15.12.1965

GRASSAufstand der Plebejer

Die Uraufführung", sagte Boleslaw Barlog, Intendant des West-Berliner Schiller-Theaters, "soll wie eine Denkmalsenthüllung sein: Es schadet der Sache, wenn man allen erlaubt, vorher die Pfötchen darunter zu stecken und ein Meckerchen zu machen."
Boleslaw Barlog behütet beflissen, was in seinem Haus erst Mitte Januar enthüllt werden soll: "Die Plebejer proben den Aufstand" - ein "deutsches Trauerspiel" von Günter Graß, 38.
Das Stück von Graß wird wie der Gral bewacht. Zwölf Kopien der "Vorläufigen Fassung, März 1965" gingen im Frühjahr vertraulich an auserwählte Bühnen. Im Sommer las Graß Ausschnitte vor Dramaturgen und Intendanten und bat um Schweigen. Die "Plebejer"-Proben im Gemeindesaal Steglitz - Barlogs Behelfs-Probebühne - finden hinter verschlossenen Türen statt. Und die Probenfassung des Graß -Stückes - vom "Plebejer"-Theaterverlag Kiepenheuer in Berlin inzwischen 300mal an interessierte Theater verschickt - soll kein Unbefugter lesen.
Grollt Graß: "Es handelt sich um ein Theaterstück - ich bitte, die Aufführung abzuwarten."
Die Bitte wurde nicht befolgt. Exemplare der März-Fassung wurden aus den Theatern herausgeschmuggelt - sogar das Zentralkomitee der Ulbricht -SED diskutierte über das Stück. Denn das Graß-Werk handelt von Bertolt Brecht und dem Ost-Berliner Arbeiter-Aufstand am 17. Juni 1953.
In einer Rede war von diesem Stück zum erstenmal die Rede. Am Ende seiner Shakespeare-Laudatio im April 1964 (Titel: "Vor- und Nachgeschichte der Tragödie des Coriolanus von Livius und Plutarch über Shakespeare bis zu Brecht und mir") hatte Graß sein Stück skizziert.
Die Skizze: Während Brecht mit seinem Ost-Berliner Ensemble den Shakespeareschen "Coriolan" probt und klassenkämpferisch umfunktioniert, geschieht in Ost-Berlin das gleiche wie im "Coriolan" - die Arbeiter (Plebejer) erheben sich.
Im Stück weigert sich - Brecht, den rebellierenden Arbeitern eine Resolution zu' formulieren. Er hält den Aufstand für "laienhaft": Die Arbeiter haben weder den Rundfunk besetzt noch den Generalstreik erklärt. Höhnt Brecht: "Es werden die Revolutionäre gebeten, den städtischen Rasen nicht zu betreten."
Statt für die Arbeiter zu formulieren, läßt er sie für sich agieren: Brecht übernimmt Worte und Gesten des Ost-Berliner Arbeiteraufstandes für die Inszenierung seiner römischen Plebejer -Revolte. Die anrollenden Russen-Panzer inspirieren ihn, ein Panzer-Modell (Querschnitt) auf die Bühne zu stellen.
Als der Aufstand gescheitert ist, weigert sich Brecht, einer Ergebenheitsadresse des "Kantatendichters" Kosanke
beizustimmen. Brecht: "Mich liest der Westen mit Vergnügen; der Osten liest Kosankes Lügen."
Brecht schreibt selbst an das Zentralkomitee: Im ersten Teil kritisiert er die Regierung, im zweiten gibt er sich ergeben. Die Regierung, weiß er, wird nur den zweiten Teil veröffentlichen: Brecht ("Gesegnet sei das Kohlepapier") schreibt deshalb einen Durchschlag für den Westen.
Von seiner Ehefrau Helene Weigel im Graß-Stück nach ihrer "Coriolan" -Rolle Volumina genannt - des Opportunismus beschuldigt, geht Brecht aufs Land. Beim Abgang zitiert er - leicht abgewandelt - aus dem Brecht-Gedicht "Böser Morgen": "Ihr Unwissenden! Schuldbewußt klag ich euch an."
Anklagen gegen Graß wurden erhoben, als das März-Manuskript zu abgeneigten Lesern kam. Brecht-Tochter Hanne Hiob, die Brechts Handeln und Umgebung im Graß-Stück falsch wiedergegeben sieht: "Es entspricht nicht den Tatsachen."
In München las es die ehemalige Brecht-Schauspielerin Therese Giehse. In West-Berlin ließ sich Erich Engel, Alt-Regisseur des Ost-"Berliner Ensembles", darüber erzählen: Regisseur Brecht hatte es - so Engel - "nicht nötig", sich für seine Plebejer von Arbeitern inspirieren zu lassen.
"Ensemble"-Mutter Helene Weigel, Brecht-Witwe und -Nachlaßhüterin, las das Stück in Ost-Berlin. Am 1. Oktober - elf Tage vor der Aufführung von Brechts "Leben des Galilei" in Barlogs Schiller-Theater - schrieb sie an Barlog, ob er nicht auf den "Galilei" verzichten wolle. Sie hielt es für "unwürdig" (so schrieb sie), daß Barlog. Brecht und Graß gemeinsam spiele.
Ende Oktober, die "Plebejer"-Proben hatten noch nicht begonnen, wurden erste Proben des Graß-Werkes sogar gedruckt: Die Münchner "Abendzeitung" publizierte Textstellen der März-Fassung - ohne Erlaubnis von Autor und Verlag.
Vierzehn Tage später bekam das Boulevardblatt einen Brief vom Kiepenheuer-Verlag aus Berlin. Inhalt: Die "Abendzeitung" habe das Urheberrecht gebrochen.
Mit einem "freundlichen Brief" bannte "Abendzeitung"-Herausgeber Werner Friedmann die Prozeßgefahr. Und seine Redaktion erfüllte die Kiepenheuer -Bedingung, das Graß-Manuskript nicht weiterzugeben.
Graß hat Gründe, das Stück so geheimzuhalten: Er will Vor-Urteile verhindern. Graß: "Ich halte es für verfehlt, daß Peter Weiss sein Stück vorher veröffentlichte" - die Weiss-"Ermittlung" hatte schon schlechte Kritiken, bevor sie auf der Bühne begann.
Zudem macht Graß sein Stück erst bei den Proben fertig: "Ich laß mich gern von der Probenarbeit her überzeugen. Und wo es notwendig ist, ändere ich auch." Die Probenfassung stimmt mit der März-Fassung nur noch zur Hälfte überein. Die Endfassung gibt der Kiepenheuer-Verlag kurz vor der Premiere aus.
Bei den "Plebejer"-Proben mit Brecht-Darsteller Rolf Henniger zirkulierte ein Bonmot: "Henniger hört den Graß wachsen."
Dramatiker Graß: Was tat Brecht ...
Brecht-Witwe Helene Weigel
... am 17. Juni 1953 ...
Dramatiker Brecht.
... auf der Bühne in Ost-Berlin?

DER SPIEGEL 51/1965
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