25.08.1965

INGENIEUREPrestige gehoben

Im Juni inserierten die Bremer Klöckner-Werke nach einer Sorte. Ingenieur, die es zu dieser Zeit in der Bundesrepublik noch gar nicht gab - nach einem "Ingenieur (grad.)".
Die Fehlanzeige - erschienen im Fachblatt "VDI Nachrichten" - war
eines der letzten Beispiele für die traditionelle Konfusion, die bis vor kurzem, um die Bezeichnung dieses deutschesten aller Berufe herrschte. Denn bis zum vorigen Monat, als das Gesetz zum Schutze der Berufsbezeichnung "Ingenieur" in Kraft trat, durfte sich jedermann ohne Nachweis irgendwelcher Qualifikation Ingenieur nennen.
Zur Verwirrung trug zudem der Brauch bei, nahezu jede menschliche Betätigung an diese Jahrzehnte hindurch nie genau definierte Berufsbezeichnung zu koppeln. So gibt es heute unter anderem Bau-, Berg-, Elektro-, Hütten-, Maschinen-, Schiffbau-, Textil-, Vermessungs-, Patent-, Wirtschafts-, Chemie-, Sanitär-, Papier- und Schweiß-Ingenieure.
Innerhalb dieser Fachrichtungen wiederum tummeln sich - Chef-, Ober-, Werks-, Betriebs-, Kalkulations-, Angebots-, Verfahrens-, Konstruktions-, Projektions-, Versuchs-, Verkaufs-, Kundendienst-, Planungs-, Fertigungs-, Transport-, Beratungs-, Entwicklungs- und Normen-Ingenieure.
Die Gesamtzahl der Bundesdeutschen, die sich derzeit Ingenieur nennen, wird auf 360 000 geschätzt:
- 105 000 Dr.-Ing. und Diplom Ingenieure, die das Examen einer Technischen Hochschule besitzen - wie der - Bergassessor Hans-Christoph Seebohm;
- 225 000 Ingenieure, die das Abschlußzeugnis einer staatlichen oder staatlich anerkannten Fachschule haben wie der Vermessungs- und Kultur-Ingenieur Heinrich Lübke;
- 30 000 Autodidakten, die sich selber
so viele Kenntnisse beibrachten, wie sie für erforderlich hielten - wie der gelernte Kaufmann und Erfinder des Wankel-Motors, Felix Wankel.
Diese letzte Gruppe muß aussterben, denn künftig darf sich kein Autodidakt
mehr den Titel Ingenieur zulegen: Nach dem Ingenieurgesetz darf nur noch Ingenieur heißen, wer das Diplom einer Hochschule oder das Abschlußzeugnis einer Ingenieurschule vorweisen kann. Den Absolventen der Ingenieurschulen gab gleichzeitig ein Beschluß der Kultusministerkonferenz das Recht, sich fortan "Ingenieur (grad.)" zu nennen.
Im standesbewußten "Verein Deutscher Ingenieure" (VDI) herrscht über den Prestigegewinn Genugtuung. VDI -Direktor Dr.-Ing. Grünewald: "Daß beide Akte zeitlich so schön zusammenfallen, erhöht ihre Bedeutung." Die Mehrheit der Fachschul-Absolventen aber ist mit der Neuregelung noch immer unzufrieden: Zwar hat der ministerielle Graduierungsbeschluß rückwirkende Kraft, doch nur für "Personen, die nach dem 17.1.1964 in der Bundesrepublik die staatliche Ingenieurprüfung bestanden haben". Dieser Stichtag aber schließt schätzungsweise 100 000 Fachschul-Ingenieure, die in den Jahren zuvor ihr staatliches Examen bestanden, von der Graduierung aus.
Enttäuschte Absolventen der Lübecker und Hamburger Ingenieurschulen machten sich deshalb zu Sprechern ihrer Zunft und forderten, "daß einheitlich in allen Bundesländern alle bisherigen Ingenieurschulabsolventen rückwirkend ebenfalls zu Ingenieuren graduiert werden". Die Konferenz der Kultusminister versprach Prüfung des Vorschlags und reichte das Gesuch an ihren Schulausschuß weiter.
Dort ist inzwischen auch eine weitere Petition bekannt: Der "Studentenverband Deutscher Ingenieurschulen" (SVI) führt darin Klage über den neuen Titel "Ingenieur (grad.)". Die Studenten halten ihn nicht nur für "mißverständlich", sondern auch "sachlich und sprachlich" für "kaum gerechtfertigt". Sie hätten es lieber umgekehrt. Ihr Vorschlag: "grad. ing."
Ingenieure Seebohm, Lübke, Wankel: Titel für alle

DER SPIEGEL 35/1965
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