15.09.1965

JUD SÜSSSache Oppenheimer

Die deutschen Kinogänger der letzten NS-Jahre haben ihn noch als schlimmen Unhold aus der schrecklichen Reichsfilmkammer des Dr. Goebbels in Erinnerung - als einen Juden-Vampir nach "Stürmer"-Art, der sie das Gruseln und Hassen lehren sollte. Im nächsten Sommer soll er, der "Jud-Süß" wiederauferstehen - auf sauberer Leinwand und in Cinemascope.
Zwei jüdische Cineasten sind darangegangen, ein neues Filmporträt, entnazifiziert und geläutert, von dem einstigen Horrorjuden anzufertigen:
- Der Berliner Produzent Hans Oppenheimer, 46 ("Wir Kellerkinder", "Der Spion, der in die Hölle ging"), leiblicher Nachfahre des historischen Joseph Süß Oppenheimer, will zehn Millionen Mark in den Farbfilm "Süß" investieren;
- der illustre Illustrierten-Autor Hans Habe ("Die Tarnowska") schreibt am Lago Maggiore bereits das Drehbuch.
Und diesmal - dafür bürgen Oppenheimer wie Habe, die beide keinen "Wiedergutmachungsfilm" im Schilde führen - sollen die süße Vita und das bittere Ende des Herzoglich Württembergischen Geheimen Finanzrats auch annähernd tatsachen- und quellengetreu porträtiert werden: Als Vorlage studierte Habe unter anderem eine 1738 veröffentlichte "Vollkommene Historie und Lebensbeschreibung des fameusen und berüchtigten württembergischen Aventuriers Jud Joseph Oppenheimer" sowie eine antisemitische Novelle von Wilhelm Hauff (1802 bis 1827). Den meisten Süß-Stoff jedoch lieferte ihm Lion Feuchtwangers "Jud Süß"-Roman.
Mit seinem historischen Bestseller aus dem Jahre 1925 (Auflage: 2,5 Millionen) habe, so Habe, "Feuchtwanger den Roman eines Schuldigen, aber auch eines Prügelknaben geschrieben". Feuchtwangers Held steigt zum Finanzberater des Stuttgarter Herzogs Karl Alexander auf und drangsaliert die Schwaben, indem er ihnen ihr Geld und ihre Frauen abjagt - so lange, bis der herzogliche Kumpan der Tochter seines Vertrauten nachstellt und sie in den Selbstmord treibt. Vater Süß verrät daraufhin einen Staatsstreich seines Herrn und wird aufgehängt. Den Übertritt zum Christentum, der ihm den Kopf gerettet hätte, verweigert er.
"Joseph Süß Oppenheimer", so deutet jetzt Hans Habe, "war eines der vielen korrupten Produkte einer korrupten Gesellschaft, die manche Ähnlichkeit mit unserer eigenen Gesellschaft aufweist. Er wurde in einem eisernen Käfig hingerichtet. Aber Hunderte von ebenso korrupten und korrupteren Generälen, Höflingen, Bankiers wurden nicht gehängt."
Und: "Ich schreibe den Film eines Mannes, der nicht weniger schuldig, aber auch nicht schuldiger ist als die Gesellschaft, die ihn zeugte."
Ähnlich hatten schon die englischen Autoren (unter ihnen der Schriftsteller Heinrich Fraenkel) empfunden, die 1933 ein erstes "Jew Suess"-Drehbuch nach Feuchtwangers Roman verfaßten. Der Film, vor der königlichen Familie uraufgeführt, präsentierte Conrad Veidt als Stuttgarter Hofjuden Oppenheimer -- Veidt war aus Deutschland emigriert, um die Rolle spielen zu können.
Die NS-Arier sahen denn auch in dem Londoner Leinwand-Werk "eine unerhörte jüdische Frechheit" (so 1934 die "Deutsche Filmzeitung"); über Feuchtwangers Bücher dachten sie ähnlich. Sie deklarierten sie, den "Jud Süß" inbegriffen, als "Giftstoff fürs deutsche Volk" und warfen sie ins Feuer.
Ein paar Jahre später freilich, 1940, kam ihnen das Volksgift durchaus zupaß. Mit seinem "Terra-Großfilm" malte Regisseur Veit Harlan einen wahren jüdischen Teufel an die weiße Wand. Er gab damit, der damaligen "Deutschen Allgemeinen Zeitung" zufolge, "ein historisches Beispiel, wie das Judentum es verstanden hat, sich immer wieder in deutsche Lande einzuschleichen".
Zunächst wollte Regisseur Harlan den einstigen Hollywood-Star Emil Jannings als bösen Juden auf die Leinwand bringen. Doch Jannings lehnte ab: "Ich werde nie in einem solchen Film spielen." Absagen gaben auch René Deltgen, Paul Dahlke, Rudolf Fernau, Willi Forst und Gustaf Gründgens.
Gründgens: "Als Goebbels merkte, daß wir Schauspieler uns grundsätzlich nicht an diesem Film beteiligen wollten, wurde seine Herstellung schließlich zu einer Prestigefrage."
Goebbels beantwortete die Prestigefrage mit einem Befehl. Er zwang den sich heftig sträubenden Ferdinand Marian schließlich in die "Jud Süß" -Rolle.
Mit von Harlans Partie waren, neben der unvermeidlichen Harlan-Ehefrau Kristina Söderbaum, auch Heinrich George als Schwaben-Herzog und Werner Krauß, der sich zu besonderer Verwendung ausersehen ließ: Gegen ein Pauschalhonorar von 50 000 Reichsmark personifizierte Krauß gleich ein halbes Dutzend alter Juden.
Veit Harlan erläuterte den "tieferen Sinn" der Krauß-Maskerade: "Es soll gezeigt werden, wie alle diese verschiedenartigen Temperamente und Charaktere, der gläubige Patriarch, der gerissene Betrüger, der schachernde Kaufmann usw. letzten Endes aus einer Wurzel kommen." Harlans kinematographisches "Stürmer"-Werk wurde in Jugendfilmstunden gezeigt; Reichsführer SS Himmler befahl, "Vorsorge zu treffen, daß die gesamte SS und Polizei im Laufe des Winters den Film 'Jud Süß' zu sehen bekommt". In seinem Dokumentations -Buch "Theater und Film im Dritten Reich" verdeutlicht der jüdische Historiker Joseph Wulf, der Film sei, "besonders im Osten, der 'arischen' Bevölkerung immer dann vorgeführt (worden), wenn 'Aussiedlungen' in die Vernichtungslager bevorstanden".
Die "Terra" warb damals: "Wie der Jude immer wieder sich selbst die Schlinge um den Hals legt, das wird hier zum eindringlichen Erlebnis."
Seit Hitlers Ober-Arier, die Schlinge am Hals, dem Stuttgarter Hofjuden Oppenheimer nachfolgten, ist "Jud Süß", diesmal der Harlansche, den Deutschen wiederum als völkisches Gift verboten.
Eine der wenigen Kopien, die von seinem Film noch existierten, hat der bußfertige Regisseur Harlan ("Ich war nur ein Werkzeug"), der letztes Jahr starb, für 75 000 Mark aufgekauft und in einer Züricher Kiesgrube unter notarieller Aufsicht verbrannt. Eine weitere Kopie wurde In Lübeck, eine dritte in Freiburg im Breisgau beschlagnahmt
- ein Freiburger Spediteur hatte sie als Sicherheit für seine Steuerschulden beim Finanzamt hinterlegt.
Dreizehn Jahre nach Kriegsende tauchte erstmals wieder ein "Jud Süß" -Projekt auf. Aber das Unternehmen des Filmproduzenten Peter Goldbaum ("Helden") blieb unverwirklicht, obwohl die Hauptrolle bereits vergeben war - an O. W. Fischer.
Doch diesmal ist es soweit: Witwe Martha Feuchtwanger, in Los Angeles wohnhaft, hat die Verfilmungsrechte verkauft, im Tessiner Ascona arbeitet Hans Habe ("Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht") am Treatment, Produzent Oppenheimer sucht schon nach Akteuren: Als bösen Helden seines Farbfilms will er unter allen Umständen den "Lawrence von Arabien" -Darsteller Peter O'Toole gewinnen; in der Rolle des Schwabenherzogs Karl Alexander sähe er am liebsten Gert ("Goldfinger") Fröbe.
Oppenheimer: "Für mich ist die Nazivergangenheit wenigstens so weit bewältigt, daß ich mir nicht von den damaligen Machthabern vorschreiben lasse, welche Sachen ich drehe und welche nicht."
Zudem erscheint ihm gerade die Sache Oppenheimer verheißungsvoll genug: Er möchte mit ihr dem deutschen Tonfilm in der Welt zu altem, gutem Klang verhelfen und endlich "die Idee begraben, deutsche Filme seien im Ausland nicht zu verkaufen".
--------------
* Werner Krauß als Sekretär Levy, Ferdinand Marian als Jud Süß.

DER SPIEGEL 38/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 38/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JUD SÜSS:
Sache Oppenheimer

  • Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin