03.11.1965

MOMMSENMitten aus dem Leben

Immer wenn in Deutschlands Industrie der Sessel eines Generaldirektors vakant war, hieß es, Ernst Wolf Mommsen, 55, bekäme den Job. Der Chef-Kaufmann des Düsseldorfer Röhrenkonzerns Phoenix-Rheinrohr AG galt als kommender Chef der AEG, des Salzgitter- und des Veba-Konzerns. Doch die Gerüchte um Mommsen ("Diese Liste ist in keiner Weise vollständig") bestätigten sich nie.
Dieser Tage erklomm Mommsen den Chefstuhl in einem Unternehmen, an das niemand gedacht hatte: in seinem eigenen. Mommsen wurde zum Vorstandsvorsitzer der Phoenix-Rheinrohr AG bestellt, der er seit mehr als einem Jahrzehnt dient. Seine Beförderung macht nicht einmal einen Umzug erforderlich. Mommsen bleibt, wo er immer saß: in seinem basttapezierten Büro im 19. Stock des Thyssen-Hauses am Düsseldorfer. Hofgarten.
Erst ein Kapital- und Personal-Revirement in der Röhrenschmiede machte Mommsen den Weg ins Manager-Paradies frei. Seit dem Sommer 1957 gab es bei der Phoenix-Rheinrohr, deren Aktienmehrheit bei der Familie Thyssen liegt, keinen Generaldirektor mehr. Damals mußte das Gelsenkirchner Naturereignis Fritz-Aurel Goergen - er hatte den Konzern geschmiedet - nach Differenzen mit den Thyssens und dem Aufsichtsrat gehen.
Fortan regierte in Goergens Reich ein sechsköpfiger Kollegial-Vorstand, in dem der Chef-Kaufmann Mommsen und der Cheftechniker Dr. mont. Hermann Th. Brandi in eine Patt-Stellung gerieten. Der Aufsichtsrat des Konzerns konnte den einen nicht befördern, ohne den Weggang des anderen zu riskieren.
Im Spätsommer 1964 hatte die August Thyssen-Hütte AG (ATH), an der ebenfalls die Thyssen-Familie maßgeblich beteiligt ist, 97 Prozent des Phoenix-Kapitals übernommen. Als Generaldirektor Hans-Günther Sohl im Mai dieses Jahres den Stahl-Chefkoch Hermann Brandi zu sich in die Trustzentrale zog, war Mommsens Weg zur Spitze frei.
Schon bevor Mommsen den letzten Hupf nach oben tat, hatte er Fäden überall dorthin gespannt, wo es sich zu ziehen oder zupfen lohnt. Mommsen sitzt in mehr als 15 in- und ausländischen Aufsichts- und Beiräten sowie in den Vorständen von Wirtschaftsvereinigungen und -ausschüssen. Seit zwei Jahren wirkt er auch noch ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzer des Rationalisierungs-Kuratoriums der Deutschen Wirtschaft (RKW). Sein Name fehlt schließlich nicht, wenn es um West-, Ost- oder Interzonenhandel geht. Ob in San Francisco eine Handelskonferenz oder in Moskau eine Chemiemesse abgehalten wird - Mommsen ist immer dabei. Lediglich seinen Urlaub verbringt er abseits - in einer Schweizer Blockhütte oder einem ihm gehörenden alten Turm auf der griechischen Mittelmeer-Insel Rhodos.
Nordrhein-Westfalens durchweg erdverbundene Industrieführer haben es ihrem Kollegen Mommsen nie verübelt, daß der Historiker und Nobelpreisträger Theodor Mommnsen sein Großvater war. Auch den Umstand, daß Alfred Weber, Begründer der modernen Standortlehre, und Max Weber, Sozialökonom und Religionssoziologe, seine Onkel waren, hat man Mommsen im Revier nie fühlen lassen.
Daß Ernst Wolf aus anderem Stoff als die spekulativen Geister-seiner Vorderen gewirkt war, wurde freilich schon früh offenbar. Der letzte Sohn des letzten Privatarztes des letzten deutschen Kaisers blieb in der Schule einmal sitzen. Sein Hobby war das Basteln von Radios, eine Fertigkeit, in der ihn Manfred von Ardenne, heute Ulbrichts Elektronen -Hennecke, einst unterwies.
Auf dem Sterbebett gab der kaiserliche Arzt und Geheimrat Mommsen seiner Familie, die er bei einem Glas Mosel um sich versammelt hatte, den Rat, Ernst Wolf nicht Medizin studieren zu lassen.
Der Junge finanzierte sein Jura-Studium mit dem Verlöten von Radioteilen bei der Berliner Elektrofirma Nora, als Autor beim "Berliner Lokal-Anzeiger" (Mommsen: "Ich schrieb Geschichten mitten aus dem Leben") und als Fremdenführer in Heidelberg zwischen Philosophenweg und Großem Faß.
Eine kleine Erbschaft nutzte der Werkstudent zum Kauf einer Aktie von Mannesmann - jenes Konzerns, der ihm heute die härtesten Konkurrenzgefechte liefert. Mommsen: "Ich besitze die Aktie heute noch, weil ich sie für gut halte."
Als Gerichtsreferendar verdingte sich der unbegüterte Mommsen - zeitweilig lebte er von öffentlicher Unterstützung - nach Feierabend bei einem Anwalt, der nebenbei den Briefkasten-Onkel für Tante-Klara-Zeitungen machte. Für ihn beantwortete Ernst Wolf Mommsen Streitfragen über Mieten, Alimente, Pfändungen und andere Rechtsprobleme aus dem Hinterhof.
Sein Assessor-Examen fiel so gut aus, daß ihn der Staatssekretär im preußischen Justizministerium, der spätere Volksgerichtshof-Präsident Roland Freisler, zu sich ins Amt holen wollte. Mommsen heute: "Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und lehnte ab."
Doch auch Anwalt wollte er nicht werden. So kündigte Mommsen sehr zum Kummer seiner Familie seine mit 2000 Mark dotierte Stelle bei einem Anwalt und wurde für ein Gehalt von 600 Mark Angestellter des Reichsverbandes der deutschen Industrie in Berlin; sein Arbeitsgebiet waren Kartelle, die in der Führer-Wirtschaft ins Kraut schossen. In der Kartellküche der deutschen Industrie legte der Assessor den Grundstein für seine spätere Karriere an Rhein und Ruhr.
Zu Beginn des Krieges stellte der Reichsverband Mommsen uk. und ins Rüstungsministerium ab, wo er an Organisationsplanen für die Kriegsindustrie basteln durfte. Einer seiner Kollegen war der spätere Werftindustrielle Willy Schlieker, der gefallene Engel des Wirtschaftswunders. Rüstungsminister Albert Speer beauftragte Mommsen kurz vor Kriegsende, Hitlers "Verbrannte Erde"-Erlaß zu sabotieren. Speers Bevollmächtigter sorgte dafür, daß in Oberschlesien keine zivilen Versorgungsanlagen zerstört wurden.
Einem Standgericht der Wehrmacht entkam er, den MG-Garben eines alliierten Tieffliegers nicht. Mommsen: "Die Narbe an meiner rechten Wange ist kein Schmiß, sondern eine Verwundung."
Nach einem Zwischenspiel mit hartem Lager in alliiertem Gewahrsam ließ man Mommsen Anfang 1946 mit der Auflage laufen, keine Tätigkeit zu übernehmen, bei der Mehr als 300 Mark im Monat zu verdienen sei. Für diesen Kurs trat er In die Geschäftsführung einer Hamburger Firma ein, deren Inhaber laut Besatzer-Bescheid überhaupt nicht arbeiten durfte.
Auf Düsseldorfs Straßen traf Mommsen alte Kameraden aus dem Reichsverband. Sie baten ihn, eine Ersatz-Organisation für die mittlerweile verbotenen Stahlkartelle aufzubauen. Der Fachmann für derlei Sachen kartellierte nicht: "Ich komme gerade aus dem Kittchen. Soll ich wieder rein?" Dann nahm er den Posten des Geschäftsführers der Walzstahl-Vereinigung an, die alle westdeutschen Stahlfirmen berät.
Er blieb es nicht lange. Bald war er Chef der Klöckner - Drahtindustrie GmbH, wenig später stellvertretendes Vorstandsmitglied der Klöckner-Werke in Duisburg und schließlich ordentliches Vorstandsmitglied der Rheinischen Röhrenwerke.
Nach diesem Aufgalopp begann für Mommsen eine harte Zeit: Fritz-Aurel Goergen, damals Chef des Hüttenwerks Phoenix, zog die Rheinischen Röhrenwerke an sich und verschmolz beide Firmen zum Phoenix-Rheinrohr-Konzern.
Die Vorstandskollegen hatten von da an nichts mehr zu melden, weil "Prinz Aurel" es vorzog, mit alerten jungen Mitarbeitern, seinem sogenannten Küchenkabinett, zu regieren. Mommsen: "Solange Goergen da war, lebte ich im permanenten Kündigungszustand." Mitte 1957 war die Leidenszeit vorbei, der Generaldirektor Goergen selbst mußte gehen.
An seine Stelle trat der sechsköpfige Kollegialvorstand mit Mommsen als Verkäufer und Brandi als Techniker. Die Rohstahlproduktion stieg von 2,4 Millionen Tonnen 1957 auf 3,4 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr, der Umsatz von 1,6 Milliarden Mark auf 1,9 Milliarden Mark und die Zahl der Beschäftigten von 30 000 auf 32 600.
Daß er nur einer unter sechs Chefs war, minderte Mommsens Selbstbewußtsein zu keiner Stunde. Stets sprach er, wie ein Eigentümer, von meinen Hüttenwerken", und solange die Gilde der Bergbau-Assessoren die Creme der deutschen Wirtschaftsführer stellte, setzte Mommsen vor seinen Namen stets das Assessoren-Kürzel "Ass.". Erst als der Bergassessoren-Glanz erloschen und er selbst mit dem Ehrendoktor-Titel bekränzt worden war, ließ er die drei Buchstaben fort.
Seit Anfang Oktober dieses Jahres aber kann Dr. rer. pol. h. c. Ernst Wolf Mommsen nicht einmal mehr von "meinen" Hüttenwerken sprechen. Thyssen-Chef Hans-Günther Sohl gliederte die Rohstoff-Basen der Phoenix-Rheinrohr AG seinem ATH-Trust an, um alle Stahlbetriebe straffer und rationeller führen zu können.
Phoenix-Rheinrohr verfügt jetzt nur noch über Röhrenwerke und Verarbeitungsbetriebe mit etwa 25 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 1,4 Milliarden Mark. Ernst Wolf Mommsen befehligt sie, wie es das Ernennungsschreiben des Aufsichtsrats bestimmt, als "Vorsitzer des Vorstandes". Den klangvolleren Titel "Generaldirektor" kann Mommsen nicht führen. Er steht nur Hans-Günther Sohl, dem Boß des Thyssen-Trusts, zu.
Neuer Phoenix-Rheinrohr-Chef Mommsen (3. v. r )in Moskau: Der Weg zur Spitze ...
Thyssen-Cheftechniker Brandi
... war acht Jahre blockiert
* Am Mannesmann-Stand auf der Chemie-Ausstellung, September 1965.

DER SPIEGEL 45/1965
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