03.11.1965

ALTE AUTOSSeltsam transatlantisch

Peter Wilson, 52, Chef des Londoner Auktionshauses Sotheby, versteigerte bislang Romantiker, Gotiker, Renaissance- und Barockbilder. Am Freitag dieser Woche wird er erstmals Autos verkaufen - Kraftwagen aus den Jahren vor 1904 (wahre Veteranen), 1904 bis 1918 (Edwardier), 1919 bis 1930 (Vintage) und 1931 bis 1942 (Nach-Vintage). Neuere Automobile sind noch nicht kategorisiert.
Im größten Auktionshaus der Welt werden von nun an jährlich zweimal alte Autos unter den Hammer kommen. Wilson: "Ich habe mich überzeugt, daß alte Autos genauso als Werke der schönen Künste betrachtet werden müssen wie Bilder und Skulpturen."
Wilson ist überzeugt worden. Die Auktions-Idee war dem Geschäftsmann, Kunstliebhaber, Mitglied der staatlichen Kommission für Museen und Galerien und konservativen Politiker John Smith, 42, gekommen, als er im Aufsichtsrat von Rolls-Royce saß. Smith besprach sich mit dem Werbemann Stanley Clark, der schließlich Sothebys Wilson für die Auto-Aktion begeisterte. Fachlich beraten ließ sich das Haus Sotheby von Michael Sedgewick, dem Kurator des Verkehrsmittelmuseums in der Zisterzienserabtei bei Southampton, wo Baron Edward John Barrington Douglas-Scott-Montague of Beaulieu schon vor Jahren 700 alte Fahr- und Motorräder und Autos versammelt hatte.
So nahm Wilson in den Versteigerungskatalog auch einen Kinderwagen aus dem 18. Jahrhundert, Dreiräder mit zwei Sitzen und ein 1914er Motorrad, das im Ersten Weltkrieg "lobenswerte Dienste leistete", auf.
Attraktion sind 52 Autoveteranen bizarrer Bauart und mit beachtlichen Besitzer-Stammbäumen: Bei einem "Sunbeam" (Jahrgang 1903, Schätzpreis: 16 000 bis 22 000 Mark) wird das Dach von Lederriemen gehalten, bei einem Hispano-Suiza. (Jahrgang 1921, Schätzpreis: 20 000 bis 22 000 Mark) spricht der Katalog von einem "seltsam transatlantischen Aussehen".
Die Austernschalen-Farbe eines Rolls -Royce (Vintage-Epoche) wurde aus zerriebenen Heringsschuppen gerührt. Von einem anderen Rolls-Royce erhofft Auktionär Wilson den höchsten Preis: Der "einzigartige" (Katalog) Wagen ist ein "Silver Ghost" (Silbergeist), der 1911 für einen indischen Maharadscha spezialgefertigt wurde. Er soll bei der Auktion 90 000 bis 110 000 Mark bringen.
Auf zwei Sonderangebote mußte Wilson einstweilen verzichten. Eine angeblich für Hitlers Außenminister Ribbentrop gebaute siebensitzige Mercedes -Benz-Limousine mit Holzspeichenrädern (1935) stand schon im Katalog. Aber der Besitzer - ein anonymer Engländer - hatte einen Unfall und konnte die notwendigen Formalitäten nicht erledigen.
Zusammen mit einem Auto, das einst Kaiser Wilhelm II. gehörte und nun in einer holländischen Garage steht, wird die Ribbentrop-Droschke im Frühjahr versteigert.
Wilson erwartet, daß seine erste Auto-Auktion am Freitag in der Halle von Earl's Court - wo alljährlich die Londoner Auto-Ausstellung stattfindet - einen Umsatz von 700 000 Mark bringen wird.
Der Versteigerer selber teilt die Leidenschaft seiner künftigen Kunden nicht: Wilson fährt eine herkömmlich zeitgenössische Rover-Limousine, Jahrgang 1964.
Rolls-Royce Jahrgang 1911: "Ein Werk der schönen Künste"

DER SPIEGEL 45/1965
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