02.10.1967

AFFÄREN HAMBURGDoller Jux

Die Gäste waren geladen, Bilder zu betrachten. Gekommen waren sie, um Stars zu schauen -- am liebsten Brigitte Bardot. Doch nach zweistündigem Warten erfuhren Sammler, Reporter und Passanten: "Ihr seid hereingelegt."
Am letzten Mittwochabend um 20.30 Uhr gestand in Hamburgs Galerie Commeter der Vermittler und Public-Relations-Agent Karl E. Schmidt, 39, einen "dollen Jux" und Reklame-Bluff: Für die Erstausstellung seines zeichnenden Freundes Egon Possehl, 46, hatte er per Presse-Schlagzeilen viele berühmte Gäste angesagt, die niemals kommen wollten. Erfolg: Zur Eröffnung war der wenig bedeutende und bislang unbekannte Künstler von neugierigen Massen umstellt.
Den Plan zu solcher Kunstförderung hatte Schmidt ("Von Kunst habe ich überhaupt keine Ahnung") an einem Spätsommerabend gefaßt; der wendige Hannoveraner, der im Schatten des Hamburger Springerhauses ein bescheidenes Quartier bewohnt, traf sich, wie öfter, mit Possehl im Lokal "Teestuben" in der Hamburger Schmilinskystraße.
Als er von Possehls schlimmer materieller Lage und seinem Plan erfuhr, bei Commeter sozialkritische Zeichnungen auszustellen, beschloß er, den Zechgenossen "mit irgendeinem Gag über diesen Commeter-Rahmen hinauszuschießen".
Der erste Schuß: Schmidt ließ einen "Bild"-Reporter wissen, ein bekannter amerikanischer Millionär habe den Possehl-Zyklus "Die sieben Todsünden" für 270 000 Dollar angekauft. Und Commeter-Geschäftsführer Franz Riemenschneider fand das Gerücht zu schön, um es zu dementieren. Auf Rückfrage reduzierte er nur die Summe auf 27 000 Dollar.
In Wirklichkeit hatte die Galerie selbst den Zyklus für einen "Sünden"-Lohn von 2000 Mark angekauft, will ihn allerdings weiterverhandelt haben. Riemenschneider letzte Woche zum SPIEGEL: "An einen unbekannten Amerikaner, das Blatt für 1500 Mark."
Um die öffentliche Neugier nach der Verkaufs-Meldung in "Bild" und "Welt am Sonntag" ("Der Ruhm kam über Nacht") weiter zu spornen, ersann der Possehl-Förderer eine lange Liste attraktiver Vernissage-Besucher. So avisierte er BB nebst kunstsinnigem Gatten Gunter Sachs; angeblich im Besitz internationaler Kontakte, wollte Schmidt auf fingierten Auslandsreisen ("Ich bin natürlich nur in meine Kneipe gegangen") durch Anti-BB-Intrigen auch Jeanne Moreau und Claudia Cardinale gewonnen haben. Um gemischte Gesellschaft besorgt, kündigte er ferner Bundeswirtschaftsminister Schiller an ("Ist immer ganz gut, wirkt auch satirisch").
Für den Eröffnungsabend erbat Schmidt dann, um die Menge der Neugierigen zu bändigen, berittene Polizei und bestellte -- zur Abwehr vermuteter SDS-Störaktionen -- Verfassungsschutzbeamte in die Galerie; Verkehrspolizisten, die in schlichtem Blau erschienen, wies Schmidt an, in weißer Montur wiederzukommen.
Ab 18 Uhr drängten Reporter-Rudel, drei TV-Teams und Scharen Schaulustiger in die Galerie, und auch auf der Straße ballten sich Gruppen. Hamburgs Ex-Bürgermeister Nevermann, der sich als Possehl-Lobredner hatte gewinnen lassen, sprach vom Leid der Welt in des Malers Werk; anschließend wurde Wein gereicht.
Um die Erwartungen auf die Bardot zu steigern, gab Schmidt Bulletins heraus ("Sie zieht sich gerede um"), führte Schein-Telephonate in englischer Sprache mit Claudia Cardinale, sprach willig in jedes Mikrophon und zog den Bluff über zwei Stunden hin.
Dann wurden die Fragen dringlicher, die Stimmung erregter. Der bis dahin arglose Galerist Riemenschneider ließ Schmidt fallen ("Das ist nicht unser Stil"), und nun hielt auch der Schelm die Zeit für reif, die Geprellten aufzuklären.
Aufmerksamen Kunstliebhabern hätten die Augen früher aufgehen können -- als Schmidt die Gymnasiastin Iris Berben, 17, mit der Parole "Lauf durch und quatsch englisch" in die Galerie schickte und als Peggy Guggenheim ausgab. Schmidt hatte die Vorstellung, die in Wirklichkeit 69jährige amerikanische Kunstsammlerin sei "eine dufte Mieze".
"Denn sonst", entschuldigt der Kunstförderer seinen "einzigen Regie-Fehler", "hätte ich ja eine alte Oma rangeschafft."

DER SPIEGEL 41/1967
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