20.03.2006

ISLAMISTENTreffen im Hinterzimmer

Fast 40 Moscheen in Deutschland, warnen Verfassungsschützer, gelten als Heimstätten für Radikale - andere sind so gut abgeschottet, dass die Geheimen keinen Zugang finden.
Er wiederholt dieses Wort: "Bedenken", so warnen Nachrichtendienstler, müsse man bei ihm haben. "Bedenken", sagt der Leipziger Imam Hassan Dabbagh und schüttelt den Kopf: "Meine Arbeit ist der Dialog."
Dabbagh schaut aus dem Fenster seiner Moschee auf ein brachliegendes Bahngelände. Schlamm säumt den Weg in das Mietshaus, dessen oberste Etage der Familienvater bewohnt - und in dessen unteren Etagen er vorbetet, unterrichtet und Gäste mit honigsüßem Gebäck bewirtet. Dabbagh ist der bekannteste Imam Ostdeutschlands. Als vor acht Wochen zwei sächsische Ingenieure im Irak entführt wurden, war er beliebter Gast im Fernsehen.
Glaubt man Dabbagh, will er den Islam friedlich leben - auch wenn es ein erzkonservativer Islam ist, den er vertritt, etwa mit strikten Bekleidungsregeln für Frauen und Mädchen.
Glaubt man hingegen deutschen Sicherheitsbehörden, ist Dabbagh eine zumindest fragwürdige Figur. Weil er beispielsweise in belauschten Telefonaten laut Verfassungsschutzprotokollen einen Glaubensbruder beraten haben soll, wie der die Polizei austricksen könne. So etwas sei eben "bedenklich", sagen die Ermittler.
Mit bisher einmaligem Aufwand hat das Bundesamt zusammen mit den Landesämtern für Verfassungsschutz versucht, die Moscheenlandschaft der Republik zu kartieren. Vor der Frage, was von Predigern wie Dabbagh zu halten ist, standen die Beamten Dutzende Male. 39 der schätzungsweise mehr als 2500 islamischen Gotteshäuser in Deutschland haben sie als mögliche Zentren "der Radikalisierung und Rekrutierung" erfasst. Die Zahl macht deutlich, dass nur ein kleiner Teil der Gebetshäuser als Hort des Extremismus gelten - die aber machen den Behörden große Sorgen.
Die fast zweijährige Aufklärungsarbeit hat freilich auch diverse Probleme der Dienste offengelegt: Die geheimen Quellen in den Moscheen sind notorisch unzuverlässig, und mancher Maulheld-Mullah mag zwar gefährlich daherreden, unternimmt jedoch nichts, um Terroristen zu fördern. Vor allem aber: Einige der Vereine haben sich derart abgeschottet, dass die Geheimen kaum verwertbare Informationen bekommen.
Nichts jedoch fürchten die Dienste so sehr wie im Westen aufgewachsene und scheinbar integrierte Muslime, die sich unbemerkt radikalisieren - wie etwa die Attentäter von London, die sich im Juli vergangenen Jahres in die Luft sprengten und dabei 56 Menschen mit in den Tod rissen.
Denn während sich hierzulande die zweite und dritte Migrantengeneration "deutlich seltener in Moscheegemeinden als die erste" organisiere, sagt Faruk S~en, Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, wende sich eine Minderheit junger Männer "eher doktrinären" Vereinen zu. Diese Moscheen knüpften eigene Netzwerke und könnten, so der Verfassungsschutz, "als Radikalisierungs- und Rekrutierungsmärkte fungieren, auf denen islamistische ,Talentspotter' Kandidaten für weiterführende Indoktrination werben können".
So soll der Imam der As-Salam-Moschee in Schwerin an einem Freitag angeblich über den ermordeten niederländischen Filmemacher Theo van Gogh gesprochen haben: Der habe einen "schmutzigen Film über den Islam" gedreht, nun hätten die "Ungläubigen in Holland" am eigenen Leib erfahren, dass mit dem Islam nicht zu spaßen sei. Jeder Muslim würde das Gleiche tun, um seinen Glauben zu bewahren. In der deutschen Simultanübersetzung, so berichtete später ein Zuträger den Verfassungsschützern, habe sich das anders angehört: Ein Dolmetscher habe in gesetzten Worten von Religionen gesprochen, die sich gegenseitig verstehen und tolerieren sollten. Von Mord und Totschlag sei da nicht die Rede gewesen.
Der Vorsitzende des Schweriner Moscheevereins, der deutsche Konvertit Haiko Hoffmann, sagt, er wisse nichts von solchen Vorgängen. Doch die Verfassungsschützer haben eine ganz andere Vermutung: Selbst Extremisten, die offen gegen Ungläubige hetzen, hielten sich in der Sprache des Gastlandes angesichts drohender Abschiebungen lieber zurück - offenbar in der Hoffnung, dass nur Gesinnungsgenossen Arabisch verstehen.
Dass die Arbeit den Nachrichtendiensten schwerfällt, liegt aber nicht nur an der Sprachbarriere. Aufsehenerregende Hasspredigten sind nach den Anschlägen des 11. September 2001 seltener geworden. Extremisten ziehen sich heute eher in Hinterzimmer zurück. Bei privaten Treffen aber müssen die Informanten der Ermittler meist draußen bleiben. Als am ersten Februarwochenende in der Berliner al-Nur-Moschee, einem der Problemhäuser, rund 550 Muslime zu einem Seminar unter dem Titel "Lerne den Islam!" zusammenkamen, registrierte der Staatsschutz zwar die Autonummern der Besucher. Er stellte auch fest, dass mutmaßliche Islamisten teilnahmen - was drinnen besprochen wurde, erfuhren die Beamten aber nicht.
Die "qualitativ und quantitativ unbefriedigende Zugangslage" sei, so analysieren die Verfassungsschützer, "ein Kernproblem". Selbst ausländische Gastprediger wie jener, der in Hamburg vor dem 11. September zu Mordattacken gegen Ungläubige aufrief, bekommen heute oft einen Maulkorb von den Moscheen verpasst.
In den Freitagspredigten höre das Publikum nun häufig "Andeutungen gegen den Westen - die aber alle richtig verste-
hen", sagt ein Nachrichtendienstler: "Nur die Dummen hetzen noch offen."
Trotzdem meinen die Ermittler, ein Bild davon bekommen zu haben, was in den 39 Gotteshäusern passiert, die im Visier sind. 15 dieser Moscheen gelten ihnen als besonders problematisch. Ungeachtet aller Verschleierungspraktiken wollen die Fahnder dort immer noch auf Imame gestoßen sein, die Klartext redeten. So soll in Stuttgart ein Vorbeter dazu aufgerufen haben, Juden und Ungläubige zu töten. In Göttingen propagierte demnach ein Geistlicher den Dschihad im Irak: Die Amerikaner seien "wilde Menschen, die das Blut der Muslime in den Fluss laufen lassen".
In Norddeutschland hetzte ein Imam laut Verfassungsschutz, der Dschihad gegen die Amerikaner sei Pflicht, und wer nicht in den "heiligen Krieg" ziehe, werde von Gott bestraft. Bei der Gelegenheit betete er angeblich für die "Vernichtung der Ungläubigen". Und in seiner Nachbarschaft soll der Extremist gleich um Kämpfer für Afghanistan, Tschetschenien oder den Irak geworben haben.
Bei einer Märtyrer-Arie in München seien die Zuhörer sogar derart bewegt gewesen, so die Späher der Geheimen, dass sie gemeinsam in Tränen ausbrachen. Und einmal habe ein Vorbeter dort ein Bittgebet ausgestoßen, dem zufolge die "Kinder der Ungläubigen verstümmelt werden" sollten. Solchen Botschaften lauschen in Großstädten wie Berlin oder Hamburg schon mal mehr als tausend Muslime.
Das Muster derartiger Hasspredigten ist so simpel wie wirkungsvoll: Gut gegen Böse, Gläubige gegen Ungläubige. Die Muslime sind in dieser Lesart die Opfer, ständig bedroht durch Feinde wie Israel, die USA und deren Verbündete und daher gezwungen, sich zu verteidigen. Das meiste davon sei eher plumpe Hetze für Dummköpfe, bilanzieren die Verfassungsschützer: "Die in den Moscheen vermittelten islamistischen Inhalte bewegen sich durchgängig auf einer Schwundstufe islamistischer Ideologie."
Und vieles von dem, was in radikalen Moscheen gepredigt wird, klingt zwar nicht lebensgefährlich, aber mittelalterlich: Mädchen ab 14 müssten notfalls mit Zwang verheiratet oder zumindest verlobt werden, soll der Imam einer hannoverschen Moschee verkündet haben. In Deutschland sei die Sünde allgegenwärtig, man könne nicht mehr das Haus verlassen, "ohne halbnackte Frauen, Besoffene oder Huren zu sehen". Sein Moscheeverein bestreitet die Vorwürfe und behauptet, sich selbst Anti-Extremisten-Richtlinien verordnet zu haben.
Weil einige der in der ganzen Republik gesammelten Äußerungen schon eine Weile zurückliegen und richtig derbe Töne immer seltener werden, glauben Nachrichtendienstler, hinter der scheinbaren Mäßigung könne ein regelrechter Plan stehen - nach dem Vorbild der weltweit agierenden Muslimbruderschaft. Die hatte sich beispielsweise in Ägypten, wo ihre Anhänger immer wieder verfolgt werden, politisch jahrelang zurückgehalten, im Stillen aber eine strikte Islamisierung vorangetrieben. Imamen, die mittelalterliche Moralnormen verbreiten, sich politisch aber zurückhalten, so ein Verfassungsschützer, könne man schließlich nur schwer etwas anhaben.
Wie in Mannheim, wo ein Vorbeter im Omar-al-Faruq-Center laut Verfassungsschutz geäußert haben soll: "Integration kommt für uns überhaupt nicht in Frage. Wir leben hier, um andere zum Islam zu bekehren, und nicht, um uns den Ungläubigen anzupassen." Der Sprecher des Moscheevorstands, Abdelkader Kallah, sagt, er kenne derartige Aussagen nicht: "Wir sind gegen solche dummen Aussagen. Radikale sind für mich Vollidioten, die den Koran nicht verstanden haben." Wer recht hat, ist kaum zu klären - heimliche Tonaufnahmen aus Gotteshäusern gelten selbst Hardlinern in den Behörden als Tabu.
Extreme Moscheevereine versuchten, so das Fazit der Beamten, eine komplett eigene "Lebens- und Erziehungsumwelt zu
schaffen" - von Feriencamps für Jugendliche bis hin zur Eheberatung. Das Geld dafür stammt meist aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und der Kollekte beim Freitagsgebet. In mehreren Fällen hätten Vereine auch versucht, Geldquellen in Saudi-Arabien zu erschließen. Doch ob "de facto eine saudische Finanzierung stattfindet", das sei schwierig festzustellen.
Gezielt richteten sich solche Moscheevereine an junge Männer wie den Deutschen Thomas Hamsa Fischer, der sich im Neu-Ulmer Multikulturhaus und im benachbarten Islamischen Informationszentrum (IIZ), Ulm, das geistige Rüstzeug für jenen Kampfeinsatz in Tschetschenien angeeignet haben soll, bei dem er schließlich umkam. Der IIZ-Vorsitzende widerspricht, es handele sich bei den Vorwürfen gegen sein Zentrum "um Verleumdungen, für die es keine Beweise gibt".
Neben dem inzwischen geschlossenen Multikulturhaus, so die Geheimen, gelten vor allem das Islamische Zentrum Aachen, die umstrittene König-Fahd-Akademie in Bonn und auch die Leipziger al-Rahman-Moschee Dabbaghs als besonders gut vernetzt.
Warum die Beamten den in ein langes Gewand gekleideten Imam schon länger suspekt finden, wurde in einem Berliner Terrorverfahren deutlich. Dort musste der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, ein seltsames Beratungsgespräch bewerten. Aus Sicht der Ermittler legt das Telefonat die Vermutung nahe, dass Dabbagh die deutsche Rechtsordnung trotz aller Beteuerungen weniger wichtig nehme als religiöse Prinzipien.
Dem Abhörprotokoll zufolge rief ein Glaubensbruder im November 2004 unter der Leipziger Nummer von Dabbagh an und bat um religiösen Rat in brisanter Angelegenheit. Er habe von einem Muslim erfahren, der ein schlimmes Verbrechen geplant habe, und frage sich nun, ob er bei der Polizei gegen den Glaubensbruder aussagen solle. "Unrecht ist bisher nicht passiert, sie haben ihn vorher festgenommen", erklärte der Anrufer. Nun brauchten die Fahnder ihn aber als Zeugen gegen den Mann.
Die religiöse Autorität am anderen Ende der Leitung riet ihm indes dichtzuhalten: "Wer einen Muslim deckt, den deckt Gott am Tag des Jüngsten Gerichts, im Dies- und im Jenseits." Bei einem weiteren Telefonat klang er noch entschlossener und empfahl dem Anrufer, laut Abhörprotokoll, zu behaupten, er könne sich an die Diskussionen mit dem Glaubensbruder nicht erinnern. Daneben solle er die Ermittler mit allgemeinem Palaver ablenken: "Sprich mit denen ein bisschen über den Islam."
Dabbagh bestreitet, dass er die religiöse Autorität am anderen Ende der Leitung gewesen sei. Er nennt den Vorwurf "absurd, vielleicht hat der Verfassungsschutz eine Person mit mir verwechselt". Ohnehin hätten nur manche Sicherheitsbehörden bei ihm "Bedenken", andere wiederum keineswegs. Man wisse eben nicht mehr, was man dürfe und was nicht.
Der Anrufer jedenfalls nahm den Rat ernst. Bei der Vernehmung berichtete er der Polizei wenig über den Verdächtigen. Stattdessen räsonierte er episch darüber, wie tolerant und weltoffen der Islam sei. DOMINIK CZIESCHE, CORDULA MEYER,
HOLGER STARK
* Am 2. Februar in der Leipziger al-Rahman-Moschee beim Gebet für die beiden im Irak entführten Deutschen.
Von Dominik Cziesche, Cordula Meyer und Holger Stark

DER SPIEGEL 12/2006
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