18.08.1965

TEE-UNGLÜCKTod im Expreß

Mit einer Geschwindigkeit von 120 Kilometer in der Stunde raste der Trans-Europa-Expreß 77 ("Helvetia") am Donnerstag letzter Woche von Basel nach Hamburg. Um 11.35 Uhr rammte er im Bahnhof Lampertheim (Südhessen) den letzten Wagen des Güterzuges 6621. Der Expreß entgleiste.
Stellwerkleiter Berthold Felske, 28, hatte den Güterzug auf ein Nebengleis dirigiert, um die Hauptstrecke für den TEE freizumachen. Sechs Minuten vor dem Aufprall wähnte Felske das Hauptgleis geräumt. Er täuschte sich. Der linke Puffer des letzten Güterwagens ragte etwa 20 Zentimeter in den Gleisbereich der Hauptstrecke.
Mit voller Wucht prallte die TEE -Lokomotive auf den vorspringenden Puffer. Sie löste sich vom Zug, 200 Meter weiter entgleiste sie. Die sieben Wagen des Luxuszugs sprangen aus den Schienen. Einer zerbarst. Bilanz: vier Tote, 54 Verletzte - mehrere Verletzte schwebten am Tag nach dem Unglück noch in Lebensgefahr -, Sachschaden: 2,5 Millionen Mark. Nur die Stahlkonstruktion der TEE-Wagen verhinderte, daß noch mehr der 85 Reisenden zu Schaden kamen.
Staatsanwaltschaft und Bundesbahn untersuchen die Schuldfrage, der Fahrdienstleiter wurde vorübergehend festgenommen. Unabhängig vom Ergebnis steht heulte schon fest: Katastrophen wie die von Lampertheim können mit Sicherheit vermieden werden. Es ist eine Geldfrage.
Seit Jahren bereits verfügt die Bundesbahn über sogenannte Drucktasten- oder Gleisbild-Stellwerke - elektronisch gesteuerte Sicherungssysteme, die Zug-Kollisionen auf Bahnhöfen unmöglich machen. Diese Anlagen geben Weichenstellung und Durchfahrtsignale erst frei wenn Weichen und Strecke völlig geräumt sind. Ein Schaubild, auf dem Gleise und Weichen durch farbige Linien und Kontroll-Lampen markiert sind, vermittelt dem Fahrdienstleiter in der Zentrale einen Überblick über die Stellwerks-Automatik.
Diese Sicherungssysteme sind teuer. So kostete die kleinste Anlage der Bundesrepublik in Ashausen bei Lüneburg - sie steuert acht Weichen - 350 000 Mark. Westdeutschlands aufwendigstes Gleisbild-Stellwerk wurde in Hamburg -Harburg installiert. Es kontrolliert. 57 Hauptsperr- und Hauptsignale, 56 Vorsignale, 118 Lichtsperrsignale, 51 Zusatzanzeiger, 184 elektrische Weichen- und Gleissperrantriebe, 250 Gleisstrom- sowie elf Achszählkreise und stellt 1900 Rangierstraßen ein. 105 Kilometer Signalkabel wurden verbaut. Kosten: zehn Millionen Mark.
Viele Bahnhöfe sind bereits mit Drucktasten-Stellwerken ausgerüstet worden, und im Laufe der nächsten Jahre will die Bundesbahn alle größeren Stationen durch Stellwerks-Automaten katastrophensicher machen.
Sogar Modell-Eisenbahner bedienen sich schon dieses technischen Fortschritts. Bis Lampertheim kam er noch nicht.
Entgleister TEE, Güterzug: Ein Puffer stand über

DER SPIEGEL 34/1965
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