02.10.1967

PRESSE / „MITTAG“Tod des Fossils

Mit Mini-Mädchen in rotem Schurz und einem alten Feuerwehrauto rückte das Kölner Boulevardblatt "Express" in die Landeshauptstadt Düsseldorf vor. Kostenlos wurden 100 000 Exemplare des "Düsseldorf Express" -- so der neue Titel -- in der Metropole und dem Nachbarort Neuß verteilt.
Das Getöse der Werbe-Feuerwehr ("Tatütata Express ist da") galt rund 285 000 verlassenen Lesern. Denn am 20. September, als die Mini-Mädchen die neue Zeitung (15 Pfennig) anboten, wurde das Düsseldorfer Boulevardblatt "Mittag" (20 Pfennig) eingestellt.
Der Tod des "Mittag" geschah plötzlich und unerwartet. Von einem Tag zum andern gab Verleger Axel Springer, dem die Zeitung zusammen mit dem Düsseldorfer Anton Betz ("Rheinische Post") gehörte, seinen Brückenkopf im Westen auf. Den "Mittag"-Chefredakteur Hermann Rasch "traf es wie ein Blitz".
Springer (60 Prozent der Anteile) und Betz hatten die "Zeitung für Rhein und Ruhr" ("Mittag"-Untertitel) im Jahre 1963 vom Düsseldorfer Verlagshaus Droste für rund eine halbe Million Mark erworben. Das Blatt war Vorposten in einer Springer-Offensive, die damals dem Konzern die Regionalmärkte erobern sollte.
Doch schon ein Jahr später änderte der Konzern die Expansionsrichtung radikal. Er stieß vom Zeitungsmarkt auf den Zeitschriftenmarkt vor, wo sich die Anzeigen der Markenartikelindustrie einsammeln ließen. Diese Pfründe hatte Springer bis dahin vernachlässigt. Neben der Programmzeitschrift "Hör zu" (Auflage heute: 3,9 Millionen) veröffentlichte er nur noch eine ausgesprochene Publikumszeitschrift: die ohne Appeal für Leser und Anzeigenkunden gemachte illustrierte "Kristall", die schließlich auch von Springer eingestellt wurde.
Nun aber, auf neuem Kurs, holte sich Springer auf dem Zeitschriftenmarkt zusammen, was eben zu kriegen war: das Hochglanz-Produkt "Twen" und die "Hör zu"-Schwester "Funkuhr"" die Teenager-Trivialblätter "Bravo" und "Ok" (die später fusionierten) und das Fußball-Blatt "Kicker". Er gründete "Eltern" -- die Zeitschrift "für die schönsten Jahre des Lebens" -- und begann mit der Planung für "Jasmin" ("Für das Leben zu zweit").
Der "Mittag" paßte nicht mehr in Springers neue Marktordnung. Konzernpolitisch blieb das Blatt, das seine Auflage innerhalb von drei Jahren von weniger als 50 000 auf 285 000 steigern konnte und dennoch 20 Millionen Mark Verlust erbrachte, ein Fossil.
Das "Mittag" -Blatt hätte sich nur wenden lassen, wenn versucht worden wäre, dem "Mittag" die lokalen Anzeigenmärkte an Rhein ·und Ruhr zu erobern -- etwa durch Druck von Lokalausgaben. Das aber war problematisch: Einmal hätte Mitverleger Betz seiner "Rheinischen Post" auf diese Weise selber Konkurrenz gemacht. Zum anderen hätte ein Vorstoß in den lokalen Anzeigenmarkt den Unwillen der kleineren Verleger erregt und der gerade entflammten Kritik an Springers Machtentfaltung neue Nahrung gegeben.
So ging der "Mittag" dahin, und "Bild" fand, er sei "für die anderen gestorben" -- ein selbstauferlegtes Opfer scheinbar, wie es die Bonner Kommission zur Untersuchung der "Folgen der Konzentration" für zumutbar hält; sie empfiehlt den Verlegern, "nicht durch überspitzte Wettbewerbsmaßnahmen in den Besitzstand anderer einzudringen".
Und es fügte sich auch, daß die Einstellung des "Mittag" "mit der Jahresversammlung des Verlegerverbandes in Hamburg zusammenfiel. Die Aufgabe des Blattes war, wie die "Süddeutsche Zeitung" erkannte, eine "Morgengabe Springers" an die Verleger und "ein Zeichen für das eigene Wohlverhalten".
Doch noch vor dem Hinschied hatten sich Lebensretter erboten: "Mittag"-Drucker Dr. Manfred Droste, dessen Vater das Blatt 1920 gegründet hatte, und der SPIEGEL-Verlag.
Droste lag daran, den "Mittag" auf eigene Rechnung weiterzuführen, weil der "jährliche Verlust nicht so groß ist, wie der Ausfall des Druckauftrags". Jetzt büßt das Druckhaus rund 4,2 Millionen Mark im Jahr ein. Bei Droste war erst im August eine neue Rotation für den "Mittag" angelaufen, die zusammen mit vertriebstechnischen Verbesserungen mehr als drei Millionen Mark gekostet hatte.
Während Düsseldorfer Gewerkschaftler und Studenten gegen Springer demonstrierten ("Schluß mit der Springer-Diktatur"), reagierte Springer nicht auf Drostes Offerte. Als der Drucker sich auf dem Hamburger Verlegertreffen an den Konzernchef heranpirschte, drehte der glatte Springer dem bärtigen Droste den Rücken. Droste: "Da hatte ich die letzte Gewißheit" daß man nicht mit mir sprechen wollte."
Auch mit dem SPIEGEL -- der unter anderem eine Million Mark sowie die Garantie geboten hatte, das Blatt und mithin "die Arbeitsplätze für wenigstens zwei Jahre zu erhalten -- kam kein Gespräch zustande. Springers Generalbevollmächtigter Christian Kracht schrieb zurück: "Wir haben uns entschlossen, von ihrem Angebot keinen Gebrauch zu machen" (SPIEGEL 40/1967).
Das war die einzige gelassene Reaktion aus dem Konzern. Springer-Direktor Rolf von Bargen beleuchtete die Sache von allen Seiten: Erst war das SPIEGEL-Angebot "nicht seriös" genug, dann wieder war es "nicht interessant". Schließlich behauptete er, die Offerte solle gar nicht beantwortet werden (was Springers Kracht freilich zur gleichen Zeit besorgte). Von Baligen zum Deutschen Industrieinstitut: "Warum sollten wir an Augstein verkaufen, wir würden ja auch nicht an die SED verkaufen."
Dem "Mittag" war nicht mehr zu helfen. Entsatz für die verwaisten Leser bot Springer in den letzten "Mittag"-Ausgaben. Inserate empfahlen: "Sie sollten morgen "Bild" lesen."
Um genau das zu vermeiden, verständigte sich der Kölner DuMont Schauberg Verlag ("Express", "Kölner Stadtanzeiger") mit der Westdeutschen Zeitungsverlagsgesellschaft, einer Tochter des Girardet-Verlags ("Düsseldorfer Nachrichten"). Beide stellten eilends eine Behelfsredaktion zusammen und preschten mit dem "Düsseldorf Express" vor.
Prompt kürzte Axel Springer dem fürwitzigen Kölner Verlagshaus" das täglich bis zu 400 000 Exemplare der westdeutschen "Bild"-Ausgabe fertigt, den Druckauftrag um 70 000 Stück. "Express"-Verleger Alfred Neven Du-Mont: "Eine Art Strafaktion."

DER SPIEGEL 41/1967
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