14.07.1965

OSTKONTAKTEBazillen im Bad

Was der Arbeitgeber-Vertreter Berthold Beitz vorexerzierte, will ein Arbeitnehmer-Vertreter jetzt nachmachen: Heinz Kluncker, 40, Chef der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), sucht als erster aller DGB-Stammesfürsten Kontakte im Osten.
Vierzehn Tage vor der Bundestagswahl - vom 2. bis 5. September - wird er auf Einladung der tschechoslowakischen Gewerkschaft Gesundheitswesen" an einem gesundheitspolitischen Kongreß in Karlsbad teilnehmen. Kluncker: "Der ansteckende Bazillus der Freiheit kann doch im Osten auch durch Gewerkschaftler verbreitet werden, nicht nur durch Industrielle."
Mit seiner Reise in die böhmischen Wälder verstößt der Chef der zweitgrößten DGB-Gewerkschaft gegen ein Tabu. Denn für Westdeutschlands Gewerkschaftler gilt noch immer der Beschluß des "Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften" (IBFG), wonach Kontakte westlicher Arbeitnehmer-Organisationen zu östlichen Gewerkschaften strikt zu vermeiden sind.
Diese proletarische Hallstein-Doktrin funktionierte bislang zumindest beim DGB. Allein die Industriegewerkschaft Holz rutschte einmal aus, als sie auf ihrem 4. Bundeskongreß am 2. September 1957 beschloß, Kontakte zur DDRGewerkschaft Bau-Holz aufzunehmen, "um die Wiedervereinigungsfrage voranzutreiben". Doch schon am folgenden Tag revozierten die Holz-Bosse. Nach einem Anpfiff aus der Düsseldorfer DGB-Zentrale übte ein Holz-Sprecher Selbstkritik: Bei dem Beschluß seien "die Herzen der Delegierten einen Schritt weiter gegangen als ihr politischer Verstand".
Lediglich die IG Bergbau und Energie sowie die Gewerkschaft ÖTV nahmen sich seither die Freiheit, gewisse Kontakte mit dem "Grenzfall" Jugoslawien zu pflegen. Seit Ende 1964 erlaubt der DGB außerdem, daß gewerkschaftliche Jugendgruppen gen Osten fahren - aber nur, wenn sie KZ-Gedenkstätten außerhalb der deutschen Sowjetzone, etwa Auschwitz und Theresienstadt, aufsuchen wollen.
Kluncker, der Benjamin unter Westdeutschlands Gewerkschaftsführern, ist zwar entschlossen, gegenüber den DDRGewerkschaften auch weiterhin Enthaltsamkeit zu üben. Das Verbot für Kontakte mit anderen Ostblock-Gewerkschaften aber möchte der Boß von nahezu einer Million organisierter Gasmänner und Flugkapitäne, Schaffner und Schauerleute, Krankenschwestern und Stadtdirektoren, Fernfahrer und Polizisten endgültig durchbrechen.
Jungmann Kluncker, der es in zwölf Jahren bei der ÖTV vom Volontär bis zum Vorsitzenden brachte, begründet sein unkonventionelles Vorprellen so: "Ich möchte wissen, ob es möglich ist, in kommunistischen Ländern mit kommunistischen Gewerkschaften zu reden, ohne durch kommunistische Propaganda mißbraucht zu werden."
So neugierig ist die Düsseldorfer DGBZentrale nicht. Sie widersetzte sich dem Reiseplan Klunckers zwar nicht offen, verlautbarte aber: "Wir nehmen mit Ostblock-Gewerkschaften keine Kontakte auf. Wir haben ja keinen Partner drüben, denn die dortigen Gewerkschaften sind keine Gewerkschaften."
Der ÖTV-Chef hingegen, der schon öfter tat, was vor ihm keinem anderen Gewerkschaftsführer einfiel (er verzichtete zum Beispiel auf 20 000 Mark Aufsichtsrats-Tantiemen und machte Sowjetbotschafter Smirnow einen Höflichkeitsbesuch), glaubt nicht nur an den Erfolg seiner Karlsbad-Mission; er macht sogar schon neue Pläne: Das Bildungs- und Begegnungszentrum, das die ÖTV für vier Millionen Mark am Berliner Wannsee bauen will, soll zur Keimzelle west-östlicher Gewerkschaftskontakte werden.
Klunckers Wunschziel: die Chefs der amerikanischen und sowjetischen Gewerkschaften an einem - nämlich seinem - Tisch zur Diskussion zusammenzubringen.
ÖTV-Chef Kluncker (r.)*
Härter als Holz * Mit Bundesinnenminister Hermann Höcherl.

DER SPIEGEL 29/1965
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