24.11.1965

RÄUBER-AUSGABENGold aus der Zahnlücke

Panamas Posthorn ist kein Füllhorn der Philatelie mehr. Die Weltunion der Briefmarkenfreunde, die Federation Internationale de Philathélle (Fip), setzte eine große Anzahl Panama-Marken auf die Indexliste der schädlichen Ausgaben; 50 Millionen Sammler in aller Welt sollen den Kanalstaat zwingen seine Postpolitik zu ändern.
Die Panama-Marken dürfen auf keiner Ausstellung mehr gezeigt werden; alle Alben mit den neuesten Panama -Bildchen wurden disqualifiziert. "Das ist unsere Waffe. Wir mußten endlich ein Exempel statuieren", sagt der Säuberungskommissar des Fip-Präsidiums, Pierre Seguy, 44, Industrieberater im Saarland. Panama hat alle seine Neuausgaben en bloc - zu 95 Prozent - einem New Yorker Händler zugeschanzt, der dann durch geschickte Marktpolitik die Preise hochtreiben konnte."
In letzter Zeit war der Weltmarkt der kleinsten Wertpapiere, auf dem jährlich, für mehrere Milliarden Mark Neuerscheinungen umgesetzt werden, immer mehr in die Hände gerissener Geschäftsleute geraten, die mit Postverwaltungen geheime Abmachungen trafen. Besonders die jungen Staaten übertrugen das Emissionsgeschäft internationalen Routiniers, die im engsten Kontakt mit Spezialdruckereien eine Markenserie nach der anderen auflegten.
Oft diente nur ein kleiner Bruchteil als Frankatur; die meisten Druckbogen wurden von den Vertriebsmonopolisten übernommen- und zielsicher gestreut nach der bewährten Börsenregel: Je knapper das Material, je höher der Preis. Außerdem wurden die Verkaufspreise durch sogenannte Räuberausgaben hochgeputscht. Das sind Marken, die - wie die Erstlinge der alten Post um 1850 - mit der Schere aus dem Druckbogen geschnitten werden müssen. Bei jeder Neu-Emission wurde sowohl in Panama wie in Ghana, Togo, Dahormey und Burundi eine kleine Partie auf Anraten der Börsenmanager nicht perforiert. Die Stücke haussierten dann be, sonders hoch.
AnspruchsVolle Philatelisten, die schon jahrelang Marken dieser Länder sammelten, wollten auf die Zahnlosen nicht verzichten, weil ihre Kollektion - sonst nicht vollständig wäre. Deshalb waren sie immer wieder bereit, hohe Preise zu zahlen.
Über den Generalagenten von Burundi kann man zum Beispiel normale Olympia-Gedenkmarken dieses afrikanischen Staates für fünf Mark pro Serie erwerben, die ungezähnten Burundis "Winterolympiade 1964" kosten hingegen 350 bis 400 Mark.
Da die meisten der 35 jungen Staaten, die in den letzten sechs Jahren gegründet wurden, die Räuberpraxis üben, ist das Sammeln der Olympia-Serien immer teurer geworden. Für alle Marken der Welt über das Thema "Olympische Spiele 1960" mußte man etwa 620 Mark aufwenden. Die komplette Olympia-Kollektion 1964 kostet hingegen über 6000 Mark.
Harmloser als die Räuberausgaben sind die extravaganten, farbattraktiven
Luxusausgaben, zum Beispiel überdimensionale Marken in Plakettenform aus goldglänzender Plastikfolie. Wenn man das Schutzpapier auf der Rückseite entfernt, kann man das Wertzeichen trocken auf den Briefumschlag drücken.
Die erste Plastikserie dieser Art - acht Zentimeter breite Marken mit Goldmünzen-Imitationen - wurde vor zwei Jahren im winzigen Südsee-Königreich Tonga gestartet. Ursprünglich kostete die schnell vergriffene 13-Bilder-Serie in Hamburg mit Händler -Aufschlag 24 Mark; heute muß man dafür mindestens 150 Mark zahlen, für die knappen Exemplare einer Teilpartie mit Sonderaufdruck sogar 750 bis 800 Mark.
In diesem Jahr hat die junge afrikanische Republik Burundi eine ähnliche Supermarke aus Goldfolie in hoher Auflage herausgebracht. Zur Zeit ist der Satz (acht Werte) noch für rund zehn Mark zu haben. Viele junge Philatelisten ließen sich von dem exotischen Glanz blenden; sie kauften auch eifrig die Erstlingsausgaben der kleinen arabischen Fürstentümer an der Südostküste des Persischen Golfs, der ehemaligen Seeräuberstaaten, wie Dubai, Ras al Khaimah, Fujairah und Umm al Qaiwain.
Als die Akteure der Papierschnitzeljagd vor einigen Monaten in Düsseldorf ihre Handelsbörse abhielten, erregten sieben redegewandte Orientalen Aufsehen. Sie kurvten mit Luxuswagen über die Königsallee und gaben sich als Prinzen aus dem Morgenland aus. Es waren die Generalagenten der Araber -Scheichs, die in der Markenfabrikation eine neue Einnahmequelle entdeckten.
Auch Indonesiens Präsident Sukarno versucht seit Jahren, seine schwachen Staatsfinanzen durch Manöver an der Briefmarkenbörse zu verbessern. Er bediente sich dabei zeitweise des cleveren Brüderpaares Julius und Henry Stolow, das seine New Yorker und Münchner Firma "das größte Briefmarkenhaus der Welt" nennt.
Die Stolows wirkten vor Jahren an dem größten Briefmarkenbluff des Jahrhunderts mit, dem Handel mit Wertzeichen der legendären Republik Maluku Selatan. Angeblich ließen sie die Marken im Auftrag eines politischen Abenteurers drucken, der für die Süd-Molukken, die Gewürzinseln zwischen Celebes und Neuguinea, die Autonomie erkämpfen wollte.
Der Witzbold richtete in New York ein Konsulat ein und wurde ein reicher Mann, nachdem die Stolow-Brüder 123 farbenprächtige Bildchen in hoher Auflage hatten drucken lassen. Sie sorgten über ihre weitverzweigten Kanäle auch für den Vertrieb. Kurzfristig konnte der Erfinder von Maluku Selatan die dubiosen Wertzeichen sogar in den internationalen Postverkehr einschleusen. "Ein Briefumschlag mit abgestempelten Süd-Molukken-Marken ist heute 506 Mark wert", sagt Henry Stolow in München.
Jahrelang erfreuten sich die von der Wiener Staatsdruckerei mit künstlerischem Pfiff hergestellten Marken des Landes Utopia großer Beliebtheit, bis kritische Fip-Funktionäre endlich feststellten, daß die sagenhafte Republik auf keiner Landkarte verzeichnet ist.
Der Chefkontrolleur der Sammler -Welt-Union, Pierre Seguy, behauptet,
daß die Stolows auch in Panama bei den dubiosen Markenmanövern ihre Hände im Spiel hatten. "Ich habe ihnen aber jetzt durch meine Intervention das Geschäft verdorben", triumphierte der Säuberungskommissar. "Panamas Postminister hat mir versichert, daß die Stolows und ihre Strohmänner jetzt abgemeldet sind. Ich fliege am Monatsende nach Panama und werde mir diese Garantie schriftlich geben lassen. Dann heben wir den Bann vielleicht wieder auf."
Umstrittene Sammlerwerte: Der größte Bluff des Jahrhunderts?
Briefmarken-Händler Henry Stolow
Wo liegt Maluku Selatan?

DER SPIEGEL 48/1965
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