03.11.1965

KOMMUNISTENSchweigen ist feige

Wider den Geist der Versöhnung, der nach dem Willen Pauls VI. das Zweite Vatikanum beherrschen soll, rebellierten 450 Konzilsväter. Sie unterzeichneten eine Bittschrift an den Heiligen Vater, in der "eine eindeutige und feierliche Verurteilung des Kommunismus" durch die Versammlung der Kirchenoberen gefordert wird.
Hauptverfasser des Brandbriefes ist der Oberhirte der italienischen Zwergdiözese Segni, Luigi Carli, 50, der sich wiederholt als Eiferer gegen die Judenerklärung hervorgetan hatte (SPIEGEL 25/1965). Carli: Wenn das Konzil schon über "Hunger, Krieg, Bevölkerungswachstum und Pille" spreche, dann dürfe es "das Phänomen des Kommunismus nicht ignorieren".
Bischof Carli und sein Gefolge möchten den Bannstrahl erneuern, den Pius XII. vor 16 Jahren gegen die Kommunisten schleuderte, als er jedem die Exkommunikation androhte, der den roten Lehren anhängt oder sie verbreitet. Die klerikalen Eiferer wissen sich einig mit mächtigen Kirchenfürsten, wie dem Kurienkardinal Ottaviani.
Johannes XXIII. hielt den Bannstrahl seines Vorgängers für untauglich und ignorierte ihn. Er empfing Chruschtschows Schwiegersohn Adschubej und deutete in seiner Enzyklika "Pacemin terris" die Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen Marxismus und Kirche an.
Die Koexistenz-Politik des Roncalli -Papstes milderte in den Ostblockländern die Spannungen zwischen Kirche und Staat, spielte den italienischen Kommunisten jedoch viele Trümpfe zu. Die Partei Togliattis pries Johannes als den "Papst der Versöhnung", und KP -Funktionäre schmückten ihre Wahlreden mit Zitaten aus päpstlichen Ansprachen.
Paul VI. schwankte nach der Besteigung des Petri-Stuhls lange Zeit zwischen Koexistenzlern und Kalten Kriegern, entschied sich dann aber für die Politik seines Vorgängers. Durch seinen Ostkontakter, Monsignore Agostino Casaroli, ließ er diplomatische Fäden nach Budapest, Prag und Warschau spinnen und ein Vorkonkordat mit Ungarn abschließen. Mit Jugoslawien verhandeln Prälaten des Vatikans zur Zeit über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen.
Den Kommunisten Italiens zeigte Paul VI. wiederholt, daß er sie als Gesprächspartner akzeptiert. Er
- schloß den sterbenden KP-Boß Palmiro Togliatti in sein Gebet ein;
- sagte zu Vertretern des KP-Blattes "L'Unità", das jeden Morgen auf seinem Frühstückstisch liegt: "Wir müssen noch viele gute Dialoge führen."
In Rom gilt als sicher, daß der Kirchenmonarch den sowjetischen Außenminister Gromyko während dessen Rom -Visite im Januar - inoffiziell - empfangen wird, um mit ihm über die Lage der 50 Millionen Katholiken im Ostblock zu sprechen. Es wäre die erste Begegnung eines Papstes mit einem russischen Regierungsmitglied.
Die antikommunistische Bittschrift des Bischofs Carli ist nicht nur ein Schuß gegen die Koexistenz-Politik Pauls VI., der im nächsten Mai den Eisernen Vorhang durchbrechen und ins kommunistische Polen reisen will: Der Oberhirte von Segni möchte den Papst, dem ein Hochhuth-Komplex nachgesagt wird, in einen Gewissenskonflikt stürzen: Wie man heute Pius XII. zu Unrecht vorwerfe, er habe nicht gegen die Nazis und für die Juden Stellung bezogen, so könne morgen das Zweite Vatikanum mit gutem Grund angeklagt werden, nichts gegen den Kommunismus getan zu haben.
Dem Eiferer Carli antworteten jetzt mehrere hohe Kirchenfürsten, so
- Hollands Kardinal Alfrink: "Was am Kommunismus verurteilt werden muß, ist wiederholt verurteilt worden. Es ist nicht nötig, eine neue Verurteilung auszusprechen."
- Kardinal Maximos IV., Patriarch von Antiochien: "Wir brauchen keine banale Verurteilung, sondern den Geist des Evangeliums, um uns vom Atheismus zu befreien."
Polens Kardinal Wyszynski machte deutlich, daß die Katholiken in den Ostblock-Staaten kein neues Kommunisten-Verdikt wünschen, wie Carli in seiner Petition behauptet. Wyszynski: "Wenn wir schon von Verurteilung reden, dann müssen wir den liberalen Kapitalismus ebenso verdammen wie den atheistischen Kommunismus."
Bischof Carli
Hunger, Krieg, Pille

DER SPIEGEL 45/1965
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