Frau. Sie hatte alles miterlebt und erzählte mir die Geschichte ruhig und zuammenhängend.
Sie berichtete, wie die russischen Truppen sich zurückgezogen hätten und wie dann die deutschen Panzer in das Dorf kamen. Wenig später habe man an die Tür geschlagen, und ein Deutscher mit einer Taschenlampe in der Hand habe gesagt "Hier werden sechs Männer wohnen."
"Sie kamen und lebten hier", sagte sie; "sie waren roh und grob; zwei von den sechs waren Finnen - die waren am schlimmsten.
"Als sie ihn mitnahmen, sagte mir einer der Finnen, ein Mann mit verschlagenem Blick, daß sie ihn aufhängen würden. Ich stieß ihn beiseite und wollte hinter meinem Sohn herlaufen. Aber er schlug mich nieder, steckte mich in diesen kleinen Vorratsraum und verriegelte die Tür. Später kam ein Deutscher, sperrte die Tür wieder auf und sagte: 'Dein Kolja kaputt.'
"Mein Sohn und ein anderer Mann blieben zwei Tage lang hängen. Ich durfte nicht hingehen. Aber ich konnte sie vom Fenster aus sehen, wie sie der Wind hin und her bewegte.
"Erst drei Tage später erlaubte mir der Kommandeur, die Leichen herunterzunehmen. Sie wurden in diesen Raum gebracht und hier niedergelegt, genau hier. Ich bog ihre steifen, knarrenden Arme zurecht, und als die Körper allmählich auftauten, wischte ich den Schweiß und Schmutz von ihren Gesichtern. Dann begruben wir sie."
Eine andere Reise in diesem Sommer führte mich nach Wolokolamsk. Hier hatten die Deutschen zahlreiche "Partisanen" aufgehängt. Dann hielten wir in Lataschino. Ein kleiner Mann in zerrissener Jacke näherte sich uns. Die ganze Zeit, während der die Deutschen die Stadt besetzt hielten war er hiergewesen.
Am ersten Tag, so erzählte er, erhängten die Deutschen acht Leute in der Hauptstraße, darunter eine Krankenschwester und einen Lehrer. Die Leiche des Lehrers blieb acht Tage lang hängen. Die Deutschen hatten die Einwohner aufgefordert, der Exekution beizuwohnen, aber nur wenige waren gekommen. Der Lehrer war Parteimitglied gewesen.
Drei Monate lang waren die Deutschen in der Stadt geblieben, bis zum 2. Januar, aber schon vierzehn Tage vor ihrem Abzug begannen sie die Stadt niederzubrennen, die letzten paar Häuser am Vorabend ihres Abmarsches.
Sie hatten "Starosti" (Dorfälteste) ernannt, die sie aus den Bewohnern auswählten. Sofern die Russen später solche Starosti fingen, erschossen sie sie.
Dreierlei ging aus diesen und zahlreichen ähnlichen Berichten eindeutig und unbestreitbar hervor.
Erstens: Die öffentliche Hinrichtung von Kommunisten und anderen "Verdächtigen" - man bezeichnete sie normalerweise als Partisanen - war in den von den Deutschen besetzten Städten und Dörfern durchaus üblich.
Da diese Exekutionen schon häufig am ersten Tag vorgenommen wurden, vollzog sie offenbar nicht irgendeine Spezialabteilung Himmlers, sondern die Wehrmacht selbst. Im übrigen scheint man sich die "Kommunisten" entweder aufgrund von Denunziationen herausgepickt zu haben oder auf Angaben von Leuten hin, die man bedroht hatte.
Daß solche Hinrichtungen durch die Armee vollzogen wurden, wird von deutschen Generalen hartnäckig bestritten. Nach den Aussagen russischer Augenzeugen aber, mit denen ich 1942 zusammentraf, waren es "gewöhnliche Soldaten", welche die Exekutionen durch den Strang vornahmen. (Dies ist jedoch ein sehr umstrittener Punkt, und anscheinend war die Praxis von Ort zu Ort verschieden.)
Zweitens: Die Deutschen haben bereits 1941 die Technik der verbrannten Erde praktiziert. Besondere Trupps legten ganze Städte und Dörfer vor ihrem Rückzug in Asche, sofern sie noch die Zeit dazu hatten.
Drittens: Die Deutschen ernannten in den Städten russische Bürgermeister und in den Dörfern russische "Starosti": ihre Kandidaten wählten sie unter Bürgern aus, die sie für "vertrauenswürdig" hielten. Meistens handelte es sich um Angehörige der ehemaligen Bourgeoisie oder um frühere Kulaken.
Wie viele davon regelrechte Kollaborateure waren und wie viele man zwang, diese Ämter zu übernehmen, ob sie es ferner wirklich verdienten, bei der Rückkehr der Russen erschossen zu werden, und ob sie tatsächlich erschossen wurden - das sind Fragen, zu deren Beantwortung weder sowjetische noch deutsche Autoren bisher viel beigetragen haben.
Der Oberste Sowjet und die 2. Front
Molotows Besuche in London und Washington in den Monaten Mai und Juni 1942 galten nicht nur einer erweiterten Übereinkunft über die sogenannten "Prinzipien der gegenseitigen Hilfe gegen die Aggression" - der sowjetische Außenminister drängte in seinen Gesprächen mit Engländern und Amerikanern auch auf die schnelle Errichtung einer zweiten Front in Europa.
In Moskau war man bestrebt, aus den Besuchen des Außenministers in London und Washington möglichst viel politisches Kapital zu schlagen. Eine Sondersitzung des Obersten Sowjets wurde zur Ratifizierung des britisch-sowjetischen Vertrages für den 18. Juni in den Kreml einberufen. Aber schon eine Woche vorher ließ die sowjetische Presse es sich angelegen sein, Molotows Besuche im Westen als ein Ereignis von weitreichender Bedeutung darzustellen.
Molotow kehrte am 13. Juni in einem britischen Bomber, der Skandinavien in großer Höhe überflog, aus London nach Moskau zurück. Aber bereits am 11. Juni hatte die sowjetische Presse den vollen Text des britisch-sowjetischen Vertrags und die Verlautbarung über die zweite Front veröffentlicht. Am 13. Juni druckte sie den Wortlaut des amerikanisch-sowjetischen Abkommens ab.
Die Aufmachung der sowjetischen Zeitungen war an diesem Tag für sowjetische Verhältnisse völlig ungewöhnlich. Auf der Titelseite der "Prawda" prangte ein großes Bild; es zeigte Eden und Molotow beim Unterzeichnen des Vertrages, neben ihnen Churchill und ein katzengesichtiger Maisky.
Der Glanz der Sitzung des Obersten Sowjets - der ersten seit Beginn des Krieges - kontrastierte stark mit Moskaus sonst recht abgerissenem Erscheinungsbild.
Diplomaten - viele waren eigens aus Kuibyschew herübergekommen - und Regierungsmitglieder fuhren mit ihren Limousinen im Kreml vor. Vor dem Haupttor des Palastes sah ich einen Wagen, der eine japanische Flagge führte. Im ehemaligen Thronsaal, den man seit der Revolution völlig umgebaut hatte, stand Lenin in seiner Nische über der Rednerbühne, von Scheinwerfern angestrahlt.
Das Präsidium des Obersten Sowjets saß links, die Mitglieder der Regierung hatten ihren Platz zur Rechten. Auf einer Bühne hinter dem Sprecher waren Angehörige des Politbüros und andere führende Abgeordnete placiert.
Im Parkett waren Sitze für etwa 1200 Deputierte beider Häuser, des Unions - und des Nationalitäten-Sowjets. Ein großer Teil war aus weit entfernten Teilen des Landes im Flugzeug gekommen, und in der vorderen Hälfte- des Sitzungssaales sah man viele farbenfrohe orientalische Gewänder. Manche Männer trugen bestickte bunte Kopfbedeckungen, viele Gesichter hatten asiatische Züge. Auch zahlreiche Soldaten in Uniform und im Schmuck ihrer Kriegsauszeichnungen waren unter den Deputierten.
Freilich blieben auch viele Sitze leer, weil ihre Inhaber Moskau nicht so kurzfristig hatten erreichen können, hauptsächlich aber, weil viele Deputierte an der Front standen oder gefallen waren.
Beifall tobte durch das Haus, als die Mitglieder des Verteidigungsrates, unter ihnen Stalin, ihre Plätze auf der Bühne einnahmen. Minutenlang riefen die Abgeordneten. Stalins Namen, stehend applaudierten sie. Stalin und die übrigen Funktionäre auf der Bühne erhoben sich gleichfalls, und Stalin, dem die Ovation galt, klatschte mit den anderen.
Stalin trug einen gutgeschnittenen, sommerlich-leichten Waffenrock in hellem Khaki ohne Orden. Sein Haar war weit grauer und seine Statur kleiner, als ich gedacht hatte. Seine Art, sich mit seinen Nachbarn zu unterhalten, war von freundlicher Lässigkeit, manchmal wandte er sich zurück, um mit den Leuten hinter sich ein paar Worte zu wechseln, stand auf, wenn die übrigen sich erhoben, und beteiligte sich am Beifall, wenn die Erwähnung seines Namens von Applaus begleitet wurde.
Molotow hatte als erster das Wort. Lange Zeit sprach er über die wichtigsten Phasen der Annäherung zwischen England und der Sowjet-Union. Er erläuterte die Hauptpunkte des in London unterzeichneten Abkommens. Er zitierte Stalin, um seine Versicherung zu unterbauen, die Sowjet -Union habe nirgendwo territoriale Ambitionen und werde zusammen mit Großbritannien im Rahmen des Vertrags bemüht sein, "jede künftige Aggression durch Deutschland oder durch einen bei einer solchen Aggression mit ihm verbündeten Staat in Europa unmöglich zu machen". Der Vertrag gelte zwanzig Jahre und sei dann zu erneuern.
Während Molotow sprach, machte sich Ungeduld im Saal bemerkbar: Was war mit der zweiten Front?
Schließlich kam der Außenminister auch hierauf zu sprechen:
"Naturgemäß widmete man den Problemen einer zweiten Front in London und in Washington große Aufmerksamkeit. Die Ergebnisse dieser Besprechungen sind aus den gleichlautenden sowjetisch-britischen und sowjetisch amerikanischen Kommuniqués zu ersehen ... Für die Völker der Sowjet -Union ist das von großer Bedeutung, weil die Errichtung einer zweiten Front in Europa für die Armeen Hitlers an unserer Front unüberwindliche Schwierigkeiten bringen würde. Wir wollen hoffen, daß unser gemeinsamer Feind bald die Ergebnisse der immer enger werdenden militärischen Zusammenarbeit zwischen den drei Großmächten zu spüren bekommt."
An dieser Stelle habe es, so schrieb die "Prawda" am nächsten Morgen, "stürmischen, lang anhaltenden Beifall" gegeben. In Wirklichkeit war es mit dem Applaus nicht allzu weit her: Offenbar hatte die Formulierung "Wir wollen hoffen" einen dämpfenden Effekt, was sich auch in den folgenden Reden spiegelte.
Molotow schloß: "Unsere Stärke wächst, unsere Siegeszuversicht ist größer denn je. Unter dem großen Banner Lenins und Stalins werden wir diesen Kampf bis zum endgültigen Sieg, bis zum absoluten Triumph unserer und der Sache aller freiheitsliebenden Nationen führen."
Nach dreieinhalb Stunden Reden, in denen viele Deputierte die Dringlichkeit der Errichtung einer zweiten Front betonten, wurde der Vertrag einstimmig ratifiziert.
Am nächsten Tag schrieb Ehrenburg in der "Prawda" einen Aufsatz mit dem Titel "Das Herz Englands", wobei er sich lyrisch über London, seinen Ruß und seinen pastellfarbenen Himmel" ausließ.
Auf die Sitzung des Obersten Sowjets folgten kurze, sehr kurze britisch-sowjetische Flitterwochen.
Bald begann der harte Streit um die zweite Front.
Der Kampf um Sewastopol
Eine der großen Niederlagen der Russen im Sommer 1942 war Sewastopol - eine der ruhmreichsten russischen Niederlagen des zweiten Weltkriegs. Der Sewastopoler Lokalpatriotismus, basierend auf der Erinnerung an die andere Belagerung Sewastopols 1854/55, dazu die "großen Vorbilder", wie Admiral Nachimow und Admiral Kornilow, sowie die besondere revolutionäre und patriotische Tradition der Schwarzmeerflotte - all das hatte äußerst wichtige Auswirkungen auf die Moral von Soldaten und Zivilisten, die sich überaus standhaft zeigten. Von Bedeutung war auch, daß die örtlichen Partei- und Komsomolkader sehr stark waren.
Daß Widerstand bis zum letzten Mann geleistet wurde, erklärt sich zum Teil auch aus dem sehr einfachen und traurigen Umstand, daß als Alternative
lediglich die Gefangennahme durch die Deutschen winkte. (Das galt nur für ein paar Spitzenfunktionäre nicht, die in Unterseebooten aus Sewastopol herausgeschleust wurden.)
Im Oktober 1941 hatten die Deutschen die gesamte Krim überrannt - mit Ausnahme Sewastopols. Die Belagerung des großen Flottenstützpunkts begann am 30. Oktober. Der erste Versuch der deutschen 11. Armee unter von Manstein, nach Sewastopol durchzubrechen, das auf der Landseite durch einen Halbkreis von drei mehr oder weniger stark befestigten Linien gesichert war, dauerte vom 30. Oktober bis zum 21 November
Eine wichtige Rolle bei der Abwehr dieses ersten großen deutschen Angriffs spielten die Geschütze der Schwarzmeerflotte und die an Land eingesetzten Marine-Infanteristen. Diese Marine-Infanteristen gehörten, wie ihre Kameraden von der Ostseeflotte in Leningrad, zu den härtesten russischen Truppen.
Berühmt wurde die später in zahlreichen Gedichten und Liedern besungene Tat der "fünf Matrosen von Sewastopol" und ihres Politruk Filtschenkow, die sich mit ihren letzten Handgranaten unter die rollenden deutschen Fahrzeuge warfen und so einen Durchbruch nach Sewastopol vorn Nordosten her verhinderten.
Die Deutschen und Rumänen verfügten zwar über eine große Überlegenheit an Truppen und Material, doch wurde Sewastopol von der Landseite her durch natürliche Verteidigungsanlagen geschützt, und die Flotte mit ihren schweren Geschützen erwies sich als eine beträchtliche zusätzliche Hilfe.
In unterirdischen Fabrikationsstätten, die mehr oder weniger sicher vor dem ständigen Artilleriefeuer und Luftbombardement waren, fabrizierte Sewastopol einen großen Teil seines Waffen- und Munitionsbedarfs selbst. In den Monaten November und Dezember wurden dort 400 Minenwerfer, 20 000 Handgranaten, 32 000 Minen hergestellt und zahllose Geschütze, Maschinengewehre und sogar Panzer repariert.
Im November 1941 standen mehr als 50 000 Mann Kampftruppen, darunter 21 000 Marine-Infanteristen, in Sewastopol. Die Deutschen und Rumänen hatten nach russischer Darstellung zumindest die doppelte Zahl aufgeboten
Die erste deutsche Offensive, die drei Wochen dauerte, drückte die äußerste der drei Befestigungslinien nur an wenigen Stellen leicht ein.
Der zweite, zwischen dem 17. und dem 31. Dezember vorgetragene Angriff war schon erfolgreicher; der Feind drängte die Russen auf eine Linie ungefähr acht Kilometer nördlich von Sewastopol zurück.
Auch mit dieser zweiten deutschen Offensive gegen Sewastopol ist die Erinnerung an eindrucksvolle Fälle unerhörter persönlicher Opferbereitschaft der russischen Soldaten verbunden. Die berühmte "Stellung Nummer elf" in einer Ortschaft namens Kamyschly wurde durch eine Handvoll Matrosen verteidigt und konnte erst genommen werden, als auch der letzte gefallen war.
Der Parteisekretär und Vorsitzende des Sewastopoler Verteidigungsrates, B. A. Borissow, lieferte nach dem Krieg eine eindrucksvolle Darstellung der neunmonatigen Belagerung der Stadt. Borissow berichtet von den Sewastopoler Fliegern, die unter Hingabe ihres eigenen Lebens feindliche Flugzeuge rammten.
Am erschütterndsten wird seine Schilderung dort, wo er von jener Welle des Optimismus berichtet, die im Januar und Februar - nach dem Fehlschlag der zweiten deutschen Offensive und nach der erfolgreichen Landung der Russen auf der Halbinsel Kertsch über Sewastopol hinwegging.
Damals glaubte man, daß Kertsch und Sewastopol gehalten und daß die Krim in absehbarer Zeit zurückerobert werden könne. Die Leute kehrten aus den Kellern und Höhlen in ihre zerschossenen Häuser zurück und bemühten sich, so viele Gebäude wie möglich wieder bewohnbar zu machen. Sogar die Straßenbahnen fuhren von neuem durch Sewastopol, obwohl die Deutschen im Norden nur acht Kilometer entfernt standen.
Dann kam die furchtbare Nachricht vom Verlust der Halbinsel Kertsch, und Sewastopol mußte sich auf das Schlimmste gefaßt machen. Etwa die Hälfte der Komsomolzen in Sewastopol, darunter viele Mädchen, meldeten sich freiwillig zur Armee; diejenigen, die zurückblieben, arbeiteten in den Sewastopoler Rüstungswerken mit doppelter Kraft. Die Bevölkerung begab sich von neuem in die Keller und Höhlen.
Und dann begann die letzte Prüfung. Um den 20. Mai herum erfuhr man durch die Partisanen in den Gebirgen der Krim, daß starke deutsche Truppenverbände um Sewastopol zusammengezogen würden.
Am 2. Juni begannen die Deutschen, Sewastopol mit Hunderten von Flugzeugen zu bombardieren, und täglich explodierten zahllose schwere Geschosse in der Stadt. Innerhalb von sechs Tagen warfen die Deutschen 50 000 Spreng - und Brandbomben auf Sewastopol und verschossen Tausende von Granaten. Die Zerstörungen waren verheerend und die Verluste äußerst hoch.
Die Deutschen verwendeten bei der Beschießung ein gigantisches Belagerungsgeschütz, genannt "Dora", das ursprünglich gebaut worden war, um gegen die schweren Befestigungsanlagen der Maginot-Linie aufgefahren zu werden.
Am 7. Juni setzte der eigentliche Angriff ein. Zu dieser Zeit waren aufgrund der deutschen Luftüberlegenheit die russischen Flugplätze rund um die Stadt praktisch alle außer Gefecht gesetzt, und die Seeverbindungen zwischen Sewastopol und dem Kaukasus waren durch die Luftwaffe so gut wie lahmgelegt.
Die kleinen Mengen von Lebensmitteln, Waffen, Rohmaterialien und Öl, die Sewastopol noch erreichten, wurden fast ausnahmslos in Unterseebooten oder kleinen Schiffen vom Festland herangeschafft. Es ist klar, daß diese Schiffe nur eine äußerst geringe Ladekapazität hatten und daß der größte
Teil im Inferno von Sewastopol unterging.
Die örtliche "Waffenindustrie" konnte nicht mehr mit den Anforderungen der kämpfenden Truppe Schritt halten, und das ständige Bombardement sowie das unaufhörliche Artilleriefeuer machten die Verteilung von Wasser und Lebensmitteln an die einzelnen, völlig überfüllten Höhlen und Keller nahezu unmöglich.
Nach dreiwöchigen schweren Kämpfen und tagelangen Gefechten in den Straßen von Sewastopol besetzten die Deutschen, was von der Stadt übriggeblieben war. Der Geruch, den die zahllosen unbestatteten Leichen ausströmten, war in der Julihitze so penetrant daß die letzten Verteidiger in Gasmasken kämpften.
Mittlerweile versuchte man vom Kap Chersones aus, etwa 13 Kilometer westlich von Sewastopol, eine Art Evakuierung in Gang zu bringen. Hier konnte in der Nacht ein Flugzeug landen und ein paar Verwundete mitnehmen. Ein U-Boot nahm Admiral Oktjabrski, General Petrow, General Krylow und ändere hohe Offiziere und Parteifunktionäre an Bord.
Ich besuchte Sewastopol im Mai 1944, nachdem die Russen es zurückerobert hatten. Damals hörte ich viele erschütternde Berichte über die letzten Tage Sewastopols im Juni und Juli 1942. In Moskau wußte man im Juli 1942 lediglich, daß nur sehr wenige der Verteidiger Sewastopols davongekommen waren. Wie es heißt, waren 26 000 Russen verwundet in deutsche Hände gefallen, außerdem eine unbestimmte Zahl weiterer Soldaten. Die Deutschen behaupteten, 90 000 Mann gefangengenommen zu haben.
Über eins gab man sich in Moskau keiner Täuschung hin: daß nach dem deutschen Sieg auf der Halbinsel Kertsch im Mai das Schicksal Sewastopols besiegelt war. Die Frage war nur noch: Wie lange wird die Festung aushalten? Tatsächlich hielt sie sich länger, als man nach Lage der Dinge hatte erwarten können.
Die Nachricht vom bevorstehenden Fall Sewastopols wurde dem russischen Volk so schonend wie möglich beigebracht. Am 30. Juni schrieb Ehrenburg im "Roten Stern":
"Sewastopol ist nicht einfach nur eine Stadt, Sewastopol ist der Ruhm Rußlands, der Stolz der Sowjet-Union. Wir haben erlebt, wie Städte, berühmte Festungen, Staaten kapitulierten. Aber Sewastopol ergibt sich nicht. Unsere Soldaten spielen nicht Krieg. Sie kämpfen einen Kampf auf Leben und Tod. Sie sagen nicht: 'Ich ergebe mich", wenn sie sehen, daß der Feind zwei oder drei Figuren mehr auf dem Schachbrett hat."
Am 3. Juli wurde bekanntgegeben, daß die sowjetischen Truppen Sewastopol nach 250tägiger Belagerung auf Befehl des Oberkommandos aufgegeben hätten.
Drei Tage später gab Admiral Oktjabrski in der "Prawda" einen detaillierten Bericht über die Schlacht von Sewastopol. In diesem Bericht wurde die militärische Niederlage zu einem großen moralischen Sieg.
Der Admiral nannte unglaubwürdig hohe Ziffern - 300 000 Tote und Verwundete - für die Verluste, welche die Deutschen und Rumänen angeblich in den 250 Tagen der Belagerung erlitten hatten.
Aber er vermied jeden Hinweis darauf, wie viele Soldaten die Russen zurücklassen mußten, und er sprach nicht von den 26 000 Verwundeten, die in den Ruinen der Stadt oder an den Ufern des Schwarzen Meers ohne Hoffnung zurückgeblieben waren
IM NÄCHSTEN HEFT:
Der Tod von Leningrad - Drei
Millionen in der Falle - "Kapitulation wird abgelehnt" - Feuer auf Flüchtlinge - Sülze aus Leim und Därmen - 900 000 verhungern
Deutsche Rückzugstraße vor Moskau, Russen*, Dezember 1941: "Wie das noch werden soll, weiß Gott allein!"
Deutsche Rechte: Droemersche Verlagsanstalt
Th. Knaur Nachf., München.
Sandsackbarrikaden, Sperrballons in Moskau, Oktober 1941: In der Schlacht um die Hauptstadt ...
... eine achtzehnjährige Heldin: Hinrichtung der Komsomolzin Soja Kosmodemjanskaja*
Versprengte deutsche Truppen vor Moskau, Dezember 1941: "Rußland ist groß ...
... aber es gibt kein Zurück": Angreifende Russen, Dezember 1941
Kriegsdichter Pasternak
"Hitler und seine Horden ...
Kriegsdichter Simonow
... werden für diese Tränen ...
... mit ihrem wölfischen Blut zahlen": Russen im Winter 1941/42*
Deutscher Ortskommandant*: Die Russen lachten ...
Deutsches Propaganda-Plakat
... über den Winter-Fritz
Unterirdische russische Waffenfabrik in Sewastopol, deutsche Angreifer, Juni 1942: Gasmasken gegen Leichengeruch
Russinnen, Eroberer in Sewastopol: Acht Monate belagert
* Auf der Straße nach Wolokolamsk.
* Bei der Hinrichtung trug Soja Kosmodemjanskaja ein Schild um den Hals, auf dem in russisch und deutsch stand: "Brandstifterin"
* Links: Russische Bäuerinnen hacken Fleisch aus einem verendeten Pferd. Rechts Russischer Bauer zieht die Leichen seiner verhungerten Kinder aus dem Kampfgebiet.
* Der deutsche Ortskommandant eines russischen Dorfes verkündet im März 1942 die neue Agrarverordnung über das Ablieferungssoll. Links: Russische Geistliche.
Von Alexander Werth

DER SPIEGEL 28/1965
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