20.03.2006

DEUTSCHE GESCHICHTEPoesie und Paranoia

Der Stasi-Thriller „Das Leben der Anderen“ zeigt die düsteren Seiten der DDR-Diktatur. Die war noch bizarrer als bisher bekannt: Es gab Zirkel dichtender Spitzel, die selbst wiederum bespitzelt wurden, wie bisher nicht bekannte Dokumente belegen.
Diese Schönheit, diese Wohnung voller warmen Lichts und kluger Gespräche im kalten Ost-Berlin. Da ist der neue Solschenyzin-Roman. Es gibt Rotwein und unerreichbare Frauen. Was für ein Luxus, was für gelungene Leben!
Die Wohnung ist Observationsobjekt für Gerd Wiesler. Stasi-Hauptmann Wiesler ist einer, der nicht so lebt. Er ist Schild und Schwert der Partei in den achtziger Jahren in der DDR, eine Stasi-Ratte, und er lässt sich in seiner karg möblierten Wohnung von einer älteren Hure besuchen, die vorzugsweise für die Firma arbeitet.
Wiesler oben auf dem Dachboden ist der unsichtbare Kleine, und Georg Dreyman in der Wohnung unten der Dichter-Star inmitten seiner Boheme-Freunde, und gegen ihn soll gesammelt werden, weil sich ein Minister in die schöne Dreyman-Geliebte Christa-Maria Sieland vergafft hat und sie für sich will.
Ein Spiel um Macht. Ein Mörderspiel, das schon viele zerbrochen hat. Die Firma, die zu ihren besten Zeiten 91 000 Hauptamtliche und 180 000 Inoffizielle führte, hat das Land durchsetzt und durchwühlt und infiziert, bis es völlig paranoid noch in seinen letzten Schlupflöchern ist.
Wieslers Team ist effizient. In Windeseile wird Dreymans Wohnung verwanzt, werden Telefone aufgeschraubt, Lichtschalter abmontiert, Kabel unter der Tapete verlegt. Als die Männer fertig sind, drückt Wiesler auf seine Stoppuhr: Sie haben es wieder einmal im Zeitlimit geschafft.
Wiesler selbst bezieht Position über Dreymans Wohnung. Er lässt die Dachbodenfenster abdunkeln und taucht mehr und mehr ein ins Leben der anderen unter ihm, mit klobigen Kopfhörern in Geheimnisse, Geständnisse, Gespräche, Ansichten hineinsinkend, die ihn verändern, leise und allmählich, und aus dem kalten Knochenbrecher den Sympathisanten der Dissidenten machen.
Acht Jahre hat Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck an seinem Film "Das Leben der Anderen" gearbeitet, an diesem unglaublich nervenzerrenden Kinodebüt. Er ist dafür von München nach Berlin gezogen. Und während er geduldig wie sein Held an seiner Geschichte arbeitete, beschäftigte sich das neue Deutschland mit ganz anderen Dingen, mit Arbeitslosigkeit und Irak-Krieg, mit Klimakatastrophen und Globalisierungsängsten. Und nun kommt dieser Film und setzt das untergegangene Regime noch einmal auf die Tagesordnung, und es ist da überhaupt kein komisches Rasselbandenkino zu besichtigen, sondern der nackte Horror.
Die DDR kommt noch einmal zurück, um bewältigt zu werden. Kommt zurück in den trüben Funzeln auf der Straße, den rußigen Hausfassaden und den leeren Augen Ulrich Mühes, der als Hauptmann Wiesler die Vorstellung
seines Lebens gibt, ein Schweiger mit Stirnglatze, innerlich erloschen und allmählich zum Leben erwachend.
Neben ihm ist Ulrich Tukur das gutgelaunte Stasi-Oberschwein, das sich aus Karrieregründen für das Böse entscheidet, und dann noch die wundervolle Martina Gedeck, neurotisch und sexy, und Sebastian Koch, der Dichter Dreyman in seiner Boheme-Sperrmüll-Wohnung, dieser Mischung aus Oma-Biedermeier und verwahrloster Künstlerei.
Der Film ist eine Erfindung, doch er erfindet genau. Ein Film über die Milieus von Macht und Kunst und über die allgegenwärtige Paranoia. "Bei Telefongesprächen haben wir diejenigen, die heimlich mithörten, einfach gegrüßt", sagt Ulrich Mühe im SPIEGEL-Interview (Seite 176). Vielleicht ist das das Ungeheuerliche an diesem System gewesen: Wie nahe das Bestialische und das Menschelnde beieinanderlagen, und wie die Kunst die Menschen befiel mit ihrem Freiheitsvirus.
Am Ende liest Wiesler Brecht-Gedichte, Liebesgedichte, und am Ende versucht er, ein guter Mensch zu sein.
Donnersmarcks Film ist wohl der erste, der sich ernsthaft auf die bizarre Welt der Stasi einlässt. Eine Welt, wie sie grauenvoller, aber auch absurder nicht sein könnte. Eine Welt, in der einer wie M. ein Drittel seines Lebens gearbeitet hat.
Nach einer langen Fahrt durch die brandenburgische Provinz, vorbei an alten Bauernhöfen und klapprigen Datschen, biegt das Taxi in die verschneite Dorfstraße ein und kommt schlitternd vor einem neugebauten Einfamilienhaus zum Stehen.
Der ehemalige Stasi-Offizier M. hat geheiratet, einen anderen Namen angenommen, eine Familie gegründet und ist aufs Land gezogen, um neu anzufangen, auf dem alten Grundstück am See, das er geerbt hat.
Als er noch Gerd Knauer hieß, war M. gegen Vietnam, für Salvador Allende und hat Liebesgedichte geschrieben. Ein junger Mensch mit einem Kopf voller Ideen und ungezügeltem literarischem Mitteilungsdrang. Doch irgendwann kam der Punkt, als sich entschied, dass aus ihm kein Dissident werden würde, sondern ein hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).
Das Andere, die Kunst, sollte nicht fallen gelassen werden, denn M. hörte, dass es im MfS einen "Zirkel schreibender Tschekisten" gebe. "Ich bin jeden Monat hingegangen, bis das 1989 aufhörte." So konnte sie aussehen, die Liebe zur Kunst unter den Bedingungen der Diktatur: Diejenigen, denen sie verboten wurde, nahmen sich bisweilen das Leben. Und diejenigen, die das Unglück mitverschuldeten, übernahmen das Reimen. Die Stasi, ein Club der roten Dichter? Geht es verrückter?
Rund ein Meter Regal nehmen in der Birthler-Behörde die Akten der SED-Kreisleitung ein, die über die Kulturpolitik der Staatssicherheit angelegt wurden. Darunter Gedichte, Beurteilungen - und rund 20 Blatt penibler handschriftlicher Aufzeichnungen des IM "Uwe", der den Spitzelclub später nicht nur geleitet, sondern auch bespitzelt hat. Die literarische Blütenlese - ein Herbarium des Verrats.
Gedichte für den Kampf! Tatsächlich organisierten Mielkes Musen seit den Sechzigern ein kulturelles Nebenprogramm für MfS-Mitarbeiter, das in der Welt der Geheimdienste wohl einzigartig ist.
Undenkbar, dass BND-Barden mit vergleichbarer Inbrunst ihre Verfassungstreue besingen, dass die CIA ihre Agenten auf Poetenseminare schickt, um "die politischoperativen Fähigkeiten aller Mitarbeiter zu entfalten, damit sie umsichtiger bei der Bekämpfung des Feindes und durch hohe Allgemeinbildung überlegen werden", wie es 1962 in einer Broschüre zum Kulturfestival des MfS hieß.
Schon in den siebziger Jahren hatten Kulturfunktionäre die Schriftsteller Helmut
Preißler und Gisela Steineckert zur Mitarbeit gewonnen, um das literarische Niveau bei den schreibenden Tschekisten zu heben. Als der Lyriker Uwe Berger den Zirkel 1982 übernahm, schätzten die Gelegenheitsdichter seinen Rat als Fachmann. "Der war ja ein exzellenter Techniker, was Gedichteschreiben angeht", sagt einer.
Uwe Berger ist der Typ des Geistesaristokraten. Fragil, an die 80, in einem dunklen Haus in Köpenick. Berger war der Spitzel für die Prominenz. Für die Stasi schrieb er Gutachten über Erich Loest, Sarah Kirsch, Günter Kunert. Und nun, vier Jahre vor Glasnost, in einem zunehmend verfaulenden System, war Berger mit dem Tschekisten-Zirkel betraut worden.
Zum Jubiläum des 35-jährigen Bestehens der Staatssicherheit 1985 stellte er die Anthologie "Wir über uns" zusammen. Es waren Gedichte "nur für den Dienstgebrauch im MfS", wie ein Hinweis auf dem Titelblatt verrät. Verse aus dem lyrischen Waffenschrank der Dunkelmänner: "Schwert der Partei, / dem tückischen Feind / entreißt du unbarmherzig die Maske, / legst seine Würgerhände bloß, / kommst dem heuchelnden Verräter / auf die Spur."
Doch daneben war Berger der Mann, der das Innerste, das Wahrste, das Zarteste aus seinen Tschekisten herausholte. Das wurde nie veröffentlicht. Das wurde nur für die Vorgesetzten notiert, denn die Spitzel wurden von ihm persönlich bespitzelt.
Berger, der Gedankenfresser. Sein Führungsoffizier hieß Pönig. "Ein primitiver Mensch", sagt Berger. "Er hatte Minderwertigkeitskomplexe. Er nannte sich König. Als er mich hier besuchte, fragte er mich, ob ich die Bilder selber gemalt hätte." Er deutet auf Reproduktionen von Munch und Hodler.
Dann lächelt er schmal: "Bei der Arbeit mit den jungen Leuten im Zirkel konnte man sozusagen beobachten, wie eine Knospe sich öffnet", und er sah diese Knospen gern. Ein Seelenvoyeur, ein Wahrheitsingenieur, kalt und feinfühlig. "Ich kann mein Verhalten vom heutigen Standpunkt aus nur erklären, nicht entschuldigen", sagt Berger rückblickend. "Um Entschuldigung bitte ich die Betroffenen."
"Der Tschekist muss klar wie ein Kristall sein" lautete einer der Lieblingssprüche Erich Mielkes. Doch Bergers IM-Berichte erzählen von Eintrübungen, denn im Schatten der Propaganda blühte das Unkraut des Zweifels. Zum Beispiel bei M., von dessen inneren Verunsicherungen Berger und die Firma früher wussten als der selbst, denn sie verstanden es, Gedichte zu interpretieren.
"Meine Vorbilder waren Kunert und auch der frühe Biermann", erzählt Herr M., in seinem hellen freundlichen Wohnzimmer, als ob es die normalste Sache der Welt wäre. "Wir hatten ja einige Biermann-Fans in den verschiedenen Kollektiven, in denen ich Dienst tat."
Die Genossen hätten das beschafft. Durch, na ja, er würde das heute als Postraub bezeichnen. "Bei uns war dann der ganze Westkram auf den Tischen, und dann verschwand auch schon mal 'ne Biermann-Platte." Herr M. holt drei Alben des ausgebürgerten Barden hervor: "Hier, ich hab sie heute noch."
Er wollte dichten, und vielleicht hat er dabei erlebt, dass sich Lyrik dem widersetzt, was das oberste Ziel seiner Behörde war: Kontrolle. "Bei Kunert habe ich gelernt, wie man Probleme benennen kann, ohne sie auszusprechen."
Er sagt es in aller Unschuld, nimmt einen Schluck Kaffee und scheint gar nicht zu merken, dass er sich damit eine Technik des verdeckten Schreibens zu eigen gemacht hat, die auch die oppositionelle Literatur der DDR nutzte. Dem System, als dessen Schild und Schwert er wirken sollte, fiel das auf.
Tatsächlich, M. war selbst ein Spitzelopfer, war selbst Observationsobjekt. Er ist zunächst fassungslos. Dann beugt er sich über die mitgebrachten Kopien und liest:
"14. Juni 1984. Gerd Knauer legt ein 52 Seiten langes Gedicht von der Atom-Vernichtung der Menschheit vor. Angstverbreitung als wesentlicher Inhalt, eindringlich durch formale Glätte.
25. Oktober 1984: Gerd Knauer trägt ein eigenes Gedicht vor, in dem er mit einem Kinderdrachen im Traum ,die Enge zu überwinden und in die Freiheit zu fliegen' wünscht.
13. Dezember 1984: Gerd Knauer liest ein eigenes Gedicht mit dem Titel ,Die Ja-Sager' vor."
Herr M. sieht auf, schüttelt den Kopf: "Ich hatte wirklich gedacht, dass wir unter uns sind." Er sinkt ein bisschen tiefer in sein Sofa. Berger. Hätte er nicht gedacht. Dann wieder macht es Sinn. Berger war sozusagen Geburtshelfer der Wahrheit. Berger bekam alles raus, mit Hilfe der Kunst.
Ja, sagt Herr M., mit dem Zirkel habe die Stasi einen Schlüssel gehabt. Lyrik sei ja was ganz Gefühlvolles und Persönliches. Er habe immer gedacht, dass Uwe Berger ein handwerklich guter Lyriker sei. "Er konnte die Leute gut aufschließen, indem er nachgefragt hat."
Dichten als operativer Vorgang. Zeile für Zeile wird ein Mensch abgehorcht, beobachtet, entkleidet. Was willst du damit sagen, was steckt dahinter, warum schreibst du das gerade so? Herr M. nickt: "So kann man natürlich ziemlich tief in die Seele eindringen und hinterher sich abends hinsetzen und schreibend tätig werden." Im totalen Überwachungssystem wird das Wort zum Feind des Wortes, ein konspirativer Krieg aller gegen alle.
Was bleibt, ist der Spielraum zwischen den Zeilen, eine lose Kachel oder die Türschwelle, unter der sich Verbotenes verstecken lässt, wie in Donnersmarcks Film, oder zwischen Kladden, wie in M.s Wirklichkeit. In den fünf langen Jahren, die der DDR noch blieben, goss er seine Sehnsucht nach Veränderung in
Verse. Während sein Chef 1989 noch Paraden zum 40. Jahrestag der Staatsgründung abnahm, bedichtete der Hauptmann Knauer die Zeitenwende: "Schon bricht, du spürst es dann und wann / Der Sommer der Geschichte an."
Nach der Wende arbeitete er noch im Komitee zur Auflösung der Stasi, danach sogar bei der Gauck-Behörde. 1990 führte er sein Idol Biermann durch den Komplex Normannenstraße, durch Mielkes Zimmer. Und Biermann nannte ihn liebevoll "mein Stasi-Schweinchen".
Später verlegte er sich eine Zeitlang ganz aufs Schreiben. In fünf Krimis hat er seine Erfahrungen aus der Firma und aus der Wendezeit verarbeitet. Titel des ersten: "Yeti sei tot".
Und heute? Er ist Steuerberater. Es geht nicht schlecht. Er bereut nichts und will auch nichts beschönigen: "Ich war weiß Gott kein Umstürzler. Aber wir haben doch gemerkt, dass in diesem Staat was stinkt, wenn immer mehr Leute rauswollen." Nachdenklich sitzt er in seiner schönen hellen Wohnzimmerlandschaft mit dem Blick auf den See. "Was haben die mit uns gemacht?"
Die Tschekisten verblassten, und ihre Spuren verlieren sich nach der Wende. Wie bei dem Stasi-Mann Wiesler, der in einer großen letzten Sequenz des Films fast verschwindet vor dieser Graffiti-überzogenen Hauswand, an der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin, einer unter vielen, der Reklame austrägt.
"Gruselig", sagt die Typografin Carolin aus Leipzig nach der Vorführung. Sie war zehn, als die Mauer fiel. Für sie gibt es nicht mehr Osten oder Westen, sondern nur Deutschland. Sie ist hübsch und jung und will demnächst in einem offenen Wagen durch Texas düsen. Und es ist sicher, dass sie es tun wird.
Sie versteht die Ostalgie ihrer Eltern überhaupt nicht, zumal der "Vater doch mitmarschiert ist bei den Montagsdemos". Trotzdem hat er Sehnsucht nach den alten Zeiten, in denen sich noch nicht alles ums Geld gedreht habe.
Nach der Berliner Kinopremiere steht Stasi-Aufklärer Joachim Gauck im Café Moskau eingekeilt mit Bulette und Kartoffelsalat. Es müssen tausend Leute da sein, zum Kinoereignis des Jahres. Dass es dichtende Tschekisten gab, die Biermann verehrten und dann selbst bespitzelt wurden, das ist sogar Gauck neu. Er schüttelt den Kopf. Man lernt nie aus.
Aber so ist das wohl mit der Kunst. Sie lässt sich nicht kontrollieren. Sie ist ein Virus, das immer nur eines will: die Freiheit. Die Kunst ist schwach? Man muss sich nur umschauen an diesem Abend in der Künstlerkneipe Café Moskau im Osten - wer hat denn wohl gewonnen? LARS-OLAV BEIER, MALTE HERWIG,
MATTHIAS MATUSSEK
* Oben links: Sascha Anderson, Heiner Müller; rechts: Günter Kunert; unten: Wolf Biermann, Nina Hagen, 1970 in Berlin heimlich durch das Loch in einer Handtasche fotografiert.
Von Lars-Olav Beier, Malte Herwig und Matthias Matussek

DER SPIEGEL 12/2006
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