14.08.1967

Rudolf AugsteinBERLIN - GEISEL DES SCHICKSALS

Hätten wir eine Regierung -- und vielleicht haben wir trotz manchem Anschein eine -, so würde sich die Außenpolitik der Bundesrepublik in der nächsten Zeit von Grund auf ändern. Äußere Ereignisse zwingen dazu.
Adenauer, Brentano, Hallstein, Schröder, Kiesinger, Brandt nahmen an, daß die USA
> die Sicherheit der Bundesrepublik und
> die Sicherheit West-Berlins gewährleisten können.
Inzwischen hat sich diese Annahme als brüchig herausgestellt. Die USA treiben eine Außenpolitik, die direkt West-Berlin und, dadurch, indirekt die Bundesrepublik gefährdet. Auf dem fernöstlichen Kriegsschauplatz haben sie sich in eine Zwangslage begeben, die ihnen nur noch die Wahl zwischen einem Atomkrieg und dem Rückzug läßt. Präsident Johnson kann sich nächstes Jahr nur zur Wiederwahl stellen, wenn er entweder einen durchschlagenden militärischen Erfolg gegen Nordvietnam erzielt oder darauf verzichtet, diese Nachbar-Zone Chinas zum Aufmarschgebiet der USA auszubetonieren.
Der durchschlagende Erfolg gegen Nordvietnam ist völlig außer Sicht. Würden die Amerikaner zehnmal soviel Sprengstoff auf Nordvietnam regnen lassen wie sämtliche Feinde Hitler-Deutschlands auf eben dieses, so hätten sie zwar den Abscheu aller übrigen Menschen, nicht aber den Sieg errungen. Vietnam, dessen Sache zu Anfang nicht so gerecht war, wie sie durch das Eingreifen der USA geworden ist, hält durch und wird durchgehalten.
Also bleibt nur die völlige Auslöschung Nordvietnams, der Genocid. Daß die Amerikaner aus moralischen Gründen hierzu nicht fähig wären, wird man nicht mehr mit Sicherheit annehmen können. Wohl aber ist sicher, daß China dann eingreifen wird, was immer Herman Kahns Elektronengehirn hierzu ausspuckt. Man stelle sich vor, was die USA aufstellen würden, wenn die Chinesen einem vom Aufruhr bedrängten Castro mittels Auslöschung Kubas zu Hilfe kämen.
Krieg der USA gegen China stellt die Sowjets vor eine unerhörte Situation. Wie beunruhigt sie auch immer über China, wie froh sie auch immer über einen Dämpfer sein mögen: Daß China in einem Krieg, den die USA zu verantworten hätten, als Weltmacht vorerst ausgeschaltet würde, könnten die Sowjets, Solidarität her, Rivalität hin, nicht tatenlos zulassen.
Daß China die USA besiegt, ist die nächsten zehn Jahre noch ausgeschlossen. Also müssen die Sowjets entweder den Chinesen zu Hilfe kommen, was sie vielleicht doch nicht wollen, oder sie müssen Ausschau halten nach Geiseln und Kompensationen, jenem klassischen Muster folgend, das für das Verhalten der großen Mächte von je bestimmend war.
Kommen sie China zu Hilfe, dann wird unser Herr Bundeskanzler Oberbefehlshaber der Bundeswehr. Kommen sie China aber nicht zu Hilfe, so werden sie Geiseln und Kompensationen in Europa suchen.
Da trifft es sich denn gut, daß West-Berlin in ihrem Bereich liegt, jene Teil-Stadt, die der Außenminister der USA erst vor drei Monaten ebenso sinnig wie richtig die "Geisel des Schicksals" genannt hat; "des Schicksals" freilich ist nicht ganz präzise. West-Berlin ist die Geisel der Sowjets in einem Krieg zwischen .den Atommächten USA und China.
Was tun? Herr Willy Brandt soll einen schönen Erfolg in Bukarest davongetragen haben, Herr Egon Bahr einen weniger schönen in Prag. Aber in einigen Monaten schon könnten wir bedauern, daß wir zwanzig Adenauer-Jahre lang Übersetzer-Philologie getrieben haben anstatt Außenpolitik.
Da die USA West-Berlin in dem einzigen Notstandsfall, der in Sicht ist und den sie selbst herbeiführen, nicht schützen können, ist es höchste Zeit, die Hausmeister-Schikanen des Herrn Walter Hallstein über Bord zu werfen und Sowjet-Rußland in das System deutscher Sicherheiten mit einzubeziehen.
Ob Kambodscha den Herrn Walter Ulbricht anerkennt, ist so wichtig wie der Schnee vom vergangenen Jahr. Wohl aber ist wichtig, daß der Rückversicherungsdraht nach Moskau geknüpft wird. Die erste Station liegt in Ost-Berlin.
Wohl aber ist wichtig, daß die Grenzen in Europa anerkannt werden, alle Grenzen, die der Sowjet-Union, Polens und der DDR.
Daß die Gespräche über ein europäisches Sicherheitssystem, und über den Part West-Berlins in ihm, nicht länger den USA und de Gaulle zur ausschließlichen Bedienung überlassen bleiben dürfen, versteht sich von selbst. Unwichtig hingegen ist das Lächeln der geschäftstüchtigen Rumänen, die aber freilich Politik machen.
Es gibt, wie Douglas MacArthur uns gelehrt hat, keinen Ersatz für den Sieg. Aber auch die Politik kann durch kein Fernseh-Geschummere ersetzt werden.
Immer wenn ein Politiker stirbt, verstrahlen sie Dekor, als hätten wir eine Regierung. Aber: Vielleicht haben wir eine Regierung.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 34/1967
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