29.12.1965

Spielerische Entleerung

Vier Monate brauchten sechs Duisburger Klassen des dritten und siebten Volksschuljahres keine Hausaufgaben für die Rechenstunde zu machen. Ebenso lange waren sechs weitere Klassen der beiden Jahrgänge von der Heimarbeit für das Schulfach Rechtschreiben befreit.
Dann hatte der Pädagoge Bernhard Wittmann den Beweis für seine Hypothese: "Hausaufgaben besitzen keinen materialen Bildungswert, das heißt, Hausaufgaben bewirken keinen Zuwachs an Kenntnissen und Fertigkeiten bei den Schülern." Denn:
- Nach Ablauf der vier Monate waren die Klassen des dritten Schuljahres mit. Rechen-Hausaufgaben (aber ohne Rechtschreibe-Hausaufgaben) im Rechnen nicht besser und in-der Orthographie nicht schlechter als ihre Jahrgangskameraden, die zu Hause zwar Rechtschreibung üben mußten, aber dafür keine Zahlenübung zu absolvieren brauchten.
- Bei den Testschülern des siebten Volksschuljahrgangs waren nach vier Monaten zwar zwei von drei Klassen mit Rechtschreibe-Hausaufgaben besser als die Vergleichsklassen ohne Heimarbeit in Orthographie, aber im Rechnen schnitten alle drei Klassen mit Hausaufgaben schlechter ab als die Klassen ohne Rechen-Hausaufgaben.
Anlaß für die Untersuchung Wittmanns, der die Test-Ergebnise inzwischen auch als Buch vorlegte*, war der Streit über die Nützlichkeit von Hausaufgaben, der seit vielen Jahren zwischen Psychologen, Ärzten, Eltern, Lehrern und Schulbehörden ausgetragen wird.
Die einen - besonders Lehrer und Schulbehörden - befürworten Hausaufgaben, weil sie die Willenskraft der Schüler stärkten, Lehrermangel und Schulraumnot kompensierten und "ein Mittel gegen die spielerische und sportliche Entleerung des geistigen Lebens' (Wittmann) seien.
Die anderen - vornehmlich Ärzte und Psychologen - lehnen Hausarbeiten rundheraus ab: Sie überlasteten die Kinder nervlich, behinderten den nach stundenlangem Stillsitzen in der Schule notwendigen körperlichen Ausgleich, überforderten die Kenntnisse der zumeist um Rat gebetenen Eltern und erfüllten - da Schularbeiten außerhalb der Schule nicht unter den gesetzlichen Schulzwang fallen - strafrechtlich sogar den Tatbestand des "Hausfriedensbruchs".
Wittmann hielt diesen Meinungsstreit für unfruchtbar. Freunde wie Gegner der Hausaufgaben stellen nach seiner Ansicht "nichts als unerwiesene Konstruktionen auf, weil hinreichende empirische Untersuchungen fehlen".
Dazu verhalfen Wittmann nun die Schüler der zwölf Duisburger Volksschulklassen, die freilich selber nicht wußten, daß sie getestet wurden. Wittmann hatte ihnen vorher nichts gesagt, und nur fünfmal innerhalb der vier Testmonate fragten besorgte Eltern in der Schule an, weshalb ihre Kinder zu Hause Pause machen durften: im Rechnen beziehungsweise im Rechtschreiben.
Schule ohne Hausaufgaben - was Wittmann als Fazit seiner Untersuchung zumindest für die Erst- und Zweitklässler fordert - halten freilich auch die meisten Schüler für undenkbar. Eine Befragung, die Wittmann zusätzlich unter 1020 nordrhein-westfälischen Lehrern, 1321 Eltern und 1567 Duisburger Hilfs-, Volks-, Mittel- und Oberschülern anstellte, hatte ein erstaunliches Ergebnis: 96 Prozent der befragten Schüler gaben an, sie hielten Hausaufgaben durchaus für nötig und nützlich.
Wittmann zweifelt allerdings an der Aufrichtigkeit seiner Testschüler: "Vater oder Mutter, aber auch die Lehrperson oder größere Geschwister sagen, Hausaufgaben seien notwendig... Die Kinder übernehmen also fast ausschließlich die Einstellung und Motivierung der Umgebung."
* Bernhard Wittmann: "vom Sinn und Unsinn der Hausaufgaben". Hermann Luchterhand Verlag; 162 Seiten; 16,80 Mark.
Deutsche Schüler bei der Schularbeit
Zu Hause Pause?

DER SPIEGEL 53/1965
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