14.08.1967

BERLIN / FLUCHTHILFENur mit Braut

In den letzten Tagen des Juli setzten sich drei prominente DDR-Bürger in den Westen ab. Zwei von ihnen, Wissenschaftler, haben die Flucht bisher geheimgehalten. Der dritte Mann aber konnte nicht an sich halten, seinen Waldlauf über die. "ungarische Grenze aller Welt kundzutun: Jürgen May, 25, Leichtathlet und Weltrekordler über 1000 Meter.
Der mitteldeutsche Spitzensportler brachte damit seine Fluchthelfer -- eine Gruppe West-Berliner Studenten -in Bedrängnis, und er verstopfte, wie die Wohltäter glauben, ein für allemal das Schlupfloch in den Westen. "Der Mann", so klagte einer der Helfer, "hat uns Arbeit gemacht, als hätten wir 50 geholt."
In der "Bild-Zeitung" enthüllte der Sportsmann exklusiv und gegen Honorar, warum er dem Arbeiter-und-Bauern-Staat davongerannt war: "Man wollte mich fertigmachen." Für die Leser der langen Lebensbeichte war der May gekommen, weil er, vom Regime verfemt. die Freiheit wählte.
Seinen Genossen allerdings galt der Verfemte lange Zeit als Musterknabe der Republik. Seit er der DDR bei internationalen Leichtathletikkämpfen und während der Olympischen Spiele zu Ruhm verhalf, war für ihn keine Auszeichnung gut genug, keine Prämie zu hoch.
Schriftsetzer May, Leistungsprodukt des Sport-Clubs "Turbine Erfurt", durfte bei der SED-Zeitung "Das Volk" als Sportredakteur (Nettogehalt: 640 Mark) arbeiten. Die Partei verschaffte ihm einen Sitz im Bezirkstag und damit Abgeordneten-Diäten, und sie schenkte dem Auserwählten ein Wartburg-Auto. Preis: 18 000 Mark.
Das Wohlwollen der Funktionäre vergalt der Mittelstreckler mit einem Rekord an ideologischer Dankbarkeit. Er verfaßte Ergebenheitsadressen an die DDR-Führung ("Gute Taten für unseren Staat"), gratulierte als "Sportler des Jahres" dem greisen Staatschef Walter Ulbricht zum SED-Jubiläum und wurde Kandidat in der Partei der Arbeiterklasse.
Durch Treue zur DDR und sportliche Hochform eröffnete sich May die Möglichkeit "zu reisen, die Welt kennenzulernen". Er war in Neuseeland, Japan und in der Bundesrepublik, doch er kehrte stets -- obwohl ohne Familie und ungebunden -- aus dem Westen in die sozialistische Heimat zurück.
Daß der Staatssportler gelegentlich über die Stränge schlug und, wie die Kader-Akte vermerkt, "eine disziplinlose Lebensführung zeigte", verzieh die sonst sittenstrenge Partei anfänglich noch. Doch die Geduld der Funktionäre war erschöpft, als May während der Europameisterschaft 1966 in Budapest gegen die guten politischen Sitten verstieß: Er hatte sich von seinem einstigen westdeutschen Konkurrenten Karl Eyerkaufer überreden lassen, unter DDR-Sportlern Produkte aus der Bundesrepublik anzupreisen:, "Puma"-Laufschuhe. Eyerkaufer hatte ihm dafür 100 Dollar zugesteckt.
Sofort zogen die Gönner ihren Könner vom Start zurück. May erhielt Weisung, dem Sport zu entsagen, bis "Gras über die Sache" gewachsen sei. Als die Partei aber erfuhr, daß der Gestrauchelte entgegen der Order insgeheim weitertrainierte, bedachte der DDR-Leichtathletikverband May mit Laufverbot auf Lebenszeit. Zudem mußte die SED-Leitung Erfurt ihren Kandidaten vom Sportkommentator der Bezirkszeitung zum Hilfssportlehrer einer Schule (Gehalt: 490 Mark) degradieren.
Dennoch ließ die SED-Führung durchblicken, daß Jürgen May nicht auf Dauer in Ungnade gefallen sei und mit einem Comeback rechnen könne: Er durfte Kandidat der Partei bleiben und wurde Anfang Juli, wenige Wochen vor seiner Flucht, sogar Vollmitglied der SED.
Zu dieser Zeit aber hatte der verdiente Läufer der DDR schon beschlossen, zu einem Endspurt in den Westen anzusetzen. Sein Sportsfreund Karl Eyerkaufer aus dem. hessischen Hochstadt, Vertreter der bayrischen "Puma "-Sportschuhfabrik, war über Mittelsmänner in Kontakt mit den Berliner Fluchthelfern gekommen.
Die Studenten, die "Fluchthilfe mehr aus Sport denn wegen des Geldes" betreiben (so ein Mitglied der Gruppe) und ihren Lebensunterhalt an Wochenenden mit Autowaschen verdienen, waren bereit, Jürgen May für 9000 Mark via Budapest in die Freiheit zu holen.
Das Unternehmen schien finanziell gesichert, denn Karl Eyerkaufer hatte den Helfern bedeutet, "eine bekannte Schuhfirma" werde die Kosten übernehmen. In der Tat war der West-Sportler bemüht gewesen, die Puma-Werke für den glücklosen Puma-Werber May einzuspannen.
Doch Firmen-Chef Rudolf Dassler bangte um seine Ost-Exporte. Er wollte "mit der Sache keineswegs etwas zu tun" haben, und er verbot seinem Vertreter Eyerkaufer, der sich für die Kontakte zwischen Mittelsmännern und May das Stichwort "Puma" ausgedacht hatte, den Marken-Namen mit der Aktion zu verquicken. Der Sportsmann mußte einen Bankkredit aufnehmen.
Aber 9000 Mark reichten nicht mehr. Denn über den DDR-Vertrauensmann der Helfer-Gruppe hatte Jürgen May unterdessen angedeutet, er werde seine Braut Bärbel Holländer mit nach Ungarn nehmen müssen. Grund: Ohne die Bürgschaft der in der DDR gut beleumundeten Lehrerin hätte der in Mißkredit geratene Sportsheld überhaupt keine Ausreiseerlaubnis bekommen. Die Fluchthelfer erhöhten das Transportgeld prompt auf 18 000 Mark.
In Budapest angekommen, wollte May es wieder billiger machen. Seine Braut, so bedeutete er den Helfern, wisse nichts von dem Fluchtplan; die könne man getrost sitzenlassen.
So jedenfalls berichten die hilfreichen Studenten. May sieht es heute anders: Er habe den Alleingang nur vorgetäuscht, weil "ich Angst hatte, die Gruppe würde mich sonst in Ungarn sitzenlassen".
Zu solcher Sorge freilich bestand kein Anlaß. Denn den Fluchthelfern erschien das Risiko, eine versetzte, enttäuschte Braut in Budapest zurückzulassen, viel zu groß. "Wir mußten", so erinnert sich einer der Studenten, "May In einem sehr langen Gespräch von der Notwendigkeit überzeugen, seine Braut doch mitzunehmen." Bärbel Holländer wurde eilends aus einem Strandbad der Donaustadt geholt; sie willigte in die Flucht ein. Ihr Kind blieb in der DDR zurück.
In West-Berlin bereitete Läufer May seinen Helfern erneut Verdruß. Die Studenten hatten ihn eine Weile in der Halbstadt festhalten wollen, um die DDR-Fahnder zu narren. Sie sollten glauben, May sei über die deutsche Ost-Grenze entkommen. Doch Jürgen May flog mit Eyerkaufer -- der in einer Berliner Bier-Schwemme das Honorar übergeben hatte -- vorzeitig nach Westdeutschland. Dort plauderten die Sportsfreunde unbefangen Details der Flucht aus.
Ein Fluchthelfer: "Daß May nicht schwieg, als er im Westen war, sondern redete und sogar sagte, er sei über Budapest gekommen, hat mit Sicherheit den Fluchtweg zerstört, über den wir schon viele "rausgeholt haben."
Und: "50 000 Mark, die wir in den Ausbau und die Sicherung dieses Weges investiert hatten, sind futsch."

DER SPIEGEL 34/1967
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