03.11.1965

MICHELANGELIBim-bam-bum

Am Fenster saß eine Amsel und pfiff
Motive aus Beethovens Klaviersonate Opus 111 in c-Moll. Ihr Lehrmeister: der italienische Pianist Arturo Benedetti Michelangeli, 45.
Die Kunst der Amsel war Ergebnis langen Hörens; denn meist kam der Vogel geflogen, wenn der Künstler die zwei Beethoven-Sätze (nach Thomas Mann die bedeutendste Klaviersonate) in seinem Haus in Brescia übte - so
erzählte Michelangeli. Er übte fast zehn Jahre lang.
In dieser Woche spielt er Opus 111 vor Menschen. Die Beethoven-Sonate ist Kernstück eines Klavierabends in der Berliner Philharmonie, wo der Italiener auch noch als Solist in zwei Karajan-Konzerten auftritt - Michelangelis erstem Deutschland-Gastspiel nach dem Kriege.
Ausnahmsweise konzertiert der Pianist nicht auf seinem eigenen, sonst stets auf Tournee mitreisenden Flügel (Michelangeli: "Von Oistrach verlangt auch niemand, daß er auf der Geige von Isaac Stern spielt"); den Ausweich "Steinway" läßt er jedoch von seinem eigens nach Berlin gereisten Vertrauensmann Cesare Augustus Tallone stimmen.
Daß der in Fachkreisen als Spielgenie hochgeschätzte Benedetti Michelangeli während der letzten 15 Jahre nur selten in Konzertsäle fand, erklärt er einmal mit einer mysteriösen Krankheit, dann mit Lustmangel oder dem Dauer-Training an Beethovens Opus 111.
Doch trotz der erklärten Absicht, die "verabscheuungswürdige Welt der Manager, Journalisten und des Publikums" zu meiden, kündigte der arrogant-individualistische, stets mit einem Rollkragen-Pullover bekleidete Instrumentalist immer wieder Konzertreisen an. Wenn alle Eintrittskarten verkauft waren, sagte er wieder ab. "Er ist", schrieb "Time" nach einem geplatzten Amerika-Gastspiel, "wie ein großer Fisch, den man manchmal zu Gesicht bekommt, aber nie an die Angel."
Wenn dann ein Konzert-Agent, wie der Pariser Prominenten-Impresario Jacques Leiser, den Fang doch macht und dem Publikum einen gelösten Michelangeli ans Klavier setzt, "dann wird er von keinem Pianisten der Welt übertroffen, dann ist er noch kräftiger und jünger als Artur Rubinstein, noch nobler und stilsicherer als Claudio Arrau, noch rhythmischer und intelligenter als Friedrich Gulda und gewiß technisch so perfekt wie Vladimir Horowitz" - so der Piano-Kritiker Joachim Kaiser nach einem Michelangeli-Konzert während der Salzburger Festspiele 1965.
Getrübt werden die Darbietungen des blendenden Italieners allerdings, wenn der Meister in Wintermantel oder Sportjackett spielt oder, um rechtzeitig zu einem Rendezvous zu kommen, eine Programmfolge von Beethoven, Schumann und Brahms in forciertem Tempo herunterdonnert - Werke, die er jahrelang pingelig einstudiert hat.
Denn anders als die leicht lernenden Konkurrenten Swjatoslaw Richter und Claudio Arrau, die fast die gesamte Klavierliteratur in Kopf und Fingern haben, begnügt sich Michelangeli mit einer Auswahl von Ravel, Brahms, Chopin, Schumann, Beethoven, Mozart und Scarlatti. "Von seinen Scarlatti -Sonaten", befand die "Süddeutsche Zeitung", "kann man nur noch schwärmen."
Ins Scarlatti-Spiel, das den meisten anderen Pianisten schwer von der Hand geht, hatte sich Michelangeli einst in einer Zelle versenkt. Er war in das Franziskanerkloster von La Verna, südlich von Florenz, eingetreten, als sein Vater ihn aus der Pianisten-Lehre in die Diplomaten-Karriere abdrängen wollte. Nach einem Jahr klösterlicher Enthaltsamkeit stieg er vom Chorgestühl
in den Sitz eines Lancia-Sportwagens und fuhr mit 220 Stundenkilometer in die profane Welt zurück. Einen Ferrari -Rennwagen, gibt Michelangeli an, trieb er einmal auf "wirklich 297 Stundenkilometer" Spitze.
Zwischen den Autorennen orgelte er, immer wieder gegen Entgelt, in Kirchen. Erst als der sportliche Künstler aus dem Kriegsdienst heimkehrte - er steuerte ein Flugzeug und kletterte als Alpini -, überwand er die letzte Hemmung vor dem Klavier. Michelangeli: "Es machte mir lange Zeit zuviel bim-bam-bum." Seine Karriere begann.
Michelangelis Aufstieg durfte die Schallplattenindustrie indes nicht festhalten. Der Künstler, von der Wiedergabequalität der Aufnahmen unbefriedigt und vom Honorar enttäuscht, bespielte in den letzten 20 Jahren nur vier Langspielplatten*. Michelangeli: "In Zukunft gehe ich nur gegen Vorkasse ins Studio."
Nach diesen Schallplatten-Erfahrungen und den ersten hochgerühmten Konzerten zog sich der vitale, publikumsscheue Klavierspieler nach Bozen zurück und gründete eine Pianistenschule. Dort unterweist er unentgeltlich etwa 40 junge Frauen und Männer am Klavier - und auch in Lebens- und Kochkunst.
"Viele von seinen Schülern", schrieb die "Saturday Review", "haben früher bei anderen berühmten Pianisten viel Geld bezahlt, ohne etwas Wesentliches zu lernen."
Michelangeli, der sein Institut aus Gagen finanziert (pro Abend 15 000 Mark): "Ein altes italienisches Sprichwort sagt: 'Wer alles vergebens versucht hat, kommt eben zum guten Jesus.'"
* "Benedetti Michelangeli": Electrola ASDQ 5257 und Electrola QBLP 1044; je 25 Mark, "L'Arte di Benedetti Michelangeli": Electrola QALP 10 341; 25 Mark. "Arturo Benedetti Michelangeli": Decca SXL 21 109-B; 21 Mark.
Pianist Michelangeli
"Kann man nur noch schwärmen"

DER SPIEGEL 45/1965
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