14.07.1965

HOMOSEXUALITÄTVon Mann zu Mann

Romanhelden von anderer Art sammeln sich auf dem deutschen Büchermarkt. Sie beobachten die "sehr kurzen, hautengen Hosen" junger Tennisspieler, die "enganliegenden, dunkelblauen Hosen" eines Arbeiters, den "scharlachfarbenen Badeslip", den der Freund abstreift.
Sie schwärmen von "provozierend aufgeknöpften" Oberhemden, von "lokkigem Brusthaar" und von der "herausfordernden" Schönheit einer männlichen Achsel.
Sie seufzen: "Ach, mein kleiner Bengel. Ich mag dich sehr gern, weißt du." Oder: "Wie gern ich in deinen Armen bin . . . Es ist warm darin."
Kein Zweifel, das literarische Klima erwärmt sich:
- Ein Roman voller Liebe von Mann zu Mann hält sich seit vielen Wochen auf der Bestsellerliste: James Baldwins "Eine andere Welt" (Rowohlt; 456 Seiten; 24 Mark).
- Ein französischer Homosexuellen-Roman, dessen erste deutsche Ausgabe 1956 vom Staatsanwalt eingezogen und vernichtet wurde, ist jetzt, bislang unbeanstandet, wieder erschienen: Jean Genets "Querelle" (Rowohlt; 372 Seiten; 25 Mark).
- Ein amerikanischer Homosexuellen-Roman, dessen deutsche Übersetzung schon im vorigen Jahr in Satz ging, ist Anfang Juli ausgeliefert worden: John Rechys "Nacht in der Stadt" (Droemer-Knaur; 464 Seiten; 22 Mark).
- Ein weiterer US-Roman mit einem homosexuellen Helden erscheint im Herbst im Stahlberg-Verlag auf deutsch: Christopher Isherwoods "A Single Man" ("Der Einzelgänger"). Diese neue Welle hatte Vorläufer. 1962 brachte der Limes-Verlag die Rauschgiftsüchtigen- und Homosexuellen-Phantasmagorie "The Naked Lunch" von William Burroughs in Deutschland heraus; 1963 schob Limes das Burroughs -Bekenntnis "Junkie" nach, 1964 einen Burroughs-Briefwechsel mit dem amerikanischen Beat-Poeten Allen Ginsberg ("Das Geheul"), der kürzlich wegen homosexueller Aktivität aus der Tschechoslowakei ausgewiesen wurde.
1963 veröffentlichte Rowohlt James Baldwins Roman "Giovannis Zimmer", der die Liebesaffäre zwischen einem italienischen Barmixer und einem Amerikaner in Paris schildert; 1964 importierte Rowohlt einen Beitrag zum Thema aus Japan: den Roman "Geständnis einer Maske" von Yukio Mishima.
Das Thema der geschlechtlichen Inversion ist allerdings nur der kleinste gemeinsame Nenner dieser Autoren und ihrer Bücher. Gemeinsam ist ihnen, daß sie sich zu ihrem Thema bekennen und es nicht mehr nur verkappt, ästhetisch sublimiert oder auf Distanz behandeln, wie einst etwa Marcel Proust oder Andre Gide und wie neuerdings noch Tennessee Williams und Edward Albee.
James Baldwin, 40, Amerikas derzeit führender Negerschriftsteller ("Schwarz und Weiß"), verstrickt in seinem rüde realistischen und allzu redseligen Bestseller-Roman aus der New Yorker Boheme, "Eine andere Welt", das Hauptthema Rassenkonflikt nicht immer überzeugend in ein Gewebe hetero- und homosexueller Haß-Liebe-Beziehungen. Es kennzeichnet das Buch, das die Hetero-Affären (zum Beispiel zwischen einem farbigen Jazz-Musiker und einer weißen Südstaatlerin) eher haßbetont, die Homo-Begegnungen (zum Beispiel zwischen einem Filmschauspieler und einem Schriftsteller) liebevoller verlaufen. An Detail -Deutlichkeit stehen die einen den anderen nicht nach.
Vergleichsweise zurückhaltend ist dagegen "A Single Man", der Roman des gebürtigen Engländers, naturalisierten Amerikaners und nur mäßig bedeutenden Schriftstellers Christopher Isherwood ("Leb wohl, Berlin"), 60. Er erzählt vom letzten Lebenstag eines älteren, vereinsamten amerikanischen Literaturprofessors englischer Herkunft, dessen junger Liebhaber, ein Ex -Seemann, bei einem Autounfall ums Leben kam. Nach einigen leicht ironisch-melancholischen Betrachtungen zum American way of life, nach einem Flirt mit einem seiner Studenten und einem letzten Akt der Selbstbefriedigung erliegt der Professor einem Herzinfarkt.
Der vielseitige Japaner Yukio Mishima, 40 - er ist nicht nur als Roman- und Bühnenautor, sondern auch als Gangsterfilmdarsteller, Oscar-Wilde-Regisseur und Photomodell hervorgetreten -, läßt im "Geständnis einer Maske" einen jungen Intellektuellen unter Krisen seine homosexuelle Veranlagung erkennen und schließlich akzeptieren. Ein Bild des von Pfeilen verletzten christlichen Märtyrers Sebastian hatte den Knaben früh erregt; beim Anblick eines tätowierten halbnackten Halbstarken fühlte sich der Student endgültig "überwältigt".
Die psychologisch-realistischen Romane Mishimas, Isherwoods und Baldwins bewältigen ihre unkonventionelle Thematik in konventionellen Erzählformen. "Naked Lunch" von William Burroughs steht außerhalb jeder Konvention.
Der von Norman Mailer und Mary McCarthy hochgelobte, von den Beat-Dichtern als Vorbild verehrte Amerikaner William Seward Burroughs, 51, verlorener Sohn einer Industriellen-Dynastie, der einst seine Frau versehentlich erschossen haben soll, Exil-Freiwilliger in Mexiko, Tanger und Paris, nach 15jähriger Rauschgift-Praxis und zehn erfolglosen Entziehungskuren 1958 in London endlich entwöhnt, hat seine Sucht-Visionen zu einem handlungs- und hemmungslosen Buch voll ekelerregender Drastik und sprachkünstlerischer Bizarrerie verarbeitet. Sein "Naked Lunch" ist das bisher obszönste Werk der modernen Literatur - dem Rowohlt-Verlag war es zu obszön; der Limes-Verlag, der es unter Ausschluß der Öffentlichkeit in 1500 Subskriptions-Exemplaren herausbrachte, ließ einige Stellen unübersetzt.
Der Autor von "Naked Lunch" ist ein "poète maudit", ein Dichter des Bösen wie auch der Verfasser des Romans "Querelle": der Franzose Jean Genet, 54, ehemaliger Zögling einer Besserungsanstalt und Fremdenlegionär, 15mal verurteilter Vagabund, Strichjunge und Dieb (Spezialität: Bücher), von Cocteau als genialischer Dichter entdeckt, von Sartre als existentialistischer "Heiliger" gepriesen, 1948 zu lebenslanger Gefängnishaft verurteilt und auf Fürsprache von Sartre, Cocteau und Picasso begnadigt, heute als Dramatiker ("Die Zofen", "Der Balkon") weltberühmt.
* Der laut Sartre "dämonische Rhetor" Genet ("Ich bin Päderast - und Sie, mein Herr?"), der 1950 auch einen Film über homosexuelle Liebe im Gefängnis gedreht hat, zelebriert in seinen Werken schwarze Messen der Amoral und der Anarchie, so auch in dem um 1948 entstandenen Roman vom schönen Matrosen und Mörder Querelle:
Dieser Roman, in dem das Verbrechen als Kunstwerk gefeiert, die Perversion mit religiösen Anspielungen verziert und auch das widerwärtigste Detail einem glanzvoll-poetischen Stil unterworfen wird, berichtet aus einem "Reiche der Vorhölle" (Genet): "Man bedenke, daß wir hier ein Abenteuer verfolgen, das sich in uns selbst abspielt, auf dem tiefsten, asozialen Grunde unserer Seele."
Nicht an literarischem Glanz, wohl aber als Bericht aus einem erlebten Inferno ist "Nacht in der Stadt", das Erstlingsbuch des in Texas geborenen John Rechy, 31, dem Roman Genets zu vergleichen.
Rechys junger Ich-Erzähler ist ein verlorener Sohn wie Burroughs, ein Entgleister mit Sehnsucht nach einer "Welt der Anarchie" wie Genet. Seine Strichjungen-Karriere führt ihn quer über den amerikanischen Kontinent - vom Heim des Vereins Christlicher Junger Männer in New York (im Strichjungen-Jargon: "Die französische Botschaft") über Lederfetischisten-Lokale in Hollywood bis zu Transvestiten-Orgien beim "Mardi Gras", dem Karneval in New Orleans. Sein Erlebnisroman bietet die ausführlichste Darstellung homosexueller Prostitution und Libertinage in den USA - ein Schreckbild der schmutzig buntschillernden, verzweifelt-bizarren Niederwelt der "Stricher", "Freier", "Tunten", "Schwuchteln", der "Fummeltrinen" und "kessen Väter".
Daß diese "geheime Welt" neuerdings immer "offener und kühner" hervortritt, hat die US-Illustrierte "Life" festgestellt. Sie brachte eine Reportage über Homosexualität in Amerika und kommentierte: "Die Gesellschaft muß dieses Phänomen ins Auge fassen - und versuchen, es zu verstehen."
Auch in der literarischen Welt ist es nicht mehr zu übersehen. Freunde moderner Literatur, in Sachen Sex ohnehin längst hart geprüft, müssen sich daran gewöhnen, schonungslos über Homosex ins Bild gesetzt zu werden.
Das Thema Außenseiter kann auch am Beispiel des sexuellen Außenseiters abgehandelt werden, das Thema Neger in USA auch am Beispiel eines homosexuellen Negers in USA. Sinn für Schönheit und schöner Stil mögen sich auch an einer männlichen Achselhöhle entflammen, und Bettgeflüster - Klippe für jeden Autor, so auch für Baldwin klingt auch unter Männern meistens abgeschmackt. Kurz: Pardon wird nicht gegeben.
Klagte der amerikanische Literaturkritiker Joseph Wood Krutch: "Viele unserer unglücklichen Genies verteidigen die Homosexualität. Daher sind wir manchmal geneigt anzunehmen, Homosexualität sei das, was sie zu Genies gemacht hat. Vielleicht aber ist es nur das, was sie unglücklich gemacht hat."
Autoren Baldwin, Burroughs: Das Klima der Literatur...
...hat sich erwärmt: Autoren Genet, Mishima

DER SPIEGEL 29/1965
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