20.03.2006

BILDUNGSchon wida ferpend

Pädagogen streiten um die rechte Methode, Lesen und Schreiben zu lehren. Neue Studien zeigen: Das beliebte „freie Schreiben“ schadet vor allem den schwächeren Schülern.
Der kleine Vladko Bose*, erste Klasse, nimmt es mit den gefährlichsten Wörtern auf. "TORANOSSAUROS REZ" krakelt er furchtlos aufs Papier. Kein Zweifel, der Bub schreibt schon fast wie die Großen.
Lesen kann Saurierfreund Vladko aber noch nicht, was auf seinem Zettel steht. Die Buchstaben hat er sich zusammengesucht aus einer bunt bebilderten Tabelle: das "T" von der Tasse, das "O" vom Osterhasen und so weiter.
Vladko darf schreiben, wie er will; alles ist richtig. Nicht nur an seiner Hamburger Grundschule wird auf diese Weise das Alphabet erobert. Im ganzen Land ist die Methode "freies Schreiben" verbreitet - inzwischen hat sie sogar das bayerische Städtchen erreicht, in dem Minna Grün*, neun Jahre, die Schule besucht. Ihr geht es damit nicht so gut.
Minna liest begeistert, seit sie fünf ist. In den ersten Schuljahren durfte sie Wörter, Sätze, Geschichten aufschreiben, und niemand behelligte sie mit Korrekturen. Sie liebte das. Nun aber, in der vierten Klasse, gibt es immer neue Regeln zu befolgen. Minna verliert oft den Überblick, sie macht Fehler über Fehler. Die Mutter muss fast jeden Tag mit ihr üben.
Ob das freie Schreiben mehr nützt als schadet, weiß noch immer niemand so recht; die Fachleute streiten schon länger vor sich hin. Doch nun kommt neuer Elan in die Debatte: Renate Valtin, Leiterin der Abteilung Grundschulpädagogik an der Humboldt-Uni Berlin, hat den Bildungssenator der Hauptstadt aufgefordert, das freie Schreiben in seinem Machtbereich zu unterbinden. Die Nachteile, sagt Valtin, seien inzwischen offenkundig: "Die Schüler entwickeln alle ihre eigene Orthografie. Und hinterher müssen sie sich das mühsam wieder abgewöhnen."
Dass die kleinen Buchstabenmaler meist mit Eifer am Werk sind, leugnet auch Valtin nicht. "Für Akademikerkinder mag das freie Schreiben ja eine schöne Sache sein", sagt die Forscherin. "Die haben so viele andere Quellen der Schriftsprache in Reichweite, da kann die Schule ohnehin kaum was verderben." Andere tun sich nicht so leicht: "Kinder von Einwanderern oder bücherfernen Eltern schneiden in neueren Studien eher schlechter ab, wenn frei geschrieben wird."
Die Methode stammt von dem Schweizer Pädagogen Jürgen Reichen; er hat sie unter dem Namen "Lesen durch Schreiben" populär gemacht. Die Schüler, fordert Reichen, sollen möglichst unbekümmert loskrakeln, frei von Fehlerangst, geleitet nur von ihrer bebilderten Buchstabentabelle, aus der sie sich die benötigten Hieroglyphen zusammenklauben. So kann auch der kleinste Knirps schon schriftlich kundtun, dass er sich "ergat", weil er "wida ferpend" hat.
Die Erwachsenen sollen keineswegs mit Verbesserungen stören. Ganz spielerisch bringen sich die Kinder, wenn es nach Reichen geht, alles Nötige irgendwann selbst bei. Auch dürfe keineswegs das Lesen separat geübt werden - das komme mit dem Schreiben dann wie von allein.
Reichens reine Lehre ist allerdings kaum mehr im Einsatz. Den meisten Lehrern erschien speziell das Leseverbot dann doch zu wunderlich. Aber der Kernbestand der Methode - das freie Schreiben nach einer Bildchentabelle - ist noch weit verbreitet; vor allem erscheinen immer wieder neue Varianten auf dem Markt. Sie nennen sich Tinto oder Konfetti, und in Nordrhein-Westfalen ist gerade die geistesverwandte "Rechtschreibwerkstatt" des Psychologen Norbert Sommer-Stumpenhorst groß in Mode gekommen.
Weithin unbestritten ist, dass das freie Schreiben Vorzüge hat gegenüber der gepflegten Eintönigkeit älterer Fibelwerke. Deren unentwegte Wiederholungen ("Fara ruft Fu, Fu ruft Fara") verleiten eher zum Auswendiglernen als zum verständigen Lesen. Auch ist mit Fibeln schwer zu machen, was sich bei den neueren Methoden von selbst ergibt: "Jedes Kind kommt in seinem eigenen Tempo voran", sagt der Siegener Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann, ein Vordenker des freien Schreibens.
Sein Berliner Kollege Wilfried Metze bezweifelt allerdings, dass die Richtung stimmt. "Die Kinder gewöhnen sich an die Vorstellung, das Deutsche sei eine Lautschrift", sagt Metze. "Das ist aber falsch." Die Lautgestalt der Wörter verrät schließlich nicht, warum wir "Bild" schreiben statt "Bilt", "Schuhe" statt "Schue", "Zoo" statt "Tso". Wenn die Kinder sich die Regeln nicht erschließen können, die hier jeweils wirken, schreiben sie am Ende bestenfalls zufällig richtig.
"Das freie Schreiben beginnt in der Regel zu früh", sagt Metze, der mehrere erfolgreiche Leselehrgänge für Grundschulen erarbeitet hat. "Viele Erstklässler haben ja noch kaum eine Ahnung, was überhaupt ein Wort ist." Das Schreiben fällt ihnen leichter, sobald sie mit vielerlei Leseübungen herauskriegen, wie Sprechlaute, Buchstaben und Wörter zusammenhängen. Deshalb plädiert Metze gegen einen überstürzten Antritt: "Die Kinder sollten zuerst das Leseprinzip verstanden haben."
Andernfalls droht Konfusion, wie eine noch laufende Studie mit Schulanfängern
in Hessen bereits gezeigt hat. 15 erste Klassen unterzogen sich dort erstmals einem Methodenvergleich. Eine Gruppe wurde mit dem klassischen Lollipop-Leselehrgang von Wilfried Metze unterrichtet, eine zweite mit der Rechtschreibwerkstatt, die im ersten Schuljahr vor allem auf freies Schreiben setzt. Eine dritte Gruppe blieb zur Kontrolle ohne besondere Förderung.
Die Klassen begannen unter vergleichbaren Bedingungen: Bei etwa zehn Prozent aller Kinder vermuteten die Forscher eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Am Ende des zweiten Schuljahres aber lagen die Klassen weit auseinander: In der Lollipop-Gruppe hatte fast die Hälfte der Risikokinder lesen und schreiben gelernt. In den Klassen, die mit der Rechtschreibwerkstatt übten, lag ihr Anteil dagegen mit 23 Prozent mehr als doppelt so hoch wie zuvor.
Das hessische Kultusministerium ließ daraufhin die Studie um zwei Jahre verlängern. In wenigen Monaten läuft die Frist nun ab - und siehe da, die freien Schreiber werden ihren Rückstand zum Teil wohl aufholen. Für die Kritiker der Modemethode ist das keine überzeugende Wendung: "Man weiß ja nie, wie viel die besorgten Eltern schon zugebuttert haben, seit die Zwischenergebnisse bekannt sind", sagt Karl Landscheidt, Schulpsychologe in Oberhausen.
Landscheidt beklagt, dass ausgerechnet bei der Alphabetisierung der Kinder ein Durcheinander aus Methodengläubigkeit und Unverstand vorherrsche: "Jeder Lehrer macht, was er will: ganz frei, halb frei, irgendwas." Lehrgangsautor Metze kann das bestätigen. "An den Schulen geistert viel Halbwissen herum", sagt er. "Am schlimmsten ist es, wenn die Lehrer sich ihre Methoden einfach irgendwo zusammensuchen."
Das Angebot ist groß genug; auch Mischformen aller Art sind auf dem Markt. So gut wie alle Fibeln arbeiten ebenfalls schon mit bunten Buchstabentabellen, und kaum mehr jemand möchte das freie Schreiben gänzlich lassen. Doch fehlt es in der Praxis an Wissen über den richtigen Einsatz, über das Zusammenspiel mit Leseübungen und angeleitetem Unterricht.
"Vor allem müssten die Lehrer erst einmal verstehen, wie die Kinder lernen", sagt der Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann. "Das ist eine Frage der Ausbildung."
Die wenigen Studien im deutschsprachigen Raum zeigen fast allesamt, wie stark der Erfolg jeglicher Lehrtechnik von Klasse zu Klasse schwankt. Vor allem aber gibt es keine Methode, von der alle Kinder gleichermaßen profitieren - Mode hin oder her. Eine jede produziert neben Gewinnern auch Verlierer. Mit einem Wort: Es kommt in der Tat auf die Lehrer an.
"Stattdessen löst bei uns eine Welle die andere ab", klagt Brügelmann. "Erst kommen die Propheten, dann ihnen hinterdrein die Anhänger, die glauben, die neue Methode sei nun die Lösung. Das ist sie nie." MANFRED DWORSCHAK
* Schülernamen geändert.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 12/2006
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