28.07.1965

BERTELSMANNZwei an der Kurbel

Unter dem breiten Dach des Gütersloher Bertelsmann-Konzerns, das sich über 50 Firmen der Verlagsbranche, des Buchvertriebs und der Schallplattenproduktion wölbt, hat jetzt auch die westdeutsche Filmkunst eine neue, zukunftsträchtige Bleibe gefunden.
Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn übernahm 50 Prozent der Münchner Constantin Film GmbH, des größten westdeutschen Filmverleihs, der in der vergangenen Saison (1964/65) gut ein Drittel aller westdeutschen Filme herausbrachte. Mit 80 Millionen Mark Jahresumsatz liegt der Verleih an der Spitze der stark gelichteten Branche.
Auch während des Kinosterbens, als in der Bundesrepublik die meisten Verleih- und Produktionsfirmen kapitulierten, konnte Constantin-Inhaber Waldfried Barthel mit Kassenfüllern
- gängigen Standardpossen im Stil von
Charleys Tante, Edgar-Wallace-Reißern und Karl-May-Balladen - aufwarten. Stolz hielt der Münchner Ehrenkonsul von Panama neben Ilse Kubaschewski (Gloria-Film) die Fahne des unabhängigen Alleinunternehmers hoch.
Insgeheim sah sich Barthel aber schon seit längerer Zeit nach einem starken Partner um, der ihm bei großen Projekten das Risiko tragen hilft. Er fand ihn in Gütersloh im Hause Bertelsmann. Konzern-Chef Reinhard Mohn, der mit seinem Lese- und Schallplattenring viele Millionen Mark verdiente, hatte sich schon vor mehreren Jahren auf der Suche nach neuen Objekten an das Filmgeschäft herangetastet. In München richtete er ein Studio ein, das im Auftrage des Zweiten Deutschen Fernsehens Dokumentarfilme produziert.
Die entscheidende Kurve nahm Mohn Ende 1963, als er die Universum Film AG (Ufa) erwarb. Eigentlich interessierten ihn nur die Musikverlage der Ufa. Er kaufte aber die ganze Torsogesellschaft des alten deutschen Films, die
- bilanzmäßig stark verschuldet - für
etwa fünf Millionen Mark zu haben war.
Wenige Monate später übernahm Mohn auch die Ufa-Filmtheaterkette. Für nicht viel mehr als elf Millionen Mark fielen ihm fast drei Dutzend erstrangige Kinos mit wertvollen Grundstücken in besten Citylagen zu. In zwölf Monaten hatte er die Hälfte des Kaufpreises wieder erwirtschaftet - nicht zuletzt durch geschickten Verkauf, zum Beispiel des Aegi-Kinos in Hannover, das er der Stadt für drei Millionen Mark abtrat.
"Da sich herausstellte, daß komfortable Kinos immer noch gut besucht werden", so Mohns Generalbevollmächtigter Manfred Köhnlechner, "interessierten wir uns auch für die 15 noblen Merkur-Theater, die einer französischen Gesellschaft gehörten. Als wir sie kaufen wollten, erklärte man uns: 'Das geht nur, wenn Sie auch den (der gleichen französischen Firma gehörenden) Pallas-Verleih erwerben.'"
Mohn übernahm den gesamten Komplex. Wie bei der Ufa-Akquisition hatte er auch hier eine glückliche Hand bewiesen. Der Pallas-Verleih, der auf den Vertrieb französischer Spielfilme spezialisiert ist, brachte in der neuen Saison mehrere Spitzenprodukte heraus, so den utopischen Reißer "Lemmy Caution gegen Alpha 60", der auf der letzten Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Nach Mohns Erfolgsstatistik macht Pallas bereits 40 Prozent mehr Umsatz.
Nachdem der Gütersloher Glücksmann in schneller Folge Ufa-Erbe, Hausherr von 47 florierenden Erstaufführungstheatern und Verleihchef geworden war, peilte er die nächste Etappe im Leinwandgeschäft an: die Filmproduktion. So traf er auf seinen neuen Partner Waldfried Barthel.
Der Großverleiher hatte bisher in der Sparte maßgeblichen Einfluß. Mit seiner Hilfe und seinem Kredit kamen im vergangenen Jahr etwa zwanzig westdeutsche Filme zustande.
Die Gütersloher Geschäftsehe - in der Branche Mohnstantin oder Barthelsmann getauft - eröffnet neue Möglichkeiten. Das finanzielle Schwergewicht liegt eindeutig auf seiten Mohns. Er will sich aber auch um das künstlerische Niveau kümmern und glaubt, in den Schubladen seiner Verlage zugkräftigen Filmstoff ausgraben zu können.
In Musikfilmen sollen die vertraglich an seine Ariola gebundenen Sangeskünstler herausgestellt werden. Davon verspricht sich der universelle Kulturgeschäftsmann Mohn eine Umsatzsteigerung seiner Schallplatten-Abteilung.
Mohn und Barthel wollen auch literarische Filme kreieren; Constantin offeriert bereits "Aus dem Leben eines Taugenichts - sehr frei nach dem Freiherrn von Eichendorff". Mitte dieser Woche soll in Gütersloh die erste kommerzielle Regiebesprechung stattfinden.
Constantin-Chef Barthel
Expansion im Atelier?
Bertelsmann-Chef Mohn
Kultur im Kino?

DER SPIEGEL 31/1965
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