29.09.1965

KURZSTRECKENLAUFAbschreckend

Gelenkig wie Balletteusen werfen sie aus dem Stand ein Bein fast senkrecht gegen ihre Schulter. Bei Twist und Gymnastik bewegen sie sich in den Hüften locker wie türkische Bauchtänzerinnen. Ihre Beine sind muskulös wie bei Kosakentänzern oder Fußballstars. Auf der Aschenbahn laufen sie schneller als alle Sprinterinnen der Welt.
Schon als Teenager rissen die Polinnen Ewa Klobukowska, 18, und Irena Kirszenstein, 19, alle metrischen Weltrekorde auf den Kurzstrecken an sich. Bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio gewannen sie eine Bronze- (Klobukowska im 100-Meter-Lauf), zwei Silber- (Kirszenstein über 200 Meter und im Weitsprung) und eine Goldmedaille in der Viermal-100-Meter-Staffel.
Bei dem Olympiasieg in der Staffel stellten die Polinnen ihren ersten Weltrekord (43,6 Sekunden) auf. Im August dieses Jahres lief Irena Kirszenstein einen neuen 200-Meter-Weltrekord (22,7 Sekunden). Gemeinsam verbesserte das K. u. K.-Duo auch die 100-Meter-Weltbestleistung der früheren US-Olympiasiegerin Wilma Rudolph (auf 11,1 Sekunden). Und beim Europacup-Finale der sechs besten europäischen Nationalmannschaften am vorletzten Wochenende in Kassel erkämpften die beiden mehr als die Hälfte aller Punkte (23 von 38) für Polen.
Polens Sprint-Stars sind "den übrigen europäischen Sprinterinnen um drei Jahre voraus" ("Sport-Magazin"). Den Vorsprung verschaffte ihnen ein Professor: Dr. Karol Hoffmann von der Hochschule für Körpererziehung in Posen gelang eine Entdeckung, die vermutlich zu neuen Maßstäben im Kurzstreckenlauf führen wird.
Hoffmann analysierte aus den Daten von 27. Olympiasiegern, Rekordlern und Meistersprintern, daß für Erfolge im Kurzstreckenlauf die Schrittlänge viel wichtiger als das Schritt-Tempo ist. Bisher trainierten Sprinter in der Regel auf höhere Trittgeschwindigkeit.
Doch selbst die besten Kurzstreckler der Welt laufen nur relativ kurzfristig ihr maximales Tempo, weil sie es gewöhnlich erst zwanzig, bis dreißig Meter nach ,dm Start erreichen und es nur bis etwa, zwanzig Meter vor dem 100-Meter-Ziel durchhalten. Größere Schrittlänge verschafft einem Läufer dagegen auf der vollen Strecke einen Vorteil.
Der einzige deutsche 100-Meter-Olympiasieger, Armin Hary (1,78 Meter groß), spurtete bei seinem Weltrekordlauf (10,0 Sekunden) mit nur 45 Schritten ins Ziel: Als äußerste Schrittlänge wurden für Hary 2,29 Meter gemessen.
Die beiden polnischen Rekordsprinterinnen setzten die Erkenntnisse des Professors Hoffmann als erste in die Praxis um. Sie bauten in ihr Trainingsprogramm eine spezielle Dehnungs-Gymnastik ein, durch die sie ihre Schrittlänge systematisch erweiterten. Obwohl sie kleiner ist als Hary, lief die Klobukowska die 100 Meter mit nur 46 Schritten. Die längsten Schritte der Warschauer Abiturientin (1,70 Meter groß) maßen 2,30 Meter, die Studentin Kirszenstein (1,76 Meter) überbrückte mit einem Laufschritt bis zu 2,60 Meter - mehr als Hary oder jeder andere Klasse-Sprinter bisher.
Außerdem änderte Trainer Andrzej Piotrowski die übliche Trainingsmethode: Während ihre Konkurrentinnen meistens viele Intervalle mit halber oder dreiviertel Kraft laufen und möglichst kurze Erholungspausen einlegen, liefen die polnischen K. u. K.-Sprinterinnen wenig Intervalle und pausierten bis zu 15 Minuten, bevor sie zum nächsten Übungslauf starteten. Dafür spurteten sie jede Strecke mit voller Kraft.
Für das nächste Jahr kündigten die Polinnen eine neue Rekordjagd an. "Unter idealen Bedingungen", versprach die Klobukowska, "kann ich die 100 Meter in elf Sekunden oder schneller laufen." Von Irena Kirszenstein behauptete die englische Weitsprung-Weltrekordlerin (6,76 Meter) Mary Rand: "Sie wird als erste Frau der Welt über sieben Meter weit springen." Zur Vorbereitung will die Kirszenstein vorerst im Hürdenlauf über Hindernisse hüpfen.
Auf die übrigen polnischen Sprinterinnen wirkte die Überlegenheit der beiden Stars abschreckend: Die zwei nächstbesten Sprinterinnen beendeten resignierend ihre Karriere, Nachwuchsläuferinnen wichen auf andere Strecken aus.
Läuferinnen Klobukowska, Kirszenstein
Vom Professor ein Rekord-Rezept

DER SPIEGEL 40/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KURZSTRECKENLAUF:
Abschreckend

  • "Star Wars"-Finale: Zeit für Antworten es ist
  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"