22.09.1965

TEAM AUTONOVASchielen nach Schönem

Drei Männer haben sich aufgemacht, Millionen Verirrter den rechten Weg zu weisen.
Die Verirrten sind die Autokäufer. "Doof sind sie nicht", sagte Fritz Busch, Chef des dreiköpfigen Rettungstrupps, "aber die Industrie hat sie systematisch irregeleitet"
Nach Ansicht der "Team Autonova" genannten Busch-Mannschaft sind die heutigen Automobile "unzweckmäßig" und "nicht verkehrsgerecht". Der Käufer jedoch könne "nicht übersehen, was er heute und morgen braucht".
Was der Käufer brauchen soll, zeigt Autonova auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt, die Mitte letzter Woche eröffnet wurde: einen üppig verglasten Stadtwagen "Autonova Fam", der wie eine keilförmig zugespitzte Kiste anmutet und speziell für die engen Parklücken automobilüberschwemmter Großstädte geschneidert ist, sowie ein Sport-Coupé namens "NSU Autonova GT", das von hinten aussieht wie ein Sarg mit Schaufenster.
"Wir dürfen uns nicht vom Zeitgeschmack beirren lassen", begründet Busch die ungewöhnlichen Formen der unter seiner Leitung entstandenen Einzelstücke. Busch ist der erste Automobilkritiker, der es für konsequent hält, selber Autos zu bauen und sich der Kritik auszusetzen.
Amateur-Designer Busch ist vielen Automobilisten seit langem als Verfasser schnurriger Automobil-Lektüre für Männer, die Pfeife rauchen", bekannt. Seine Feuilleton-Storys erschienen unter den Titeln "Einer hupt immer" und "Lieben Sie Vollgas?" auch gesammelt in Buchform. Buschens gesammelte Werke weisen ihn als einen der unerbittlichsten Ankläger der Auto-Industrie aus.
Zwei Produktgestalter, der Deutsche Michael Conrad, 25, und der Italiener Pio Manzu, 25, machten Fritz Busch, 43, zu ihrem Verbündeten. Schon vor vier Jahren hatten sich, Conrad und Manzu, die an der Ulmei Hochschule für Gestaltung "über Autos nicht einmal sprechen" durften, heimlich an einem Karosserie-Wettbewerb beteiligt und gesiegt. Ihr Entwurf eines britischen Drei-Liter-Sportwagens vom Typ Austin Healey wurde von der berühmten Turiner Karosserie-Firma Pininfarina verwirklicht.
Im allgäuischen Bad Wurzach, wo sich der Stuttgarter Busch angesiedelt hat, gründeten die beiden Sieger und der Kritiker vergangenes Jahr ihr "Team Autonova". Programm: "Das Automobil muß sich vom Prestige-Instrument zum Gebrauchsgegenstand entwickeln."
Das Novum des Busch-Teams ist freilich nur ein weiterer in einer Reihe von bislang erfolglosen Versuchen, die Automobilisten mit "Vernunftlösungen" zu beglücken. Fast jedes Jahr wird neuerlich ein "Stadtauto der Zukunft" propagiert:
- Vor zwei Jahren entwickelte der US-Konzern General Motors ein dreirädriges City-Vehikel, dessen eiförmige Karosserie von hinten her aufklappbar war - fahrbare Einkaufskörbe konnten durch diese Lücke ein- und ausgerollt werden.
- Ende 1964 kreierte der Italiener Piero Bargagli das Stadtauto "Urbanina", dessen tonnenförmige Karosserie zwei Insassen eben Raum bot und das nur 2000 Mark kosten sollte. Länge: 1,84 Meter; Breite: 1,21 Meter.
- Im Frühjahr dieses Jahres präsentierte der Engländer E. J. Roberts eine "Stadt-Limousine", die nur ebenso lang war wie herkömmliche Autos breit sind.
Keines dieser City-Mobile wurde je in Serie gebaut - das Publikum betrachtete sie nur als Kuriositäten.
Dennoch fand auch Busch Mäzene für seine Ideen. Die NSU Motorenwerke und der Reifenproduzent Veith-Pirelli stifteten laut Busch "soviel Geld, wie 22 VW-Export kosten". Die Turiner "Carozzeria Sibona & Basano" baute aus Blech, Kunststoff und Glas die karossen.
So entstanden der vier- bis fünfplätzige "Fam", ein "besonders kompakter Familienwagen" für die Stadt und "für den Verstand", und der zweisitzige GT-Wagen "fürs Herz", wie der Team-Chef Busch erläuterte. Beiden gemeinsam sei die "unverkennbare Konkretlinie" der Autonova-Mannschaft: "Funktionell, sachlich, zweckmäßig, chromlos, konsequent."
Der Kurzwagen "Fam", mit dem Autonova "dem Fortschritt im Automobilbau dienen" will, ist nur 3,50 Meter lang (VW-Käfer: 4,07 Meter), bietet aber ungewöhnlich viel Platz für Insassen und Gepäck und ist dabei wendig wie kaum ein anderer Wagen. Wendekreis: 8,4 Meter (VW: 10,8 Meter).
Er rollt auf einem Fahrgestell der Dingolfinger Glas-Werke und soll mit seinem Glas-Motor von 1;3 Liter Hubraum und 60 PS, der im Bug montiert ist und die Hinterräder antreibt, rapide beschleunigen und 140 Stundenkilometer erreichen. Sein Getriebe schaltet automatisch.
Auch bei ihrem Sport-Coupé "NSU Autonova GT", dessen im Heck montierter 1,1-Liter-NSU-Motor mit 55 PS Leistung 170 Stundenkilometer ermöglichen soll, folgten die Busch-Männer ihrer Programm-These, das Automobil habe sich "dem Menschen anzupassen und nicht umgekehrt".
Manche Fachleute betrachten jedoch schon die beiden ersten Busch-Autos, von denen keines bisher im Fahrversuch getestet wurde, mit Skepsis: Der 750 Kilogramm wiegende Stadtwagen gilt - entgegen einer echten Stadtwagenkonzeption - als um rund 100 Kilogramm zu schwer und außerdem als zu stark motorisiert. Busch empfiehlt sein Kurzauto "Fam" denn auch zusätzlich für "Fernreisen" - obwohl der Fahrer wie auf einem Kirchenstuhl sitzt und die Beine nicht ausstrecken kann.
Für den Autonova-Sportwagen hingegen muß starke Wind-Empfindlichkeit befürchtet werden. Außerdem wurde der Wagen nicht mit einer Getriebe-Automatik ausgerüstet - obwohl der Autonova-Team-Chef verkündet hatte: "Nach 80 Jahren Automobilbau ist notwendig, daß wir unsere Autos anders bedienen als unsere Großväter, die auch schon kuppeln und schalten mußten."
Zumindest für das Stadtauto von Busch bestehen denn auch kaum Chancen, daß es je in Serie gebaut wird. "Die deutsche Mentalität", so begründete Automobil-Fabrikant Andreas Glas, "ist für so ein reines Vernunft -Auto nicht geeignet. Die Leute schielen doch immer zum Nachbarn, ob der was Schöneres vor der Tür stehen hat."
In der Tat waren in den vergangenen Jahren typische Parklückenfüller wie die BMW-Isetta, das Glas-Goggomobil oder der Fiat 500 immer weniger gefragt. Die Bayerischen Motorenwerke bauten das letzte Exemplar ihrer rollenden Kabine 1963. Mit mäßigen Absatzziffern endete auch das Experiment amerikanischer Automobilfirmen, die raumfressenden Prestige-Kreuzer durch - nur mittelgroße - "Compact cars" zu ersetzen. Und Opel entschloß sich jüngst sogar, die Karosse seines "Kadett"-Modells zu vergrößern.
Ungewißheit lastet auch über dem Sport-Coupé der Busch-Designer. Die NSU-Werke, deren Autonova-Zuschuß nicht aus dem Entwicklungsfonds, sondern aus dem Werbe-Etat stammt, sind unschlüssig, ob der von ihnen montierte GT-Prototyp den Deutschen zugemutet werden könne. Eine Entscheidung über eine eventuelle Kleinserien-Produktion wollen sie davon abhängig machen, wie die NSU -Händler reagieren.
Busch-Prototyp "NSU Autonova GT": "Wir dürfen uns nicht ...
... vom Zeitgeschmack beirren lassen": Busch-Prototyp "Autonova Fam"
Auto-Entwerfer Busch
Sachlich, chromlos, konsequent

DER SPIEGEL 39/1965
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