18.08.1965

LENNONWunderfaulste Stammlung

Wenn alle anderen Beatles schon
schlafen, ist Beatle Lennon noch wach.
Er beweist dann, sei es beim nächtlichen Interkontinental-Flug zwischen zwei Shows, sei es spät abends daheim bei Weib (Cynthia, 21) und Kind (Julian, 3), daß er mit Recht als der vier Pop-Mops hellster Mop-Kopf gerühmt wird - John Winston Lennon aus Liverpool, 24, Gitarrist, Millionär und Ordensträger des britischen Empire, schreibt Bücher.
In diesem Sommer erscheint bereits sein zweites auf dem gemeinsamen Buchmarkt des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten. Der 96 -Seiten-Band, vom Autor zudem noch eigenhändig illustriert, heißt "A Spaniard in the Works" (etwa: Ein Spanier ist am Werk) und enthält Lennonsche Schriftproben in Vers und Prosa.
Aber auch Deutsch-Lesern wird in diesen Wochen die Fabulier- und Illustrierkunst des Beatle-Meisters vor Augen geführt. Unter dem Titel "In seiner eigenen Schreibe" veröffentlichte der Kossodo-Verlag eine deutsch-englische Fassung des Lennon-Erstlings "In His Own Write", der letztes Jahr in London und New York herauskam, Intellektuelle noch mehr als Yeah-yeah yeah-Fans erheiterte und inzwischen über 250 000mal verkauft worden ist*. Übersetzer: Verlagsherr Helmut Kossodo und "Pardon"-Redakteur Wolf Dieter Rogosky.
Das Duo Kossodo-Rogosky hat sein Bestes gegeben, um Lennons Sprachfaxen, soweit verständlich, auch Mitteleuropäern verständlich zu machen. Es dichtete um, erfand angemessene Wortmetzeleien und tauschte englischen Unsinn mit deutschem, etwa so:
O Pflaumenzeit der dungen Früh
wie bist du schwarz versaut
verlorn dahin ist meine Müh
um eine Reggenhaut
Ich Knallfrosch Huckebein
liech gern auf fauler Pelle
doch laß ich Augsbruck sein
und rette meine Felle
Ich schneid ne hübsche Nase
dann grins und spring ich froh
mach Heckmeck mit der Blase
und schlamp nach Strich und Stroh
Sauf Whiskybranntweinfranz
bin ich der Haferweiz?
Mit Trapper Geierschwanz
verglich ich mich bereiz.
Denn was der begabt dilettierende Beatle-Poet in "eigener Schreibe" darbietet, ist reinster Nonsens von urbritischer Literatur-Tradition. Lennon ("Ich nehme einfach ein bißchen Papier und schreibe, bis ich zum Schluß komme oder keine Lust mehr habe") gibt sich ganz und gar als kleiner Jünger der großen Sprachspieler Lewis Carroll (SPIEGEL 26/1964) und Edward Lear.
Und mit Lear und Carroll, mit Mark Twain und James Thurber, mit Saul
Steinberg, Harold Pinter, den Marx Brothers und sogar mit James Joyce wurde er denn auch von englischen und amerikanischen Kritikern flugs verglichen.
Joyceling oder nicht - mal in Reimen, mal ungereimt, bastelt Lennon eigenwillig an Schachtelwörtern, er flachst phonetisch, er erfindet gruselige Sprachmischungen, und seine Eindeutscher kalauern ihm eigenwitzig nach. Sie juxen kongenial vom "Panorasthma" des NDR, vom "Unternationalen Frohschuppen" eines Herrn "Wärmer Höker" und von der "Albernsbagger dämokosmischen Meinungsdummfrage" ("Jeder andersmann liest die Hamburger Killzeitung oder die Frankfurter Schlachtausgabe, außer Benno Seifenzwerg").
Sie erfinden eine originalgetreue "Obszönheitskönigin", ein "katheuflisches Seminar" und ein "Wolkenschmatzerrestaurant". Durchaus lennonoid ist, trotz vertauschter Personen, auch ein Prosastück mit dem Titel "Da kannste lange fragen":
Warum haben sich Pepsodent de Kahl und Dogge Arthrosenauer so angefreundet? Da kannste lange fragen. Warum wurde Wanz -Josef Laus abgehängt? Warum hat Eulen Gurkenmaler mit O. W. Pfuscher Golph gespielt? Warum sind Brauerführer Krähpinkel und die Gewerkschaften gegen den Gemeinsamen Quark? Da kannste lange fragen. Warum fahrt Maximüllerjahn Schell mit Soraya Elefantiary Schlitten? Warum haben Pfarrer Diba und Schah Rhesus Palaver Pressedung Lüpfke auf den Sattler gehetzt? Da kannste lange fragen.
Doch der Liverpooler Lennon bietet nicht nur die Fülle an orthographischer Notzucht, er gibt zudem ein gutes Quantum makabrer Blödelei zum besten. So beschreibt er beispielsweise den Fliegenschwarm auf einer Ehefrauenleiche und einen Kumpel-Mord zur "Beidachtszeit".
In einem dramatischen Stückchen mit dem Titel "Erster Akt, 3. Szene" schließlich (Regieanweisung: "Unter dem gigantischen Tisch nagt ein Hund still an einer Pygmäin") tritt eine singende Negerin auf und verspeist vor den Augen eines Kapitalisten ein "großes Bündel":
Dickwanst: Was war's denn Mammie?
Mammie: Dat war Dien lüttn Dochter vun Dien zweite Fru ...
Dickwanst (läuft an): Aber ich bin nicht verheiratet!
Mammie (schlägt entsetzt die Hände vors Gesicht): Achgott, da hew ick grod'n Bastard treten!
Nach dem gleichen Rezept; aber schon nicht mehr so verspielt, sondern etwas methodischer und langweiliger ist Dichter Lennon auch in seinem zweiten ("Spanier"-)Werk verfahren, das nun dem angelsächsischen Publikum offeriert wird.
Er präsentiert unter anderem die Parodie auf einen Detektiv namens Shamrock Womlbs (gemeint ist offenbar Sherlock Holmes) und den ihm assistierenden Doktor Whopper (Doktor Watson), erzählt das Märchen von "Schnarchwittchen und einigen mehreren Zwerchen" und treibt ("Vergeßt die Prahlzeit nicht!") seinen Spaß mit den Konservierten, mit Harnisch Melk-Million. Selten Leut und Sir Alice Trostlos -Humm.
"Verfasler" John Lennon über seine "eigene Schreibe": "Als Mitglied der hochgepriesten Beatles mögen meine (und P. G. und R's) Platten Euch komischer erscheinen als dieses Buch, aber es ist meine feste Erzeugung, daß diese Stammlung von Kurzgekichten die wunderfaulste Lache ist, die ich jemals losgelassen habe."
Sein (und seiner Übersetzer) letztes Wort: "Gott säge und verhüte Euch."
* John Lennon: "A Spaniard in the Works". Verlag Jonathan Cape, London; 96 Seiten; 10 Shilling 6 Pence. - John Lennon: "In seiner eigenen Schreibe". Verlag Helmut Kossodo, Genf; 100 Seiten; 12,80 Mark.
Lennon-Bücher: Schreibe vom Hochgepriesten

DER SPIEGEL 34/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LENNON:
Wunderfaulste Stammlung