22.09.1965

Martin MorlockGIRLIE ACTION

München, Zirkus-Krone-Bau, 14. September. Noch sind die Rahmenkämpfe, von "Rivets", "Rackets" oder "ABC-Boys" ausgetragen, im Gange. Noch schwankt die Lautstärke der schrillen Beifallsäußerungen zwischen 90 und 110 Phon; doch wenn Grünlicht auf die Bühne strahlt oder die Elektro -Gitarristen auf dem Rücken liegend strampeln, rückt die Schallintensität schon in die Nähe der Schmerzschwelle.
Zwischen agilen Fan-Gruppen, die teils durch konvulsivisches Nicken oder rhythmisches Schwenken des Apostel-Haarwuchses, teils pantomimisch durch beidhändiges Melken einer Elefantenkuh ihre emotionale Aufgeschlossenheit bekunden, sehe ich kahlköpfige Dreifach-Twens, reglos neben nicht minder reglosen Teenager-Töchtern; erstere die schiere Fassungslosigkeit, letztere Verdruß über den empfindungshemmenden Begleiter im Blick.
Als die "Rolling Stones" hereinkollern, ist es, als hätten die Veranstalter eine chemische Reaktion ausgelöst, hätten in ein vergleichsweise idyllisches Gemisch aus Alkohol und rauchender Salpetersäure Quecksilber
geschüttet. Die Explosion dauert 20 Minuten, und das ungeschulte Ohr wird jählich taub für "Stone" Mick Jaggers Wehklage, er könne, sosehr er sich abmühe, auf dem Gebiet der praktischen Minne weder "satisfaction" noch "girlie Action" erzielen "ah try and ah try and ah try ..." Das war am Abend - und ich hatte den Rat des Beat-erfahrenen Münchner Polizeipsychologen Dr. Rolf Umbach (SPIEGEL 9/1964), ich solle mir Ohropax besorgen, für einen Scherz gehalten.
Am Vormittag hatte ich Umbach beim "Rolling Stones"-Empfang in der Redaktion des Teenager-Blattes "Bravo" mit Fragen behelligt.
Handelt es sich, fragte ich ihn, bei der Beat-Ekstase um eine psychische Epidemie, vergleichbar den "Kindertänzen" zu Erfurt, Hameln und Utrecht im dreizehnten, dem "St. Veits-Tanz" im vierzehnten, den "Convulsiones" zahlreicher Jungfrauen im sechzehnten, dem "Tarantismus" im siebzehnten Jahrhundert? Oder muß man gar die Befürchtung des "FAZ"-Mitherausgebers Karl Korn teilen, unser industriezeitalter" habe "die Jugend im Stich gelassen"?
Nichts von alledem, antwortet mir der Seelenkundige, während im engen Raume Photographen und Zeitungsreporter einander beschwerlich fallen, es handle sich (zu diesem Zeitpunkt war die Berliner Waldbühne noch ansehnlich) um eine relativ harmlose Ventil -Sitte".
Ähnlich wie der Fasching, der freilich in den Augen Heranwachsender bereits "unter Denkmalsschutz" stehe und somit zur "pädagogischen Provinz" geworden sei, erfüllten Beat-Veranstaltungen die Funktion des "Überdruck-Ventils beim Dampfkessel": Gäbe es dergleichen nicht, würde der "Bogen der Kultivierbarkeit überspannt". So aber könnten sich tabuisierter Sex und unterdrückter Aggressionstrieb "etwas außerhalb der Legalität" Luft machen.
Um einen Bürotisch, in despektierlicher Schräglage ihre Abneigung gegen frühes Aufstehen und Münchner Leberkäse augenfällig zur Schau bietend, sitzen mehrere Gestalten mit lang wallendem Haupthaar. Da ich ein Zwiegespräch erstrebe, fahnde ich nach dem Gitarristen Brian Jones, 22, der mir von fachkundiger Seite als blond und "am intelligentesten" beschrieben worden ist.
"Sind Sie Mr. Jones?" frage ich aufs Geratewohl eine der beiden im "Bavarian liver-cheese" stochernden Blondinen. Nein,
höre ich, sie sei Mrs. Shirley Watts, die Gattin des Schlagzeugers Charlie Watts. Der echte Mr. Jones reagiert auf die Verwechslung mit einem höhnischen Kiekser.
"Haben Sie", frage ich ihn, "auch gekreischt, als Sie zum erstenmal Beat-Musik hörten?"
Brian Jones ignoriert mich, sagt über den Tisch hinweg etwas dem Klange nach sehr Abfälliges zu seinem Kollegen Keith Richard. Schließlich merke ich, daß er, allem Anschein zuwider, mit mir gesprochen hat. "Nein, ich hatte den Stimmbruch schon hinter mir", wiederholt er, neuerlich kieksend. So kommt eine Art Unterhaltung zustande, wobei ich unter anderem erfahre, daß der Beat der "Rolling Stones" sich von anderem Show -Geräusch vornehmlich durch seine "Strenge" unterscheide.
Was werden Sie tun, wenn die Beat-Welle vorüber ist?"
"Die geht nicht vorüber."
"Setzen wir", beharre ich, "einmal diesen mißlichen Fall. Würden Sie sich die Haare schneiden lassen und ein normales bürgerliches Leben führen?"
Zum erstenmal wendet mir Brian Jones sein frühgereiftes Twen -Antlitz zu und scherzt mit heller Stimme, gleichwohl düster: Nein, ich werde wieder kriminell (I'll go back to crime) - oder wollten Sie was anderes hören?"
Brian Jones
Von Martin Morlock

DER SPIEGEL 39/1965
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