18.08.1965

GEORG PICHT

GEORG PICHT
alarmierte im vergangenen Jahr die bundesdeutsche Öffentlichkeit mit der Warnung vor einer Bildungskatastrophe": Wenn nicht sofort Notmaßnahmen ergriffen würden, könnte spätestens 1970 nur noch die Hälfte der Lehrerstellen an den Volksschulen besetzt werden. Auch die Zahl der Abiturienten und der Studienräte müsse verdoppelt werden, um - nach zwei Weltkriegen - den "dritten großen Zusammenbruch der deutschen Geschichte in diesem Jahrhundert" zu verhindern (SPIEGEL 31/1964).
Sprecher aller Parteien verwahrten sich gegen Pichts Wort von der drohenden Bildungskatastrophe. Zahlreiche Sachverständige aber, darunter der nordrhein-westfälische Kultusminister Mikat (CDU) und Berlins Schulsenator Evers (SPD), bestätigten dem Kritiker, er habe die Mängel in der bundesdeutschen Bildungspolitik richtig diagnostiziert. Neuere Untersuchungen erhärteten Pichts Feststellungen.
Mit Picht-Texten waren die Studenten ausgerüstet, die am 1. Juli in allen Universitätsstädten gegen den Bildungsnotstand demonstrierten. Bundeskanzler Erhard nannte diese Studenten-Aktion (Redner in Heidelberg: Picht) "ungeheuren Unfug".
Picht ist Professor für evangelische Religionsphilosophie an der Universität Heidelberg, leitet nebenberuflich die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft und wohnt in Hinterzarten, wo er - von Haus aus Altphilologe - elf Jahre lang Direktor der renommierten Schule Birklehof war.
Der 52jährige Philosoph - verheiratet mit Edith Picht-Axenfeld, Cembalistin von Weltruf und Musik-Professorin in Freiburg - zählt seit langem zu den kulturpolitisch engagierten Gelehrten. Neun Jahre lang gehörte er - neben Nobelpreisträger Butenandt und anderen Wissenschaftlern - dem Deutschen Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen an, der eine für fast alle Volks-, Mittel- und Oberschüler gemeinsame Förderstufe im fünften und sechsten Schuljahr und andere Schulreformen vorschlug.
Gemeinsam mit Nobelpreisträger Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und fünf anderen prominenten Protestanten unterschrieb Picht 1961 das "Tübinger Memorandum", in dem gerügt wurde, daß von den politischen Parteien "dem Volk die Wahrheit, die es wissen muß, vielfach vorenthalten" werde; eine der Wahrheiten: Die Deutschen müßten auf "den Souveränitätsanspruch auf die Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie" verzichten. Picht betrachtet sein vielfältiges Engagement als "angewandte Philosophie*". Er begründete die Aktualität Platons ebenso wie die Notwendigkeit einer Bildungsplanung, analysierte die "Stellung der Musik im Aufbau der Bildung" ("Musik muß überall dort erklingen, wo es darum geht, gegen die Übermacht anonymer kollektiver Gewalten die Freiheit geistigen Daseins zu sichern") ebenso wie die Funktion der Force de frappe ("Frankreich hat sich durch seine atomare Rüstung die Freiheit erobert, jederzeit einen Akt des Wahnsinns begehen zu können").
* Georg Picht: "Die Verantwortung des
Geistes. Pädagogische und politische Schriften." Walter-Verlag, Olten und Freiburg; 1965; 428 Seiten; 26 Mark.

DER SPIEGEL 34/1965
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