03.11.1965

BADEN-WÜRTTEMBERGRisiko am Wasser

Nachdem die Verträge unterzeichnet waren, griffen Minister und Manager zum Glas. Sie tranken Wein, aber sie dachten an Öl und Wasser.
Die Trinksprüche, die am Montag letzter Woche im Stuttgarter "Schloßgarten"-Hotel gewechselt wurden, galten einem Kontrakt zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem italienischen Staats-Konzern Ente Nazionale Idrocarburi (Eni). Vertragsobjekt: ein winziges Teilstück der 660 Kilometer langen Eni-Öl-Pipeline Genua-Bregenz-Ingolstadt.
Dieses Teilstück - auf deutschem Boden nur zwei Kilometer lang - berührt den Bodensee, aus dem weite Teile Baden - Württembergs, auch Stuttgart, ihr Trinkwasser schöpfen. Und nur außergewöhnliche Zugeständnisse der Ölfirma Eni haben die Stuttgarter Landesregierung nach zweijährigem Zögern bewegen können, sich mit dem Risiko eines Leitungsbruchs und der damit zwangsläufig verbundenen Verunreinigung des gewaltigen Trinkwasser - Reservoirs abzufinden.
Ob ein Erdbeben die Leitung zerstört oder ein Sabotageakt
- selbst bei "höherer
Gewalt" müssen die Italiener nach den jetzt abgeschlossenen Verträgen für den
Schaden aufkommen. Noch nie hat sich eine Pipeline-Firma zu derartig weitgehenden Risiko-Übernahmen entschlossen:
- Die deutsche Eni-Tochter "Südpetrol" übernimmt die Haftung für sämtliche Schäden, die bei einer Leckage der Leitung am Bodensee entstehen können.
- Für sämtliche diesbezüglichen Haftungsverpflichtungen der Südpetrol übernimmt die italienische Eni-Tochter "Snam" ihrerseits eine unbeschränkte Bürgschaft.
Triumphierte Baden-Württembergs Innenminister Dr. Hans Filbinger vorige Woche: "Diese Verträge sind in ihrer Art einmalig." Denn: "Durch die einschneidenden Haftungsverpflichtungen wird die Eni selbst zur Hauptinteressentin am Schutz des Bodensees gegen Ölgefahr."
Vorsorglich sollen zwei "Verteidigungslinien" aufgebaut werden, wie der Seeoffizier a.D. Filbinger formuliert. Als Wasserschutztrupp steht eine "Ölwehr" bereit. Und in den Bodensee-Wasserwerken sollen mit finanzieller Unterstützung der Eni Anlagen installiert werden, die ölhaltiges Wasser angeblich wieder in "einwandfreies Trinkwasser" verwandeln können.
Schon auf schweizerischem Gebiet mußte sich die Eni dazu bereit finden, durch ein kompliziertes System von Ventilen, Schiebern, Sicherheitstanks, Doppelwandrohren, Druckreduzierungsanlagen und anderen technischen Raffinessen ihre Leitung abzusichern.
In Baden-Württemberg und Bayern kosteten die ursprünglich nicht geplanten Zusatz-Installationen 80 Millionen Mark - ein Aufwand, den die Italiener treiben, um ihre seit neun Monaten arbeitende Raffinerie bei Ingolstadt
endlich mit Öl aus eigener Leitung versorgen zu können.
Mit dem Vertragsabschluß ist für die Eni-Leute das Bodensee-Problem gelöst - für die baden-württembergische Landesregierung hingegen noch nicht: Im Stuttgarter Landtag brütet ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß darüber, ob "Minister oder nachgeordnete Dienststellen ... beigetragen haben, daß für die Trasse der Ölleitung der Eni nicht eine für den Bodensee ungefährliche Strecke gewählt worden sei. Eni-Pipeline: Schieber im Öl

DER SPIEGEL 45/1965
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