28.07.1965

BREMENAlles nette Leute

Ehe Bremens Regierungschef Wilhelm Kaisen, 78, vorletzte Woche mit dem Vorsatz in Pension ging, seine "alten Hosen aufzutragen", riet er seinem Kabinett: "Nun spitzt man eure Bleistifte schön."
Mit derart mildem Spott suchte Kaisen die Regierungsmitglieder auf die Pedanterie seines Nachfolgers Willy Dehnkamp, 62, vorzubereiten, der am Dienstag vergangener Woche zum Präsidenten des bremischen Senats gewählt wurde.
Es war - nach dem Krieg - der erste Thronwechsel im kleinsten deutschen Bundesland (404 Quadratkilometer, 721 000 Einwohner), das hansischpatrizische Lebensart und Sozi-Tradition gleichermaßen schätzt. Sozialdemokratischer Neuerungstrieb, wie er sich in Europas größtem Nachkriegs -Wohnungsbauvorhaben "Neue Vahr" dokumentiert, gilt den Bremern ebensoviel wie althergebrachte Kaufmannssitte, die sich alljährlich in der sogenannten Schaffermahlzeit mit Braunkohl und Pinkel (fette Grützwurst) manifestiert. Und seit Kriegsende sind Liberale und Sozialdemokraten in der bremischen Regierung zusammen.
In diesem Stadt-Staat, in dem der Kaufmanns-Wahlspruch "Buten un binnen, wagen un winnen" gilt, hat jetzt ein gebürtiger Hamburger den anderen abgelöst. Es ging ein gelernter Stukkateur, der 20 Jahre lang Präsident des Senats und damit dienstältester Landeschef in der Bundesrepublik war. Es kam ein gelernter Schlosser, der fast 14 Jahre lang als Senator für das Bildungswesen amtierte und damit dienstältester westdeutscher Kultusminister war.
Dem herzhaften und umgänglichen Kaisen, dem Theodor Heuss einmal "Gefühl für Maß" bescheinigte, folgte der spröde und verschlossene Dehnkamp, über den der Bremer "Weser-Kurier" jetzt schrieb: "Die oberste Kategorie seines Handelns heißt Korrektheit."
Kaisen über seinen korrekten Nachfolger: "Er müßte etwas weniger auf das Semikolon achten." Dehnkamp über seinen maßbewußten Vorgänger: "Er war eine Autorität. Diese Autorität bin ich nicht."
Zigarrenraucher Kaisen pflegte Besuchern Kaffee anzubieten, den seine stets gegenwärtige Sekretärin Sophie Baun - ein Vorzimmer hatte Kaisen nicht - in einem als Pantry abgeteilten Winkel seines Dienstzimmers braute.
Nichtraucher Dehnkamp freut sich, wenn seine Bleistifte scharf, der Länge nach geordnet und mit den Spitzen auf
sein Gegenüber weisend auf dem Schreibtisch liegen.
Kaisen kehrte abends aus seinem Dienstzimmer auf seine bäuerliche Kleinsiedlerstelle im Vorort Borgfeld heim, wo er seit den zwanziger Jahren 20 Morgen Land beackert, Schweine und Rindvieh hält. Bundespräsident Heuss wurde einst ins Siedlerhaus gebeten, während über dem Kaisen-Herd Kalsen -Socken trockneten (siehe Bild Seite 23). Nach dem Besuch taufte der Gastgeber seinen Ochsen Heinrich in Theodor um.
Dehnkamp und Gattin Helene, geborene Kömmpel, alte Kameraden aus der Arbeiterbewegung, bewohnen ein Einfamilienhaus in Bremen-Rönnebeck. Nach Feierabend betätigt er sich als "Kleingärtner" in seinem, durch hohen Baumbestand abgeschirmten Garten und schneidet Rosen. Bisweilen steigt er mit großer schwarzer Badehose in die tieftrübe Weser, die etwa 100 Meter hinter seinem Haus vorbeifließt.
Kaisens gute Beziehungen zu den Amerikanern, die ihn 1945 von seiner Klitsche holten und zum Bremer Bürgermeister machten, brachten es unter anderem zuwege, daß Deutschlands Werften nach dem Kriege wieder Schiffe bauen durften. Sein Verhältnis zur eigenen Partei hingegen war mitunter strapaziert: Kurt Schumacher verstieß ihn vorübergehend aus dem SPD-Vorstand, weil ihm Kaisens pro-europäische und pro-amerikanische Einstellung nicht paßte.
"Eingezogen zum besten von uns allen", bemerkte der Bremer über Westdeutschlands Rekruten und bekannte sich damit im Sommer 1960 als erster sozialdemokratischer Regierungschef öffentlich zur Bundeswehr. "Alles nette Leute", sagte er über russische Generale, die er bei einem Besuch in der Sowjetzone (kurz nach dem Kriege) traf.
Dehnkamp-Bonmots sind nicht überliefert Der gedrungene, kahlköpfige Politiker - er begann seine Parteikarriere 1925 als Volontär bei der SPD -Landesorganisation Hamburg, war von 1934 bis Dezember 1936 von den Nazis inhaftiert und geriet als Panzerjäger 1945 in russische Gefangenschaft - spricht leise, aber gebärdenreich. Wenn er einmal zu lächeln versucht, wirkt er wie ein Schulmeister, der gute Zensuren verteilt.
Seine Verdienste um Bremen sind unbestritten. Unter der Regie des Nicht -Abiturienten erwies sich Bremen auf dem Schulsektor erfolgreicher als die meisten anderen Länder der Bundesrepublik: An den Bremer Gymnasien ist die sogenannte Ausfallquote - die Zahl der Schüler, die vor dem Abitur abgehen - geringer als in jedem anderen Bundesland. Fast alle Bremer Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen von der Einschulung zurückgestellt werden müssen, können einen Schulkindergarten besuchen - im Bundesdurchschnitt steht nicht einmal 20 Prozent der Kinder dieser Weg offen.
Daß die Bremer nunmehr einen korrekten Schulmeister zum Landesvater haben, wurde bereits aus einer seiner ersten Amtshandlungen ersichtlich: Dehnkamp will nicht - wie Kaisen - das Amtszimmer des Präsidenten des Senats mit einer Dame teilen. Er ließ für seine Sekretärin Elisabeth Golly ein Vorzimmer einrichten.
Kaisen-Nachfolger Dehnkamp
"Nun spitzt man ...
... eure Bleistifte schön" Dehnkamp-Vorgänger Kaisen, Besucher (1952)

DER SPIEGEL 31/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BREMEN:
Alles nette Leute

  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch