21.07.1965

NACHRUFADLAI STEVENSON 5.II.1900 - 14. VII.1965

EinStiller in einem lauten Land, ein Zauderer und Einsamer unter Menschen, zu deren Idealen die "efficiency", die tatenfrohe Wirksamkeit, und die Geselligkeit gehören - es war ein Wunder, daß er zweimal bis dicht vor die Schwelle des Weißen Hauses gelangen konnte.
1952 und 1956 schickten die Demokraten den kühlen Stevenson gegen den Popularitäts-Giganten Dwight D. Eisenhower in die tosende Arena der Präsidentschaftswahl. Beide Male unterlag er, und niemand war überrascht - es sei denn davon, daß er ehrenvoll unterlag. 1952 hatten ihn immerhin 27 Millionen Amerikaner gewählt.
Seither galt er in den USA als der geborene Verlierer. In Wirklichkeit war er der geborene "Fast-Gewinner": ein Hochbegabter ohne Fortune, ein meisterlicher Könner mit dem Tick der unglücklichen Hand.
Als Knabe war er ein guter Schütze - und tötete seine Cousine mit einem Gewehr, das er für ungeladen hielt.
Als reifer Mann entzückte er Prinzessin Margaret durch geistvolle Unterhaltung - und benutzte ihren Schal aus Versehen als Mundtuch.
Im Sommer 1960 schlug ihm eine Welle von Sympathie entgegen, als er bei der Kür des demokratischen Präsidentschaftskandidaten in Los Angeles anfänglich auf eine Kandidatur zu verzichten schien. Der junge John F. Kennedy versprach ihm dafür den Posten des Außenministers. Irgendeine unglückliche Idee gab ihm, dem respektierten Verlierer, jedoch ein sein Glück ein drittes Mal zu versuchen. So verscherzte er sich die Stelle des Lenkers der amerikanischen Außenpolitik, die er sich ersehnt hatte, und die Gunst des Kennedy-Clans. 1961 wurde an seiner Stelle Dean Rusk US-Außenminister.
In Kalifornien geboren, aber in Illinois zu Hause, entstammte Stevenson dem Bürger-Adel der Vereinigten Staaten: Ein Urgroßvater war mit dem Neger-Befreier Abraham Lincoln befreundet, ein Großvater Vizepräsident der USA, der Vater eine geachtete Figur der Politik in Illinois.
Ein Landsitz in Libertyville und eine erfolgreiche Laufbahn als Industrie-Anwalt vervollständigten das Werbe-Bild eines in Wirtschaft und Geschichte des Landes verwurzelten Patriziers der US-Demokratie.
Doch gab es von früh an störende Momente im Erfolgsschema: Mangelnde Fähigkeit für joviale Händeschüttel-Runden, leichte Verletzlichkeit - mühselig umgesetzt in intellektuell verfeinerte Selbstironie -, Hang zu theologischen Spekulationen und schließlich eine gestörte Ehe, die 1949 zur Scheidung führte.
So kletterte er denn auch nicht über die Tribünen der Wahlkämpfe in die Spitze der amerikanischen Hierarchie, sondern auf der Stufenleiter der sich in den dreißiger Jahren entwickelnden US -Bürokratie. Posten in der Landwirtschaftsverwaltung, in der Alkohol -Kontrolle, im Marineministerium und schließlich im Außenministerium brachten ihn nach und nach in den Ruf eines scharfsinnigen und unabhängigen Beraters.
Als er sich dann 1948 doch zu einer Wahl stellte - für das Gouverneursamt in Illinois -, zeigte er sich angesichts des sicheren Sieges komisch entsetzt: "Mein Gott, meine Chancen steigen
- leider."
Und doch erschütterten ihn die dann folgenden Präsidentschafts-Niederlagen. Sein Ehrgeiz hatte Wunden erhalten - und die Kennedys waren die letzten, sie zu schonen.
Als Präsident Kennedy ihm Ende 1960 statt des Außenamtes den Posten des US-Botschafters bei der Uno anbot, erwartete alle Welt, Stevenson werde entrüstet ablehnen. Er akzeptierte - und verlor an Prestige.
An dem Tage, an dem Präsident Kennedy eine Armee von Castro -Gegnern in der kubanischen Schweinebucht landen ließ, wetterte Stevenson vor der Uno gegen den Vorwurf, getarnte amerikanische Flugzeuge hätten Kuba gebombt. Tatsächlich waren es Amerikaner gewesen - nur: Stevenson hatte es nicht gewußt.
Noch schlimmer erging es Stevenson nach der zweiten Kuba-Krise im Herbst 1962, als Chruschtschow Raketen auf der Insel placierte und Kennedy den Rückzug der Sowjet -Waffen durch eine Blockade erzwang. Kurze Zeit später ließen die Kennedys in einem Zeitungsartikel durchsickern, Stevenson sei für ein Nachgeben gegenüber den Russen gewesen (SPIEGEL 51/1962). Er sei eine "Taube und kein, Falke" gewesen.
"Genauigkeit ist für eine Zeitung dasselbe, was für eine Dame die Tugend ist", spottete Stevenson später versöhnlich in Gegenwart des Präsidenten. Der lächelte ihn kalt an.
Ein Unglücklicher unter Kennedy, blieb er es auch unter Johnson. Der amerikanische Bombenkrieg in Vietnam, offiziell von ihm gebilligt, schmerzte ihn, und zwei Wochen vor seinem Tode äußerte er in New York die zage Hoffnung: "Vielleicht sind die Tage der Falken gezählt." Gezählt waren die Tage der Taube.

DER SPIEGEL 30/1965
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