20.10.1965

SAARFeiern verboten

Am Oktober vor zehn Jahren
entschieden sich die Saarländer per Volksabstimmung für die Heimkehr ins Reich: Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung des damals mit Frankreich verbundenen Landes lehnten das von Konrad Adenauer befürwortete "europäische Statut" für die Saar und mithin die weitere Trennung von Deutschland ab.
Doch das zehnte Jubiläum jenes denkwürdigen Ereignisses, das der saarländische SPD-Chef Kurt Conrad heute den "bislang einzigen Erfolg auf dem Gebiet der Wiedervereinigung" nennt, ist Bonn keine Feier wert.
Mit Rücksicht auf das ohnehin gespannte Verhältnis zu Charles de Gaulle überredete die Bonner CDU-Zentrale die Regierung des saarländischen CDU -Ministerpräsidenten Franz Josef Röder, auf alle Jubiläums-Zeremonien zu verzichten, die den ehemaligen Saarprotektor Frankreich vergrämen könnten.
Auch ein im Auftrag der Saarbrükker Landesregierung angefertigter Postsonderstempel wurde von Bonn abgelehnt. Das Außenministerium empfand ihn als "nicht glücklich", weil er außer an den 23. Oktober 1955 an zwei weitere. Daten erinnerte - das Jahr 1815, als große Teile des heutigen Saarlandes nach langer französischer Besetzung an Preußen fielen, und das Jahr 1935, als 90,8 Prozent der Saarländer für die Rückkehr zu Deutschland stimmten. Ein inzwischen neu entworfener und von Bonn gebilligter Sonderstempel wird nur die Aufschrift "1965 Erinnerungsjahr der Volksabstimmung 1955" tragen.
Statt des ursprünglich vom christdemokratischen Ministerpräsidenten Röder vorgesehenen Jubiläums-Staatsakts werden am kommenden Sonnabend lediglich ein Empfang der Landesregierung und eine Landtagssondersitzung stattfinden, bei der Parlamentspräsident Josef Schmitt (CDU) eine "Erklärung zum zehnten Jahrestag des Saar-Referendums" abgeben will.
Doch die Ersatzfeiern werden nur ein matter Abglanz des ursprünglich geplanten Jubiläumsfestivals sein, denn ausgerechnet die beiden prominentesten saarländischen Wiedervereinigungskämpfer und Sieger von 1955 sind am Sonnabend nicht dabei: Rechtsanwalt Dr. Heinrich Schneider, damals Chef des saarländischen FDP-Ablegers Demokratische Partei Saar (DPS) und Motor der deutschen Rückgliederungsbewegung, und der frühere Vorsitzende der Saar-CDU, Rechtsanwalt Dr. Hubert Ney, wollen Landtagssondersitzung wie Regierungsempfang boykottieren.
Grund zum Boykott sieht Schneider allein schon in der Bonner Sonderstempel-Intervention: "Es ist bedauerlich, daß die verantwortliche politische Führung unserer Bundesrepublik nicht das Verständnis aufbringt, historische Ereignisse wie die Geschehnisse an der Saar 1815, 1935 und 1955 so zu würdigen, wie es jedes Land mit einem gesunden Nationalgefühl tun würde."
Und ein zweites Boykott-Motiv Schneiders bewog auch den einstigen CDU-Führer Ney, der Gedenksitzung fernzubleiben. Er will am Sonnabend
im Landtag nicht mit dem Erzfeind aus dem Abstimmungskampf von 1955, dem Saarbrücker Anwalt Erwin Müller, zusammentreffen.
Bald nach dem Kriege war Müller von Frankreichs Gnaden Direktor der Verwaltungskommission der Saar; später Justiz-, Kultus- und Finanzminister in der separatistischen Regierung Hoffmann, und 1952, als die Saar mit eigener Mannschaft und unter eigener Flagge nach Helsinki zu den Olympischen Spielen zog, Präsident des saarländischen Olympischen Ausschusses.
Den Spitznamen "Kaschuben-Müller" verdiente sich der Separatist 1947 mit einer Rede wider die prodeutschen Saar-Streiter. Müller damals: "Sie verkennen den Begriff Vaterland, indem sie ostelbische Tugenden preisen oder dartun möchten, daß die zufälligen Ergebnisse der Eroberungskriege des sogenannten Großen Kurfürsten oder des Menschenverächters von Sanssouci Bindungen des Blutes zwischen Wenden, Sorben und Kaschuben einerseits und den Saarländern andererseits erzeugen könnten."
Wie alle Hoffmann-Mitläufer wurde der Separatisten-Anwalt nach der Volksabstimmung von den Wiedervereinigungspolitikern demonstrativ geschnitten. Kaschuben-Müller war jedoch der einzige, dem der neugewählte Landtagspräsident Heinrich Schneider auf Antrag der CDU, DPS und der SPD "in Wahrung der Würde des Landtags das Betreten des Landtagsgebäudes" verbot.
Fünf Jahre später aber war Müller wieder da. Bei den Wahlen von 1960 eroberte der Vorsitzende der Saarländischen Volkspartei ein Landtagsmandat. Und als die Saar-SPD bei den Kommunalwahlen im Herbst vorigen Jahres die CDU überrundete, brachte die um eine christliche Einheitsfront bemühte Bonner CDU-Zentrale den Saar -Regierungschef Röder und Müller zu einem Aussöhnungsgespräch an einen Tisch.
Erfolg des Liebesmahls: Müller trat Anfang Oktober der CDU-Fraktion im Saarbrücker Landtag bei - gerade noch rechtzeitig, um am Sonnabend dieser Woche im Kreise seiner neuen Parteifreunde seine Niederlage von 1955 mitfeiern zu können.
Saarländer bei der Abstimmung 1955
Ins Vaterland der Sorben und Kaschuben

DER SPIEGEL 43/1965
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