20.03.2006

„Geld ist nicht alles“

Emirates-Chef Scheich Ahmed Ibn Said al-Maktum über die ehrgeizigen Wachstumspläne der Airline und das milliardenschwere Wirtschaftswunder seiner Heimat, das absehbare Ende der Ölvorräte und die Angst vor islamischem Terror
SPIEGEL: Scheich Ahmed al-Maktum, während Ihres jüngsten Deutschland-Besuchs wurden Sie mancherorts empfangen wie ein orientalischer Erlöser. Sie revanchierten sich mit neuen Emirates-Kooperationen und millionenschwerem Sport-Sponsoring. Hatten Sie nur Geschenke im Gepäck oder auch einen Geschäftsplan, wie Ihre Fluglinie in Deutschland Geld verdienen kann?
Scheich Ahmed: Mein ganzer Besuch hier war ein einziger Geschäftsplan, denn wir wollen mehr und mehr deutsche Städte mit Dubai verbinden. Zurzeit sind es mit Frankfurt am Main, München, Düsseldorf und Hamburg vier. Und die Hansestadt ist sehr vielversprechend. Aber natürlich möchten wir irgendwann auch Berlin bedienen. Die Bundesrepublik ist hinter Großbritannien das zweitwichtigste europäische Land. Und - ich mag die Freundlichkeit der Deutschen ...
SPIEGEL: ... was man selten hört ...
Scheich Ahmed: ... aber meiner persönlichen Erfahrung entspricht. Zudem verbringen viele meiner Landsleute ihre Sommerferien gern in Deutschland.
SPIEGEL: Sie haben Emirates 1985 gegründet. Damals soll Ihnen Ihr älterer Neffe, Kronprinz Mohammed, einen Zehn-Millionen-Dollar-Scheck in die Hand gedrückt und gesagt haben: "Hier ist Geld. Gründe eine Airline!" Stimmt die Legende?
Scheich Ahmed: Ja, und das war das einzige Startkapital. Wir fingen mit zwei geleasten Jets an und haben seither nur einmal rote Zahlen geschrieben.
SPIEGEL: Ihre Profitabilität ist umso erstaunlicher, als viele Fluggesellschaften schon seit Jahren kriseln oder bereits in die Pleite stürzten. Emirates-Konkurrenten beklagen, dass weder Ihre Mitarbeiter noch das Unternehmen irgendwelche Steuern zahlen müssen. Das sind doch zumindest indirekte Subventionen.
Scheich Ahmed: Bislang haben sich etwa alle vier Jahre unsere Passagierzahlen verdoppelt. Dieser Erfolg hat wohl kaum mit Steuerfragen zu tun, sondern mit Service und Qualität. Im Übrigen profitieren ja nicht nur wir von den fiskalischen Freiheiten, sondern auch ausländische, auch deutsche Firmen, die sich in Dubai ansiedeln.
SPIEGEL: Emirates gehört Ihrer Herrscher-Familie al-Maktum ...
Scheich Ahmed: ... nein, der Regierung von Dubai ...
SPIEGEL: ... was letztlich aufs Gleiche hinausläuft. Wie unabhängig von der Politik kann so ein Unternehmen handeln?
Scheich Ahmed: Emirates ist unabhängig und muss es auch sein. Wir können und dürfen nicht zum Spielball politischer Entscheidungen werden, auch und gerade wenn es darum geht, ob wir unsere Jets bei Airbus oder Boeing bestellen, ob wir also mit Europäern oder Amerikanern Geschäfte machen.
SPIEGEL: Sie kaufen ohnehin im großen Stil bei beiden ein. Kurz nach den Terroranschlägen
des 11. September starteten Sie die größte Bestellung in der Geschichte der zivilen Luftfahrt in Höhe von rund 15 Milliarden Dollar. Das zeigte nicht nur Geschäftssinn, weil die Jets damals sehr billig zu haben waren. Es war doch auch ein politisches Zeichen, oder?
Scheich Ahmed: Es hatte sicher Symbolkraft - wie damals übrigens auch die Stornierungen anderer Airlines. Mit unseren Orders wollten wir zum Ausdruck bringen, dass wir an die Zukunft glauben - nicht nur die des internationalen Flugverkehrs. Wir versuchen immer, positiv zu denken. Kriselnde Airlines nennen dauernd andere Gründe, weshalb das Geschäft schlecht läuft. Mal ist es der Terror, mal das Sars-Virus, mal der Tsunami, zurzeit sind es die hohen Energiepreise. Das stimmt auch alles. Aber der Tourismus hat sich noch von jedem Problem erholt.
SPIEGEL: Ihre riesigen Jet-Bestellungen gelten als weiterer Beleg dafür, dass Ihre Airline staatlich subventioniert wird.
Scheich Ahmed: Wer finanziert denn diese Deals? Das sind Banken - und zwar keine lokalen, sondern britische, deutsche, japanische, amerikanische. Glauben Sie, die würden uns Geld geben, wenn sie von unserem Geschäftsmodell als Airline nicht überzeugt wären? Wir haben uns diese Glaubwürdigkeit hart erarbeitet.
SPIEGEL: Würden Sie das Unternehmen gern an die Börse bringen?
Scheich Ahmed: Warum nicht? Ich könnte mir eine Emirates AG gut vorstellen. Wenn die Regierung diesen Schritt irgendwann plant, bin ich mir sicher, dass wir eine Menge begeisterter Anleger fänden.
SPIEGEL: Emirates soll die weltweite Nummer eins im Flugverkehr werden, hören wir immer wieder.
Scheich Ahmed: Was den Gewinn angeht, rangieren wir als verhältnismäßig junge Airline schon sehr weit vorn. Aber Nummer eins in welcher Disziplin? Umsatz? Zahl der Maschinen oder Flugsitze? Wir operieren vor allem mit Großraum-Jets. Nur die gewährleisten uns ausreichende Kapazitäten, weil es mittlerweile doch etliche Flughäfen gibt, die an ihre Leistungsgrenze stoßen, was die Zahl ihrer Start- und Landebahnen oder Slots angeht. Da also ist Größe durchaus entscheidend, aber die Größe der Maschinen, nicht ihre Stückzahl.
SPIEGEL: Sie haben allein 43 Riesenflieger vom Typ A380 bestellt, mehr als jede andere Airline der Welt. Wann wird der erste Jet starten?
Scheich Ahmed: Die Auslieferung dürfte sich um ein halbes Jahr verzögern. Aber ich gehe davon aus, dass wir die erste Maschine im April nächsten Jahres bekommen. 24 Stunden nachdem sie in Dubai ist, wird sie wieder abheben.
SPIEGEL: Sie sind nicht nur Chef von Emirates, sondern auch der DAE-Holding, die nach Ihren Worten "eine treibende Kraft der Weltwirtschaft" werden soll. Geplant ist eine eigene Universität, ein gigantischer Flughafen, der rund 120 Millionen Passagiere jährlich abfertigen soll sowie eine eigene Luftfahrtindustrie, für die 15 Milliarden US-Dollar bereitliegen. Wollen Sie Ihre Jets irgendwann womöglich selbst bauen?
Scheich Ahmed: Wir sind sehr ehrgeizig, aber wir gehen Schritt für Schritt vor. Zurzeit sind drei Felder für uns wichtig: Flughafenbau und -betrieb sowie das Leasing-Geschäft rund um die Jets. Für die Zukunft brauchen wir auch Partner, die in Dubai willkommen sind und von denen wir lernen können.
SPIEGEL: Klingt wie Chinas Strategie, alle Investoren erst mal ins Land einzuladen und sich das Wissen dann abzuschauen.
Scheich Ahmed: Der Vergleich hinkt schon deshalb, weil in China über eine Milliarde Menschen leben ...
SPIEGEL: ... während Dubai nur rund eine Million Einwohner hat, aber schon 6,5 Millionen Hotelübernachtungen jährlich. Wäre dieses Wachstum ohne Emirates möglich?
Scheich Ahmed: Dubai und Emirates befruchten sich gegenseitig. Wir wollen uns ja nicht nur als Verkehrsdrehscheibe etablieren, sondern auch als Reiseziel. Die Stadt wuchs quasi aus dem Nichts und entwickelt sich nun zu einer internationalen Handelsplattform, die jedes Jahr mehr Konferenzen und Messen anzieht. Davon profitieren beide Seiten. Aber das bedeutet nicht, dass wir eine Art Monopol haben. Der Himmel über Dubai steht allen offen.
SPIEGEL: Nur - was will Ihr Land eigentlich sein? Touristenparadies? Steueroase? Finanzzentrum?
Scheich Ahmed: Alles zusammen. Uns bleibt auch nichts anderes übrig. Dubai war einst ein kleiner, verträumter Flecken am Persischen Golf. 1966 wurde Öl entdeckt. Aber es war schnell klar, dass es nach rund 50 Jahren zur Neige gehen würde. Wir fördern inzwischen unter 200 000 Barrel pro Tag. Wir sind also ein Zwerg. Die Ölumsätze machen nur noch fünf Prozent unserer Einnahmen aus. Das ist ja auch der Grund, weshalb wir uns frühzeitig nach anderen Erlösquellen umgeschaut haben. Also begannen wir, zunächst den Tourismus zu entwickeln ...
SPIEGEL: ... allerdings nicht gerade für Billigurlauber. Würden Sie Ihr Land oder gar die künstlich aufgeschütteten Inselwelten
vor Ihrer Küste auch dem Massentourismus öffnen?
Scheich Ahmed: Nein, mich interessiert da weniger Quantität als Qualität. Wir wollen unsere Stadt in den nächsten Jahren ja auch zu einem der bedeutendsten Einkaufsparadiese der Erde ausbauen ...
SPIEGEL: ... für die Reichen der Welt, die in Dubai aber bislang kaum Immobilien kaufen können.
Scheich Ahmed: Das hat sich geändert, denn es gibt inzwischen innerhalb der Stadtgrenzen einige Flächen, wo man Häuser oder Apartments kaufen kann. Abgesehen davon: Wie ist das denn bei Ihnen in Deutschland? Ich dürfte Immobilien kaufen, okay ... aber würde der Staat mir deshalb auch gleich ein Visum oder gar die Staatsbürgerschaft anbieten?
SPIEGEL: Lässt sich mit purem Luxus überhaupt noch Geld verdienen? Ihr Vorzeige-Hotel Burdsch al-Arab hat angeblich finanzielle Probleme.
Scheich Ahmed: Ich glaube nicht, dass es für Hotel-Investoren zurzeit eine lukrativere Gegend gibt als Dubai. Gut, das Burdsch al-Arab kann seine Kosten vielleicht nicht in viereinhalb Jahren einspielen. Aber glauben Sie mir: Es verdient Geld ...
SPIEGEL: ... und dürfte für Dubai ähnlich wichtig sein wie der Eiffelturm für Paris.
Scheich Ahmed: Ganz genau. Das Hotel ist ein Symbol. Versuchen Sie mal, all die Gratisgeschichten darüber in Werbebudgets umzurechnen. Selbst wenn es noch Verluste machen würde, wäre die weltweite Strahlkraft dieses Gebäudes doch kaum zu bezahlen.
SPIEGEL: Gerade eröffnete Ihr Nachbar Abu Dhabi das angeblich noch luxuriösere Hotel Emirates Palace. Beginnt da innerhalb der Vereinigten Arabischen Emirate nicht ein riskanter Kampf ums Noch-höher-schöner-Größer?
Scheich Ahmed: Nein, wieso auch? Solche Projekte helfen schließlich durchaus wieder den anderen Scheichtümern. Bei Ihnen in Deutschland käme doch auch niemand auf die Idee, Bayern den Wettbewerb mit
Hamburg zu verbieten, oder? Das ist Marktwirtschaft.
SPIEGEL: Hier versuchen sich aber auch nicht mehrere Bundesländer am Aufbau konkurrierender Airlines.
Scheich Ahmed: Auch die Niederlande sind kein großes Land. Dennoch konnte KLM in Amsterdam eine der größten Verkehrsdrehscheiben Europas aufbauen. Und wir wollen doch keinen Staatsdirigismus nach sozialistischem Muster, oder?
SPIEGEL: Rund 80 Prozent der Einwohner Dubais sind Ausländer. Taugt Ihre Stadt als Beispiel für einen funktionierenden Ost/West-Schmelztiegel der Kulturen?
Scheich Ahmed: Ich denke schon. Wir sind sehr kosmopolitisch, offen und tolerant. Bei uns finden Sie Moscheen wie christliche Kirchen. Das zahlt sich aus.
SPIEGEL: In Ihrer islamischen Nachbarschaft wächst der Argwohn, ob die Vereinigten Arabischen Emirate noch auf dem richtigen Weg sind. Haben Sie keine Angst, Ihr jugendlicher Kapitalismus in Dubai könnte zum Ziel von Terroristen werden?
Scheich Ahmed: (lacht) Weil die am Burdsch al-Arab eine Konstruktion entdecken könnten, die an ein Kreuz erinnert?
SPIEGEL: Weil der Bau für vieles steht, was Muslime argwöhnisch beobachten.
Scheich Ahmed: An unserer Grundeinstellung hat sich in den vergangenen 50 Jahren nichts geändert. Natürlich ist Sicherheit für uns heute ein großes Thema. Aber die ist nicht dadurch gewährleistet, dass an jeder Straßenecke Militärs oder Polizisten mit Maschinengewehren stehen. Sicherheit bedeutet, Dinge zu verhindern, bevor sie zur Bedrohung werden.
SPIEGEL: Es gab auch schon Gerüchte, dass Banken aus Dubai in die Terror-Finanzierung von al-Qaida verwickelt sein sollen.
Scheich Ahmed: Ich wende mich ganz klar gegen jede Art von Terrorismus. Ich denke allerdings, dass es realistischerweise für keine Bank dieser Welt möglich ist, sämtliche Geldströme bei allen Förderprojekten wirklich bis ins letzte Detail nachverfolgen zu können. Und hatten die Hamburger Qaida-Helfer nicht auch Konten bei deutschen Geldinstituten? Machte man die deshalb für die Anschläge mitverantwortlich?
SPIEGEL: Ist es vielleicht ganz gut, dass Dubai nicht auf so riesigen Ölvorräten sitzt? So ging Ihre Familie mit dem Geld zumindest einfallsreicher um.
Scheich Ahmed: Selbst wenn Sie einer reichen Familie angehören, wollen Sie Ihrem Nachwuchs doch nicht nur Geld hinterherwerfen. Denn so wird er immer von jemandem abhängen, der ihn füttert. Er lernt nie, allein zu überleben. So musste Emirates sich von Anfang an den Erfolg selbst schaffen. So muss es auch Dubai.
SPIEGEL: Ist es nicht schwierig, wenn man wie Sie den eigenen Neffen als Chef hat?
Scheich Ahmed: Sie müssten ihn mal bei der Arbeit erleben. Diese Effizienz kann man gar nicht beschreiben. Und wir können einander jederzeit anrufen. Rund um die Uhr. Unsere Hierarchien sind äußerst flach.
SPIEGEL: Flache Hierarchien, freier Markt, Wettbewerb - Sie klingen wie ein westlicher Manager.
Scheich Ahmed: Sind das noch westliche Werte? Ich höre in Russland oder China auch nichts anderes mehr. Das sind doch alles global akzeptierte Ziele geworden.
SPIEGEL: Was bedeutet Geld für jemanden, der davon so viel besitzt wie Sie?
Scheich Ahmed: Man kann dafür vieles kaufen, mitunter auch Menschen. Aber eben nicht jeden. Nein, Geld ist wirklich nicht alles.
SPIEGEL: Scheich Ahmed al-Maktum, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Scheich Ahmed
gehört als Mitglied der Herrscherfamilie des Emirats Dubai zu den reichsten Männern der Welt. Er studierte zunächst in den USA Politik und leitet seit 1985 die aufstrebende Fluggesellschaft Emirates sowie inzwischen auch die Luftfahrtbehörde seines Landes. Zusammen mit seinem - älteren - Neffen Mohammed, dem Herrscher von Dubai, gilt der 47-Jährige als treibende Kraft des gewaltigen Umbaus seiner Heimat vom verschlafenen Wüstennest zur weltweit führenden Finanz- und Tourismusmetropole.
* Thomas Tuma und Dinah Deckstein in Berlin.
Von Thomas Tuma und Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 12/2006
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