20.03.2006

RAUMFAHRT„Astronauten leben gefährlicher als Beamte“

Der deutsche Astronaut Thomas Reiter, 47, über die Verschiebung seines Shuttle-Flugs zur Internationalen Raumstation um weitere zwei Monate
SPIEGEL: Zerrt die neuerliche Startverschiebung an den Nerven?
Reiter: Begeistert bin ich darüber natürlich nicht. Ich saß ja schon auf gepackten Koffern. In den USA sollte jetzt die heiße Trainingsphase vor dem Start beginnen. Andererseits habe ich volles Verständnis dafür, dass die Nasa auf ein Maximum an Sicherheit setzt.
SPIEGEL: Woran lag es diesmal?
Reiter: Mindestens einer der vier Tanksensoren funktionierte offenbar nicht richtig. Diese Messfühler registrieren, wann der Treibstoff zur Neige geht - was dann zur sofortigen Abschaltung der Triebwerke führt. Wenn sich nämlich durch ein Leerlaufen eines Tanks das Treibstoffgemisch plötzlich ändert, kann das zu einem gefährlichen Überhitzen führen.
SPIEGEL: Glauben Sie noch daran, dass es im Juli tatsächlich losgeht?
Reiter: Das Risiko einer Verzögerung bleibt bestehen. Wir haben ja in den letzten Jahren immer wieder erlebt, dass Shuttle-Starts auch kurzfristig um Tage oder Wochen verschoben werden mussten. Da ist es auf der anderen Seite schon beachtlich, wie zuverlässig die Russen das hinkriegen. Pünktlich auf die Minute heben deren Sojus-Raketen ab, um Menschen zur Raumstation zu bringen - aber die Shuttle sind eben auch komplexere und damit störanfälligere Vehikel.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich denn überhaupt sicher an Bord der US-Raumfähre "Discovery"?
Reiter: Definitiv! Ich steige wirklich nicht mit einem flauen Gefühl im Magen ein. Und daraus spricht jetzt nicht die Tollkühnheit eines ehemaligen Bundeswehr-Testpiloten. Ich habe einfach großes Vertrauen, dass die Nasa-Ingenieure alles tun, um ein weiteres Unglück zu verhindern. Im Übrigen weiß jeder von uns, dass Astronauten gefährlicher leben als Finanzbeamte.

DER SPIEGEL 12/2006
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