03.11.1965

EX-MINISTEREinmal ausruhen

Menschlichen Schmerz", so sagte er
später, sah Kanzler Ludwig Erhard am letzten Montag im Gesicht seines langjährigen Kabinettskollegen Theodor Blank. Der Mann aus dem Ruhrpott, dessen Dialekt an Jürgen von Manger erinnert, konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Blanks Mundwinkel zuckten, die Hand, mit der er zum Sektglas griff, zitterte.
Theodor Blank, 60, seit 15 Jahren an der vordersten politischen Front in der Bundeshauptstadt, hatte vom Bundespräsidenten in der Villa Hammerschmidt soeben seine Entlassungsurkunde als Bundesminister für Arbeit und Soziales entgegengenommen. Mit Karl Weber (Justiz), Hans Lenz (Wissenschaft), Werner Schwarz (Landwirtschaft) und Ernst Lemmer (Vertriebene) gehört Blank zu jenen Kabinettsmitgliedern, deren Arbeitsverhältnis von Ludwig Erhard nicht erneuert wurde.
Als der Kanzler, der mit Theo Blank aus den Zeiten des Frankfurter Wirtschaftsrats, wo der liberale Professor und der linke Gewerkschaftler gemeinsam für die freie Marktwirtschaft kämpften, eng verbunden ist, den Blank um Fassung ringen sah, wich er vom Text seiner Ansprache ab und räumte ein, daß mit der Entlassung "manche menschlichen Schmerzen" verbunden seien.
Noch zwei Tage nach den Wahlen, am 21. September, war Erhard zur Feier des 60. Geburtstags von Blank erschienen und hatte mit dem Jubilar auf "weitere fruchtbare Zusammenarbeit" angestoßen.
Blank sah sich daraufhin schon wieder als Bundesminister bestätigt. Aber die politische Notwendigkeit war stärker als Erhards guter Wille. Denn: Theodor Blank war der bisher glückloseste Minister aller Bundesregierungen: - 1956 wurde er als Verteidigungsminister durch Franz-Josef Strauß ersetzt, nachdem Blank beim Aufbau der Bundeswehr seine Nerven verbraucht und mit den Zusagen an die Westmächte nicht Schritt gehalten hatte.
- Nachdem er 1957 an die Spitze des Arbeitsministeriums gestellt worden war, kämpfte er acht Jahre lang erfolglos um ein sogenanntes Sozialpaket, von dem lediglich das wahlwirksame Kindergeldgeschenk übriggeblieben war.
Blank wurde zum "Minister Spiegelei" - von jedem in die Pfanne gehauen. Schuld daran war vor allem Blanks schroffes Wesen, das der Minister mit politischer Härte verwechselte. Er entbehrte der Fähigkeit zur Taktik und bevorzugte den Frontalangriff auch dort, wo die Widerstände von Anfang an unüberwindar waren.
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion wählte den verdienten Glücklosen zum Trost in der letzten Woche zu einem ihrer stellvertretenden Vorsitzenden. Der Staat zahlt ihm 4300 Mark Pension.
Gefaßter als Blank, doch nicht minder getroffen reagierte der entlassene Justizminister Karl Weber, 67, auf einen Wortbruch Erhards: Er entzog sich der kollektiven Verabschiedung beim Bundespräsidenten am Montagmorgen und erschien am Nachmittag allein bei Lübke, als er den Kanzler nebenan im Palais Schaumburg wußte.
Weber fühlt sich von Erhard als Lückenbüßer mißbraucht: Er hatte sich im März dieses Jahres bereit gefunden, den verwaisten Sessel in der Rosenburg einzunehmen, nachdem Ewald Bücher (FDP) aus Opposition gegen die Verlängerung der Verjährungsfrist für Nazi -Verbrechen zurückgetreten war.
Kanzler Erhard ernannte Weber damals zum Minister, obwohl diesem zwei Tage zuvor das Bundestagsmandat für die nächste Legislaturperiode verlorengegangen war. Im Wahlkreis Koblenz hatte in der CDU-Delegiertenversammlung der Bundesvorsitzende der Jungen Union Klepsch dem Senior Weber die Nominierung abspenstig gemacht.
Trotzdem rückte Weber ins Justizministerium mit der Ankündigung ein: "Ich bin hier ..nicht als Übergangsminister!"
Letzte Woche enthüllte Weber dem SPIEGEL, weshalb er im März sicher gewesen sei, nicht ein Siebenmonatskind zu werden. Weber: "Bundeskanzler Erhard hat mir, als ich nach langem Drängen zur Übernahme des Justizministeriums bereit war, zugesagt, ich würde auch nach meinem Ausscheiden aus dem Parlament Hausherr auf der Rosenburg bleiben."
Als am letzten Mittwoch der neue Justizherr Richard Jaeger (CSU) zur Rosenburg fuhr, war Weber schon in seine sehr profitable Rechtsanwaltspraxis nach Koblenz zurückgereist. Die feierliche Amtsübergabe fiel aus.
Außer Blank und Weber wurde auch der bisherige Bundesvertriebenenminister Ernst Lemmer, 67, von Ludwig Erhard enttäuscht (siehe Seite 29). Nicht enttäuscht, sondern erleichtert waren dagegen die bisherigen Minister Lenz und Schwarz. Mühsam einen Schritt vor den anderen setzend, verließ der Wissenschaftsminister a.D. Hans Lenz am letzten Dienstag nach der Vereidigung des neuen Kabinetts den Plenarsaal des Bundestags an Krücken. An der Saaltür erklärte der Schwerkriegsbeschädigte: "Ich muß erst einmal ausruhen."
Nicht die Hüftschmerzen allein, auch die ständige Geldklauberei mit seinem Finanzkollegen Dahlgrün hatten Lenz resignieren lassen: "Der Finanzminister ist eben immer Ober-Wissenschaftsminister." Lenz will jetzt von der Bank des Abgeordneten für die Förderung der Wissenschaft arbeiten, ohne an die Kabinettsdisziplin gebunden zu sein. Lenz zum SPIEGEL: "Es nützt nichts, wenn man im Kabinett vor Wut schäumt, aber aus Loyalität nach außen hin nichts sagen kann." Pension: 3200 Mark.
Ebenfalls voller Resignation denkt Werner Schwarz, 65, bis letzten Montag als Nachfolger Lübkes Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, an seine Kabinettszeit. Schon seit Dezember letzten Jahres hat er sich praktisch aller Dienstgeschäfte enthalten und die Leitung des Grünen Ministeriums seinem FDP-Staatssekretär Hüttebräuker überlassen.
Damals hatte Schwarz seine schwerste Niederlage einstecken müssen. Ohne ihn zu fragen, hatte Ludwig Erhard dem Bauernführer Rehwinkel die in Brüssel beschlossene EWG-Getreidepreissenkung gegen eine Subventionsbrause für das Landvolk von 1,1 Milliarden Mark jährlich abgekauft. Zur selben Zeit zog der arglose Schwarz durch die Lande und versprach den Bauern: Eine Senkung der Getreidepreise kommt nicht in Betracht.
Nur mit Mühe konnte die CDU/CSU damals den Minister davon abhalten, schon vorzeitig mit einer Pension von 3600 Mark auf seinen Hof "Frauenholz" in Schleswig-Holstein zurückzukehren. Am Montag nun konnte Präsident Lübke einen späten Triumph über seinen Agrar-Nachfolger auskosten. Schon 1961 hatte er sein Veto gegen dessen Wiederernennung einlegen wollen. Jetzt durfte er nachholen, was ihm das Verfassungsrecht damals verwehrte: Schwarz die Entlassungsurkunde aushändigen.
Entlassener Minister Weber Allein zum Präsidenten
Entlassener Minister Lemmer
Vom Kanzler enttäuscht
Entlassener Minister Schwarz
Heim auf den Hof
Entlassener Minister Blank
Menschlicher Schmerz

DER SPIEGEL 45/1965
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