06.10.1965

ROLLS-ROYCEDenkmal gekappt

Wir fürchten die Konkurrenz durch den Mercedes-Benz 600 nicht, sagte Roger Craster, Export-Manager des britischen Luxuswagen-Produzenten Rolls-Royce, als vor zwei Jahren die Daimler-Benz AG Deutschlands 6,24 Meter lange King-Size-Kalesche vorstellte: "Im Gegenteil: Er wird den Markt dieser Klasse beleben, und wir hoffen, daß dabei auch für uns ein paar Krümel abfallen werden."
Rolls-Royce fürchtete den technisch aufwendigsten Serienwagen der Welt offenbar doch. Insgeheim trieben die Rolls-Royce-Ingenieure das kostspieligste Entwicklungsprogramm voran, das die Firma in ihrer 59jährigen Geschichte je für den Bau neuer Modelle riskierte.
Das Resultat ihrer Anstrengungen präsentiert Rolls-Royce diese Woche - ein Jahr nach Produktionsbeginn des Konkurrenten MB 600 - im Pariser Bois de Boulogne. Feierlich enthüllt werden zwei neue Standard-Typen: der Silver Shadow (Silberschatten) als Nachfolger des Silver Cloud (Silberwolke) und der Bentley T als Nachfolger des Bentley S.
"Nie zuvor haben wir für neue Modelle radikalere technische Änderungen vorgenommen", charakterisierte ein Werksprecher die beiden - bis auf die Kühler identischen - Neulinge aus der Rolls-Royce-Stadt Crewe. Rolls -Royce, von jeher konservativste Firma unter allen konservativen britischen Automobilproduzenten, wählte statt der bisher eisern verteidigten Rahmenbauweise erstmals eine selbsttragende Karosserie modernen Zuschnitts. Die neue Rolls-Royce-Karosse ist gegenüber dem alten, hochbordigen, 5,34 Meter langen Standard-Kleid 18 Zentimeter kürzer, 13 Zentimeter niedriger und acht Zentimeter schmaler, bietet jedoch mehr Nutzraum für Passagiere und Gepäck sowie bessere Rundumsicht.
Die eigentliche Überraschung ist jedoch weniger augenfällig. Statt - wie bisher - altertümlicher, starrer Hinterachse und Trommelbremsen installierten die Rolls-Royce-Techniker ihren neuen Modellen hochmoderne Fahrmechanik:
- unabhängig geführte Schräglenker -Hinterachse;
- hydraulische Federbeine für alle
Räder;
- automatischen, zweistufigen Niveau -Ausgleich;
- Scheibenbremsen an allen Rädern
und
- nicht weniger als drei hydraulische Bremskreissysteme.
Von den alten Modellen übernahmen sie im Grunde nur den Motor. Es ist ein Achtzylinder-Aggregat in V-Form mit 6230 Kubikzentimeter Hubraum. Die Pferdestärken gab das Werk nie bekannt. Fachleute fanden jedoch heraus, daß der Motor im alten Modell 243 PS leistete und etwa eine Silberwolke auf über fBO Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit beschleunigte.
Bisher war es den Erbauern der Rolls-Royce-Wagen traditionell weder auf Höchstgeschwindigkeit noch auf eine moderne Karosserie angekommen. Sie erstrebten einzig und allein höchste technische Perfektion. Die Montage und Endkontrolle eines amerikanischen Luxuswagens wie des Cadillac dauern kaum vier Stunden - eines Rolls -Royce hingegen zwei Wochen.
Alle Herrlichkeit auf Erden rollte auf Rädern von Rolls-Royce: Könige und Konzernherren, Nabobs und Nizams, Mimen "und Minister. In Deutschland neigten sich dem Nimbus des britischen Snobmobils Schauspieler Gustaf Gründgens und Filmkünstlerin Nadja Tiller ebenso zu wie der Großverleger Axel Springer, Warenhausherr Helmut Horten, Kleidermacher Alfons Müller-Wipperfürth oder Romy-Schneider-Daddy, Hans-Herbert Blatzheim.
Mehr als 45 000 Wagen, deren Karossen mit ihren steilen, handgehämmerten Kühlern souverän die modernen Erkenntnisse der Aerodynamik ignorierten, fanden bis 1962 ihre Käufer. Preise: je nach Karosserie und Ausstattung von 75 000 bis 128 000 Mark.
Doch 1962 ging der Absatz plötzlich zurück. Obwohl Rolls-Royce dem Zeitgeist hastig einen kleinen Tribut einräumte und Doppelscheinwerfer installierte, wurden nur noch 1800 Rolls -Royce-Wagen gegenüber 2400 im Jahre 1961 verkauft.
Das Publikum war von der veralteten Konzeption offensichtlich nicht mehr so angetan wie früher. Noch geringer wurden die Chancen der Rolls-Royce -Manager, ihren Markt wieder auszuweiten, als 1963 erstmals ein ernsthafter Konkurrent vorgestellt wurde: Der "Große Mercedes" war dem Rolls-Royce technisch überlegen und obendrein billiger (normaler, 5,54 Meter langer 600er -Typ: 56 500 Mark, Lang-Modell. 63 500 Mark).
Zahlreiche potentielle Rolls-Royce -Käufer wählten Mercedes. Rolls-Royce -Fahrer Axel Springer erwarb zusätzlich einen Mercedes 600. "Ich sehe für Rolls -Royce keine Chance mehr auf dem deutschen Markt", erklärte der Düsseldorfer Auto-Importeur Wilhelm Becker. Er gab die Rolls-Royce-Vertretung auf
England wurde nach den USA zweitgrößter Exportmarkt des Mercedes 600, den die US-Motorzeitschrift "Car and Driver" bei einem nach Punkten gewerteten Vergleichstest mit 466 Punkten zum "besten Automobil der Welt" erkor. Der technisch veraltete Rolls-Royce wurde mit 348 Punkten hinter den USLuxuskreuzern Cadillac Fleetwood Brougham (427 Punkte) und Lincoln Continental (364 Punkte) nur Vierter.
Was die alte "Wolke" verlor, soll der neue "Schatten" wettmachen. Rolls -Royce reduzierte nicht nur den Luftwiderstand, sondern auch das Gewicht des Wagens, steigerte hingegen die Motorleistung auf rund 280 PS. Der neue Rolls-Royce ermöglicht 210 Stundenkilometer. Sein 250 PS starker Stuttgarter Konkurrent ist um fünf Stundenkilometer langsamer.
Die Rolls-Royce-Techniker vergriffen sich sogar an einer Institution, die - laut "Daily Mirror" - "wie das Nelson -Denkmal, Lord's Kricketplatz und die Kronjuwelen einen festen Platz im Panorama britischen Lebens" hat: Der seit 53 Jahren unveränderte berühmte Rolls-Royce-Kühler wurde der niedrigeren Gürtellinie des neuen Modells angepaßt und verkleinert.
Neuer Rolls-Royce Silver Shadow: "Für uns ein paar Krümel"

DER SPIEGEL 41/1965
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