15.12.1965

NOELLE-NEUMANNFrau auf dem Katheder

An der Johannes Gutenberg-Universität zu Mainz kamen am Donnerstag vergangener Woche bislang Benachteiligte zu akademischen Ehren: die Frauen und die Demoskopen.
Als eine der wenigen deutschen Damen im Professoren-Talar und erste Demoskopin an einer bundesdeutschen Universität präsentierte sich Dr. Elisabeth Noelle-Neumann, 48, im Auditorium maximum der Mainzer Alma mater rund 500 Professoren, Studenten und Gästen als außerordentliche Professorin auf dem neu errichteten Lehrstuhl für Publizistik.
In schwarzer Robe mit rotem Besatz hielt die Leiterin des von ihr gegründeten Instituts für Demoskopie in Allensbach am Bodensee, ihre Antrittsvorlesung. Thema: "Öffentliche Meinung und Soziale Kontrolle".
Die Pythia vom Bodensee, gelegentlich als "deutsche First Lady der Demoskopie" apostrophiert und besonders in Wahljahren für bundesdeutsche Politiker das, was die Astrologen für Wallenstein waren, hatte sich während eines Amerika-Aufenthalts im Jahre 1937 den Künsten des Mr. Gallup verschrieben.
Heimgekehrt, promovierte sie 1940 an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität mit ihrem Reiseandenken "Meinungs- und Massenforschung in USA" zum Doktor der Philosophie und wurde später Mitarbeiterin der NS-Wochenzeitung "Das Reich".
Mit "Reich"-Redakteur und Ehemann Erich Peter Neumann gründete sie 1946 die "Gesellschaft zum Studium der öffentlichen Meinung" (Jahresumsatz heute: zwei bis drei Millionen Mark) und durchforschte fortan die politischen Ansichten und Konsumgewohnheiten der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Ein
Lehrauftrag der Freien Universität Berlin ("Einführung in die Methoden der Umfrageforschung") brachte ihr 1961 ersten akademischen Lorbeer und später den Ruf nach Mainz.
Die Professorin Noelle-Neumann stört es dabei nicht, daß sie einer akademischen Minderheit angehört: Von 6407 Professoren und Dozenten waren nach der letzten Zählung des Statistischen Bundesamts nur 147 weiblichen Geschlechts; auf den 2906 besetzten Lehrstühlen saßen gar nur 18 Damen. Und die Meinungsforscherin Noelle-Neumann zeigt sich auch unbeeindruckt von der Meinung deutscher Professoren über Frauen auf Universitätskathedern: Wie in der Untersuchung "Probleme der deutschen Universität" mitgeteilt wird, leiden sie - laut Umfrage unter 138 Professoren und Dozenten -
- "Mangel an intellektuellen oder produktiv-schöpferischen Fähigkeiten";
- "Mangel an physischer Kraft und
Robustheit";
- "Mangel an pädagogischer Wirksamkeit, Überzeugungskraft oder Autorität";
- "Mangel an Ausdauer, Willenskraft und Selbstvertrauen**".
Kommentar der erfolgreichen Meinungsforscherin vom Bodensee: "Solche Meinungen sollte man einfach überhaupt nicht bemerken."
Professorin Elisabeth Noelle-Neumann* Pythia vom Reich
* Bei der Antrittsvorlesung im Auditorium
maximum der Universität Mainz am Donnerstag letzter Woche.

DER SPIEGEL 51/1965
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